Aachen: Armin Laschet: „Die CDU muss die Kirche in Schutz nehmen“

Aachen: Armin Laschet: „Die CDU muss die Kirche in Schutz nehmen“

Es sind keine guten Tage und Wochen für die katholische Kirche. Das merkt auch die CDU, die mit ihrem „C“ im Namen bei vielen Themen das Spannungsfeld zwischen traditionellen christlichen Werten und dem aktuellen Zeitgeist zu spüren bekommt. Der CDU-Landeschef Armin Laschet will sich davon nicht beunruhigen lassen. Im Gegenteil. Im Interview mit den Aachener Nachrichten fordert er mehr Respekt gegenüber regligösen Gefühlen — eben auch von Katholiken.

Herr Laschet, Sie treten in Ihrer Partei dafür ein, die Kirchen gegen überbordende Kritik, Anfeindungen und Häme in Schutz zu nehmen. Macht der Niedergang der Volkskirchen auch der Volkspartei CDU zu schaffen?

Laschet: Die Nachricht vom Rücktritt von Papst Benedikt XVI hat viele Menschen in Deutschland tief bewegt. Aber die Häme und Freude darüber war bei einigen Medien größer als nach dem Ende Saddam Husseins oder Kim Jong Il. Warum kann man nicht die Erklärung des Papstes, dass man für das Petrus-Amt sowohl die Kraft des Körpers als auch die Kraft des Geistes notwendig sei und er diese nicht mehr in vollem Umfang aufbringen könne, mit Respekt annehmen? Ich habe in den letzten Jahren dafür geworben, Respekt gegenüber religiösen Gefühlen, besonders auch die der Muslime zu haben. Ich finde, jetzt ist es an der Zeit, auch über die religiösen Gefühle der Katholiken zu reden.

Vor allem die katholische Kirche liefert immer wieder Angriffsflächen. Zuletzt sorgte die Abweisung eines Vergewaltigungsopfers bei zwei katholischen Kölner Krankenhäusern für öffentliche Empörung.

Laschet: Die Missbrauchskandale müssen rückhaltlos aufgeklärt werden, aber dass viele jetzt kirchliche Krankenhäuser, Schulen, Kindergärten und Sozialeinrichtungen in Frage stellen, ist völlig unangemessen. Ich erwarte Respekt gegenüber allen, die sich aus christlicher Nächstenliebe einsetzen für die Schwachen bei uns im Lande und mit Fasten- und Spendenaktionen, beispielsweise in diesen Tagen für Misereor, in der ganzen Welt engagieren. Hier muss die CDU die Kirche in Schutz nehmen. Und: Ja, wenn das Ansehen der Kirche leidet, trifft das auch die Volkspartei CDU.

Das antiquierte Arbeitsrecht der Kirchen in Kindergärten, Kliniken und Altenheimen ist für viele ein Ärgernis. Muss Sie dies nicht als CDU-Politiker heraus fordern statt sich schützend vor die Kirchen zu stellen?

Laschet: Das Arbeitsrecht der evangelischen und der katholischen Kirche basiert auf der Idee, dass die Kirchen ihre Mitarbeiter nach christlichen Grundsätzen auswählen dürfen. Die SPD stellt ja auch keine Aktivisten der Jungen Union ein. Wer für eine Einrichtung arbeitet, muss deren Grundsätze grundsätzlich teilen. Aber ich plädiere für eine kritische Verbundenheit meiner Partei zu den beiden großen Kirchen, dort wo es notwendig und angebracht ist. Deshalb habe ich mich beispielsweise in meiner Amtszeit als Minister intensiv an der Aufklärung des Missbrauchs von Heimkindern gewidmet und der Kölner Fall um die Vergewaltigungsopfer hat gezeigt: Die Kirche ist lernfähig. Sachliche Gespräche lohnen sich.

Was bedeutet für Sie das „C“ im Parteinamen?

Laschet: Das „C“ ist Ausdruck eines säkularisierten Christentums. Es ist die Antwort der CDU auf eine sich weiter säkularisierende Gesellschaft, in der christliche Werte trotz des Rückzugs althergebrachter kirchlicher Strukturen hoch geachtet sind. Die große Mehrheit der Deutschen sieht die Kirchen weiterhin als moralische Instanzen. Unser Bekenntnis zu unseren christlichen Wurzeln ist auch Ausdruck bürgerlicher Politik, denn eine solche Politik argumentiert letztlich zutiefst vernünftig und rational, das heißt auch für Nichtchristen oder Agnostiker überzeugend. Und sich den Kirchen kritisch verbunden zu fühlen, bedeutet natürlich, auch gelegentlich Kritik zu üben.

