Am 26. Mai ist Europawahl: Wahlwerbespots analysiert

Wahlwerbespots aus der Sicht eines Cineasten : Johnny Depp, die Liebe und winkende Eichhörnchen

Wahlkampf ist die Zeit der Wahlwerbespots. Unser Kritiker hat sich den Jahrgang 2019 angeschaut und dabei interessante Entdeckungen gemacht.

Klar, Wahlen sind ein Fest der Demokratie. Aber auch Cineasten blicken jedem Wahlkampf gespannt entgegen. Das liegt am Gleichheitsgrundsatz des Parteiengesetzes, das für Wahlwerbung im Rundfunk allen Parteien die gleiche Sendezeit einräumt. Egal, ob (ehemalige) Volkspartei, oder leicht spinnerte Nischengruppierung. Wer gewählt werden darf, der muss auch gesendet werden. An gleichberechtigt zugeteilten Sendeplätzen können potenzielle Wähler innerhalb von anderthalb Minuten von den eigenen politischen Qualitäten überzeugt werden. Oder auch nicht.

Zu früheren Zeiten spülte der TV dann zur Primetime cineastische Kleinpartei-Kleinode in bundesrepublikanische Wohnzimmer, die in ihrer Machart eher an 80er-Jahre-Kinowerbung für das Restaurant nebenan erinnerten. Das erheiterte meist ungemein und man war regelrecht sauer, nicht alle mitbekommen zu haben.

Diese Zeiten sind vorbei, weil das Internet heutzutage alle Spots bereithält und man so in Ruhe Bildsprache, Blickwinkel, Kameraführung, Plot und Ähnliches analysieren kann.

Darum an dieser Stelle der streng cineastische Blick auf die Höhepunkte des 19er Jahrgangs. Mit viel Altbekanntem, aber auch mit der einen oder anderen Überraschung. Achso: Die politischen Botschaften sind uns an dieser Stelle herzlich egal. Das würde ja nur halb so viel Spaß machen.

Die traurige Nachricht vorneweg: Vollkommen peinliche Spots mit farbstichigen Bildern, schlechtem Ton und Wackelkamera sucht man fast vergebens. Die Information, dass man inzwischen sogar mit Smartphones kinotaugliche Stücke drehen kann, ist offensichtlich sogar bis zu den Parteien vorgedrungen.

Kategorie Nostalgie:

Am nächsten dran an diesen seligen Zeiten ist sicherlich der Spot der Partei Volksabstimmung, unser Gewinner in der Kategorie Nostalgie. Eine Hommage an die gute alte Zeit der Wahlwerbespots. Schicker älterer Herr an Pult, der erklärt, warum es besonders schlau wäre, ihn zu wählen. Dazu ein an Grzimek erinnerndes Stimmtimbre, Akademikertitel in der Bauchbinde und natürlich die bewährten Spiegelstriche (man will schließlich Inhalte transportieren). Ein wenig schade ist, dass auch hier so neumodischer Kram wie Tiefenunschärfe und Schnittbilder Einzug gehalten haben. Wenn die Volksabstimmung ihre Spots weiter derart rasant modernisiert, hat sie zumindest in dieser Kategorie kaum noch eine Chance.

Stärkster Konkurrent war die LKR (Liberal-Konservative Reformer), deren Spot mit einem gekonnt unwitzigen, aber witzig wirken sollenden Vergleich startet und dann ebenfalls an einen erklärenden älteren Herrn übergibt. Dann jedoch der Fehler. Den älteren, professoralen Herrn kennt man nämlich, was in der Kategorie Nostalgie nahezu ein K.O.-Kriterium ist. Vollends chancenlos wird der Spot dann als plötzlich eine junge, namenlose Italienerin auftaucht und reden darf. Zwar fand die Jury gelungen, dass ihr Erscheinen vollkommen rätselhaft ist, und niemand auch nur den Hauch einer Ahnung haben kann, was ausgerechnet sie dazu qualifiziert, uns Bernd Lucke ans Herz zu legen. Dennoch führte die Tatsache, dass es mehr als einen Sprecher gibt, zu einem abgeschlagenen zweiten Platz.

Kategorie Doubles:

Hier gab es ein Kopf-an-Kopf-Rennen.

Auf Platz zwei landete das Bündnis Grundeinkommen, dessen Hauptdarsteller Ralf Komorr („Unter uns“, „Die Rosenheim Cops“) berühmte Personen imitiert, die sich an dem Thema der Einthemenpartei abarbeiten. Besonders gut gefiel der Jury, dass die Macher die Namen der imitierten Personen einblenden. Ein souveräner Umgang mit der Skepsis gegenüber den Imitationsfähigkeiten des Darstellers. Negativ ins Kontor fiel, dass dieser Spot bereits zur BTW 2017 lief. Deutlicher kann man das Nichtvorankommen beim Umsetzen seiner politischen Ziele kaum dokumentieren.

