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Aachen: Alfred Grosser in Aachen: Europa mit Herz und aus dem Widerstand

Aachen : Alfred Grosser in Aachen: Europa mit Herz und aus dem Widerstand

Europa wird nur dann seinen Geist entfalten, wenn es eine Sache des Herzens ist, eine Sache persönlicher Begegnungen und Erfahrung. Dessen wird sich bewusst, wer dem französischen Politikwissenschaftler und Publizisten Alfred Grosser zuhört.

Er war jetzt — am 9. Mai — in Aachen, zu jenem Datum, an dem nach sowjetischer Zeitrechnung vor 70 Jahren der Zweite Weltkrieg endete, an dem vor 65 Jahren der damalige französische Außenminister Robert Schuman öffentlich vorschlug, eine Europäische Gemeinschaft für Kohle und Stahl zu schaffen, und damit das Fundament für die heutige Europäische Union legte.

Zwischen diesen beiden Ereignissen bewegte sich Grosser, als er die Festrede hielt zur Eröffnung der „Station Europa der Route Charlemagne“, die nunmehr im Aachener Grashaus jungen Menschen als Lernort Europa dienen soll, wie Aachens Kulturdezernentin Susanne Schwier sagte. Der Gast aus Paris sprach so, wie man es von dem mittlerweile 90-Jährigen gewohnt ist: gar nicht trocken, heiter, etwas spöttisch, mit Humor, Lust auf Provokation und manchen Pfeilen in alle Richtungen — typisch Grosser eben.

Den Bundespräsidenten und die Kanzlerin kritisierte er, weil beide nach seiner Einschätzung zum Jahrestag des Kriegsendes die deutschen Opfer des Nazi-Terrors zu wenig gewürdigt haben. Grosser, der 1934 als Neunjähriger mit seiner Familie nach Frankreich emi-grieren musste, stellte den oft genannten Gründungsvätern der Europäischen Einigungsbewegung — neben Schuman der erste Bundeskanzler Konrad Adenauer und der damalige italienische Regierungschef Alcide de Gasperi — jene Persönlichkeiten gegenüber, die er die „drei ersten großen Europäer“ nennt: der deutsche Soziologe Eugen Kogon (Häftling im Konzen-trationslager Buchenwald), der Italiener Altiero Spinelli (16 Jahre während Mussolinis Herrschaft in Haft) und der französische Widerstandskämpfer und europäische Föderalist Henri Frenay. „Die drei gründeten 1947 die erste Europabewegung“, erinnert Grosser.

Den Widerstand gegen den Nazi-Terror nennt Grosser eine entscheidende Quelle des europäischen Einigungswerkes. Die These von der Kollektivschuld habe er jedoch stets abgelehnt und sei der Überzeugung gewesen: „Wir sind mitverantwortlich für die Zukunft der jungen Deutschen.“ Und deshalb schätzt er eben auch Robert Schuman, „einen Brückenbauer, einen Mann der brüderlichen Begegnung und Versöhnung, der bescheiden gelebt hat“.

Schuman sei vor allem ein Staatsmann gewesen, „also jemand, der nicht auf Demoskopie schaut“. Wenn er das getan hätte, ist Grosser überzeugt, hätte seine große europäische Idee keine Chance gehabt. Adenauer habe Schuman für dessen großzügige Initiative vom 9. Mai 1950 sofort gedankt. Denn was bedeutete diese Idee? „Frankreich stieg ab von der vollen auf geteilte Souveränität“, erklärt Grosser. „Die Bundesrepu-blik Deutschland hingegen stieg auf von gar keiner zu geteilter Souveränität.“ Grosser nennt es traurig, dass bis heute das Konzept von Charles de Gaulle einer von den Nationalregierungen geprägten europäischen Zusammenarbeit über Schumans föderales Gemeinschaftskonzept gesiegt habe.

Cameron, Putin, Sarkozy

Der Wahlsieg des britischen Premierministers David Cameron vom Donnerstag belaste Europa, sagt Grosser. „Ich hoffe, die EU wird seiner Erpressung nicht nachgeben.“ Gegenüber der Ukraine rät er zur Vorsicht; sie könne auf absehbare Zeit nicht Mitglied der EU werden. „Und was Putin will, weiß niemand — auch nicht der ehemalige Bundeskanzler, der ihm dient.“ Zur von Athen gestellten Reparationsfrage erläutert Grosser, dass der sogenannte Zwei-plus-Vier-Vertrag, der 1990 die außenpolitische Grundlage für die deutsche Wiedervereinigung schuf, kein Friedensvertrag sei, „die Reparationsfrage deshalb nicht erledigt ist“. Griechenland dürfe sie aber nicht als politisches Instrument zur Erpressung nutzen.

Die deutsch-französische Zusammenarbeit bleibt für Grosser elementar — trotz aller Kritik: „Die Deutschen sind sehr selbstkritisch, manchmal masochistisch. Die Franzosen überschätzen sich häufig.“ In der Migrationspolitik sei sein Land allerdings moderner. Niemand in Frankreich käme auf die Idee zu sagen, Nicolas Sarkozy, dessen Vater Ungar war, habe einen Migrationshintergrund.