Das Verhältnis zwischen manchen Kirchenführern und prominenten Christdemokraten ist deutlich gespannt. Der Kölner Kardinal Joachim Meisner hat die CDU wiederholt aufgefordert, ihr „C“ aufzugeben, weil ihre Politik nicht mehr christlich sei. Haben Sie darüber mal mit dem Kardinal gesprochen?

Laschet: Die Aussage liegt ja schon einige Jahre zurück. Der Kardinal hat sich schon über mich geärgert, sogar in einem Buch und er hat mir schon zugestimmt und mich unterstützt. Ich habe mich auch schon über ihn geärgert, aber ihn persönlich und auch menschlich als offen und gewinnend wahrgenommen. Dass er als erster deutscher Bischof dem Kurs bei Vergewaltigungsopfern geändert hat und alle anderen ihm folgten, finde ich beachtlich. „C“ bei CDU steht aber nicht für die lateinische Übersetzung „cardinal“, sondern für christlich. Und da können wir auch einmal unterschiedliche Meinungen haben.

In der Union gibt es eine innerparteiliche Auseinandersetzung um die steuerliche Gleichstellung gleichgeschlechtlicher Lebenspartnerschaften mit der Ehe. Laut aktuellen Umfragen sind zwei Drittel der CDU-Anhänger für eine steuerliche Gleichbehandlung. Tritt die CDU-Führung bei der Gleichstellung aus Rücksicht auf die katholische Kirche auf die Bremse?

Laschet: In diesen Tagen hat der bisherige oberste Verfassungsrichter von Nordrhein-Westfalen, der SPD-Mitglied ist, die Gleichstellungs-Rechtsprechung des Bundesverfassungsgerichts kritisiert. Sich für die Priorität von Kindern und Familien im Steuerrecht gegenüber einer Förderung von Lebensformen einzusetzen, hat nichts mit Rücksichtnahme auf katholische Kirche zu tun. Nur so wird die Generationenfolge gesichert. Deshalb setzte ich mich dafür ein, das Ehegatten-Splitting zu einem Familien-Splitting zu erweitern. Außerdem: Etwas zu fördern heißt ja nicht automatisch, im Gegenzug etwas anderes zu diskriminieren.

Andererseits sind die Unionsparteien von den Kirchen auf Politikfeldern wie Armutsbekämpfung, Militäreinsätzen im Ausland, Rüstungsexporten und nachhaltiger Energiepolitik längst links überholt worden. Müssen Sie nicht eingestehen, dass die programmatischen Schnittmengen zwischen Union und Kirchen in der aktuellen Gesellschaftspolitik deutlich abnehmen?

Laschet: Nein, keinesfalls. Gerade für die Grundsatzprogrammberatung in der CDU Nordrhein-Westfalens ist die Kenntnis der Soziallehren der Kirchen, das Grundverständnis des christlichen Menschenbildes und der unveräußerlichen Würde des Menschen von fundamentaler Bedeutung. Wir müssen unsere Entscheidungen klar und für jedermann nachvollziehbar aus den Grundwerten unserer Partei ableiten. Auf dieser Grundlage können wir sehr moderne Antworten für die aktuelle Gesellschaftspolitik geben und Stellungnahmen der Kirchen zu den von ihnen erwähnten Themen müssen wir als CDU ernster nehmen als manche Interventionen von Lobbyisten.

Als CDU-Landeschef haben Sie maßgeblich mit dafür gesorgt, dass muslimische Politikerinnen künftig wichtige Mandate und Führungsfunktionen in der NRW-CDU bekleiden. Wird dies von breiten Teilen ihrer Partei mitgetragen oder gibt es Irritationen darüber, dass zwei Muslima in einer christlichen Partei wichtige Positionen bekleiden.

Laschet: Die CDU ist als große Volkspartei offen für alle, die sich zu unseren Grundsätzen bekennen. Natürlich freue ich mich über die einstimmige Entscheidung des Landesvorstands, dass wir mit der Platzierung der Hagener Kandidatin Cemile Gioussouf auf Platz 25 der Landesliste eine aussichtsreiche Chance haben, die erste türkeistämmige Abgeordnete von CDU und CSU im Deutschen Bundestag stellen zu können. Und die Kölner Landtagsabgeordnete Serap Güler ist 2012 als erste Migrantin für die CDU in den NRW-Landtag eingezogen und auf dem letzten Bundesparteitag in den Bundesvorstand gewählt worden. Nur wenn wir als Union die ganze Vielfalt der Gesellschaft ansprechen, können wir als Volkspartei glaubwürdig sein. Das muss sich auch in den Parlamenten widerspiegeln. Wenn bei uns in der CDU auch Muslime oder Konfessionslose erfolgreich sein können, ist das übrigens ein Beleg dafür, dass unser Menschenbild und Politikverständnis tatsächlich nicht christlich-fundamentalistisch, sondern in bester aufklärerischer Tradition human und vernünftig ist.