Unangefochtener Sieger in der Kategorie Doubles ist zweifelsohne die Partei für die Tiere. Ein Jack-Sparrow-Doppelgänger sitzt aus nicht erfindlichen Gründen im Parteibüro und „diskutiert“ mit Parteifunktionären Tierrechte, als plötzlich ein Johnny-Depp-Doppelgänger den Raum betritt und ebenfalls - na klar - für Tierrechte eintritt. Das ist großes Wahlwerbespot-Kino. Alleine die Vorstellung, wie die Parteiverantwortlichen beisammensaßen und den Plot für gut befanden, löste bei der Jury wohliges Glucksen aus:

„Welcher Promi setzt sich denn für Tierrechte ein?“

„Brigitte Bardot“

„Ja, aber die ist doch inzwischen so rechts. Das können wir nicht machen!“

„Was ist denn mit Johnny Depp. Der findet tote Tiere doch auch doof.“

„Prima Idee. Außerdem gibt es bei dieser Doppelgänger-Agentur gerade Depp und Sparrow im Sonder-Deppen-Angebot.“

„So machen wir’s!“

Applaus.

Kategorie Alterswerk:

Die ehemalige Grüne Jutta Dittfurth in einer Charakterrolle. Als öko-linke-feministische Kämpferin, die die Haare sehr schön hat (erinnert an Milva) und die Kamera ganz nah an sich ranlässt. Böse Zungen würden ihr vorwerfen, dass Dittfurth im Spot von ÖkoLinX ihre Lösungen für die politischen Probleme aber ziemlich heftig ablesen muss. Leider kann man den bösen Zungen in diesem Fall nicht widersprechen. Dennoch eine eindringliche Vorstellung der Mimin. Da soll noch mal jemand sagen, für ältere Damen gäbe es keine Rollen mehr. Während wir uns immer noch beeindruckt Luft zu fecheln, wechseln wir zur …

Kategorie Liebesfilm:

Wer kann schon was gegen Liebe haben? Dachte sich wohl auch die Partei, die sich nach diesem zugegeben recht schönen Gefühl benannt hat. Nach dem Spot dürfte es allerdings den einen oder anderen Liebe-Skeptiker mehr geben, weil Liebe in dem Wahlwerbefilm nicht nur die Lösung wirklich aller Probleme darstellen soll, sondern das Wort auch noch fortwährend und penetrant von einer sonoren Männerstimme geraunt wird. Die Jury findet dennoch, dass Liebe prinzipiell nicht schaden kann. Ist jedenfalls besser als Hass. Und wer weiß, vielleicht steigt ja bald Kai Pflaume in die Parteiarbeit ein. Das könnte der Durchbruch sein.

Bestes Remake:

Auch, wenn die Partei Neue Liberale es vermutlich heftig dementieren würden, aber die Jury versteht den Wahlwerbespot als Hommage an den Milos-Forman-Klassiker „Einer flog über das Kuckucksnest“. Nicht ganz klar ist, ob Spitzenkandidat Chris Pyak die Rolle von Jack Nicholson oder doch eher die von Danny DeVito übernimmt.

Bestes Drehbuch:

Die Violetten heißen nicht so, weil dies die einzige noch freie Farbe im Parteienspektrum außer mauve war, sondern, weil violett für Spiritualität steht. Dementsprechend spirituell geht es im Werbespot der Partei zu. Alles ist miteinander verbunden, alles hängt irgendwie zusammen, Kreislauf des Lebens und so. Auch, wenn der betuliche Spiritualismus der Spot-Darsteller hart an der Nervgrenze liegt, und man sich fragt, warum die junge Dame die Topfpflanze durch die Gegend schleppt, überzeugt der Spot durch eine Geschichte, die mit guten Bildern erzählt wird. Deshalb vollkommen unironisch ein cineastischer Daumen hoch.

Independent-Film:

„Weniger ist mehr“, lautet das Motto der ÖDP. Und das haben sie dann sauber im Spot umgesetzt. Da lenkt mal gar nichts von der Botschaft ab. Wenn der lustlos dahinklimpernde Pianist nicht Unmengen gekostet hat, dürfte das der billigste Spot des 19er Jahrgangs sein. Kann man angesichts des ÖDP-Mottos als konsequent loben, wenn man nicht innerhalb von 1:30 weggepennt ist.

Roadmovie:

Der Spot der Tierschutzpartei offenbart das Problem so mancher Wahlwerbespots. Wie gelingt es mir, meine Message unterzubringen und gleichzeitig nicht allzu statisch meine Message aufzusagen? Die Lösung der Tierschutzpartei und so manch anderer Partei: Man lässt die Protagonisten beim Messageaufsagen durch die Gegend laufen. Im Fall der Tierschutzpartei sind es sogar drei Akteure, die in die Kamera sprechend rumlaufen. Der Clou, am Ende treffen sich alle am Wahllokal und machen ihr Kreuzchen bei der - Töröö - Tierschutzpartei. Die Jury findet: Das Beste aus dem Rumlaufdilemma gemacht.

Eng verwandt mit dem Rumlauf- ist das Rumstehdilemma. Im 19er Jahrgang am besten bei der MLPD und der Sozialistischen Gleichheitspartei zu beobachten. Das Pikante: die beiden sozialistischen und zutiefst kapitalismuskritischen Parteien lassen ihre Kandidaten ausgerechnet in Einkaufsstraßen, also gewissermaßen den Keimzellen und Hotspots der Konsumgesellschaft, rumstehen und Messageaufsagen. Da müssen die MLPD- und SGP-Locationspotter demnächst deutlich besser aufpassen.

Nachwuchspreis:

Rumstehen tun die Kandidaten von Volt in ihrem Werbespot auch. Das Ganze ist aber dynamisch geschnitten und vor allem gelingt es den Machern, die gesprochenen Worte mit sehr simplen aber wirkungsvollen Bildern zu unterstützen (Beispielsweise das schmelzende Speiseeis als Symbol für die Klimapolitik bei 0:45). Da hat sich offensichtlich jemand Gedanken gemacht. Rein cineastisch der beste Clip des Jahres.

Kategorie Animationsfilm

Die beiden Gewinner in der Sparte Animationsfilm sollte man am besten parallel schauen. Nur gemeinsam entwickeln sie ihre visionäre Kraft.

Für sich genommen ist nämlich der Spot der Partei Tierschutz Hier! eine ziemliche Frechheit. Dem Zuschauer, aber auch den eigenen politischen Zielen gegenüber. Da benötigt eine Hand geschlagene zehn Sekunden, um das Bild eines Eichhörnchens freizurubbeln. Dann wird einmal ins Bild gezoomt und eben jene Hand zeichnet eine Eichhörnchensprechblase, in der in Sekunde 20 die erste politische Botschaft erscheint: „Tierschutz geht uns alle an!“ Boah! Bevor man sich fragen kann, wer mit „uns“ gemeint ist (Uns Eichhörnchen? Uns Eichhörnchenbildfreirubbler? Uns Hände?), wird schon das nächste Bild freigerubbelt: Ein Parteibanner, von dem uns das gleiche Eichhörnchen zuwinkt.

Es folgt eine neue Sprechblase, diesmal ohne politische Botschaft, sondern mit dem Parteinamen, der uns vorher bereits auf dem Parteibanner freigerubbelt wurde. Die nächste Sprechblase darf dann wieder das Eichhörnchen betexten: „Tierversuche sind europaweit zu verbieten!“ Jetzt kommt rasant Sprechblase Nummero drei: „Tierschutz soll ein fester Bestandteil der europaweiten Bildung sein!“ und ein weiteres, zum Glück eichhörnchenloses, Parteibanner, bevor die Hand das alte Eichhörnchenbanner in das Sichtfeld schiebt und wir noch mal daran erinnert werden, dass Tierschutz uns alle angeht (Ich glaube inzwischen, dass sich von dem „uns“ potenzielle Wähler angesprochen fühlen sollen). Ganz zum Schluss wird uns noch mal die gesamte Traurigkeit dieses Spots vor Augen geführt, in dem alle Folien auf einmal erscheinen.

Kurzum: Der Ärger beim Wähler und Cineasten ist groß. Bis man auf den Spot der Grauen Panther stößt:

Die Musik ist anders, aber sonst wird auch hier kräftig gerubbelt (Seniorenscherenschnitte), Sprechblasen gezeichnet und politische Botschaften platziert: „Unserer Rentner europaweit schützen!“. Es ist die gleiche Hand, die gleiche Rubbeltechnik und die komplett gleiche Abfolge.

Nachdem der Ärger sich gelegt hat, wird klar, welch revolutionärer und subversiver Gedanke hinter den Zwillingswerbespots steckt: Widersprechen witzige, aufwendige und kluge Wahlwerbespots nicht strenggenommen dem eingangs erwähnten Gleichheitsgrundsatz des Parteiengesetzes? Was sollen denn bitteschön die Parteien machen, die all das nicht hinkriegen. Das ist doch undemokratisch. Deshalb fordern wir, dass künftig alle Parteien in ihren Wahlwerbespots nur noch freirubbeln und Sprechblasen zeichnen dürfen. Das wäre zwar schlecht für Artikel wie dieser, aber gut für die Demokratie.

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