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Ahmad Mansour kritisiert Statistik zum Antisemitismus in Deutschland

Interview mit Ahmad Mansour : „Die Statistik der Polizei ist fehlerhaft“

Er versteht sich als ein Tabubrecher. Seit Jahren prangert der gebürtige Israeli Ahmad Mansour nicht nur in TV-Talkshows einen Antisemitismus unter Muslimen in Deutschland an. Was er darunter genau versteh, darüber sprach unser Redakteur Joachim Zinsen mit dem Diplom-Psychologen und Buchautor.

Herr Mansour, dass es in Deutschland Antisemitismus gibt, ist unstrittig. Aber ist diese Einstellung unter den hier lebenden Muslimen weiter verbreitet, als in der deutschen Mehrheitsgesellschaft?

Ahmad Mansour: Ich glaube schon. Wir müssen über das Thema auch ohne Tabus reden. Denn die Gründe für den muslimischen Antisemitismus und die Möglichkeiten ihn zu bekämpfen sind andere, als beim klassischen Antisemitismus der Mehrheitsgesellschaft.

Wie kommen Sie zu Ihrer These? Die Polizeiliche Kriminalstatistik spricht davon, dass 2017 mehr als 90 Prozent der antisemitischen Straftaten dem rechten politischen Spektrum zuzuordnen waren.

Mansour: Die Statistik ist fehlerhaft.

Warum sollte sie falsch sein?

Mansour: Weil sie Fälle von Antisemitismus oft entweder dem Vandalismus oder ausländischen Konflikten zuschreibt. Meine These beruht vor allem auf den Erfahrungen vieler Juden in Deutschland. Sie fühlen sich im Alltag vor allem vom muslimischen Antisemitismus bedroht, das bedeutet aber nicht, dass man den klassischen europäischen Antisemitismus verharmlosen sollte.

Was sind dessen Ursachen?

Mansour: Zunächst kursieren unter muslimischen Jugendlichen viele antisemitische Verschwörungstheorien. Gerade bei Gangster-Rappern tauchen immer wieder solche Narrative auf. Stichworte sind: Illuminati oder die Rothschild-Familie. Zudem gibt es die Erzählung, Juden würden die Medien und die Politik beherrschen. Diese Parolen schüren Hass. Daneben gibt es einen religiös begründeten Antisemitismus. Viele Muslime verstehen den Koran als Gotteswort. Sie interpretieren die Schrift buchstabengetreu und blenden dabei völlig den historischen Kontext aus, in dem das Buch entstanden ist. Auch dadurch werden antisemitische Bilder produziert, die in vielen arabischen Medien weiter verbreitet werden. Sie erreichen so auch Jugendliche, die eigentlich nicht religiös orientiert sind.

Demonstranten verbrennen in Berlin eine selbstgemalte israelische Fahne. Artikulieren sie damit nur ihren Zorn über die Politik der israelischen Regierung  gegenüber den Palästinensern? Oder zeigen die Demonstranten einen blinden Hass auf alle Juden? Für Ahmad Mansour ist klar: Solche Protestformen sind antisemitisch. Foto: dpa/-

Der in Deutschland forschende jüdisch-israelische Politikwissenschaftler David Ranan sagt, religiös motivierter Antisemitismus sei nur bei einer sehr kleinen Minderheit von Muslimen zu beobachten. Der Kern des als muslimischer Antisemitismus bezeichneten Phänomens sei das Resultat des ungelösten Nahost-Konflikts.

Mansour: Natürlich spielt der Nahost-Konflikt eine große Rolle, um Hass und Antisemitismus zu verbreiten. Viele Muslime haben von ihm aber ein sehr einseitiges Schwarz-Weiß-Bild: Die Juden sind immer die Aggressoren, die Palästinenser immer die Opfer.

Ranan sagt auch, wenn ein arabischer Muslim heute „Tod den Juden“ schreit, meine er damit die Israelis. Solche Parolen seien zwar schrecklich, zeugten aber nicht von einem generellen Hass auf Juden. Sie gehörten zur verrohten Sprache des blutigen Konflikts zwischen Israelis und Palästinensern. Ähnlich hätten während des Zweiten Weltkrieges auch Briten und Deutsche übereinander geredet.

Mansour: Das ist eine idiotische Aussage. Ranan vergisst, dass solche Parolen zum Holocaust geführt haben. Er vergisst, dass auch während der vergangenen Jahre in Europa Juden durch gezielte Anschläge ums Leben gekommen sind – in Brüssel, in Toulouse, in Paris, in Kopenhagen. Wenn ein muslimischer Jugendlicher heute Tod den Juden brüllt, weiß er, was er sagt.

Ranan ist Sohn von Überlebenden der Shoa. Er beklagt in einer sehr differenzierten Analyse, dass Kritik an der Politik Israels immer häufiger mit Antisemitismus gleichgesetzt und damit diffamiert und nahezu unmöglich gemacht werden soll. Ähnlich haben sich vor wenigen Wochen 34 jüdisch-israelische Intellektuelle in einem offenen Brief anlässlich einer Antisemitismus-Konferenz in Wien geäußert.

Mansour: Ich bin als palästinensischer Israeli nicht einverstanden mit der Politik Israels. Ich weine, wenn Kinder in Gaza sterben. Natürlich wünsche ich mir ein Ende des Konflikts und würde dafür friedlich demonstrieren wollen. Doch wenn bei Demonstrationen in Berlin Parolen gebrüllt werden wie „Hamas, Hamas, Juden ins Gas“, dann ist das eindeutig antisemitisch und hat mit legitimer Kritik nichts zu tun.

Das schreit aber nur eine kleine Minderheit. Können Sie die Wut vieler Araber über die Besatzungspolitik der Israelis nicht nachvollziehen?

Mansour: Wo ist deren Wut über die Tatsache, dass in Syrien in den vergangenen Jahren mehr als eine halbe Million Menschen gestorben sind? Wo empören sie sich darüber, dass Hamas Israel auslöschen will, dass Terroristen in Westjordanien immer noch als Helden gefeiert werden? Das ist mir viel zu einseitig.

Natürlich gibt es Proteste gegen das Morden in Syrien.

Mansour: Aber darüber ist sich weniger aufgeregt worden, als über die Ankündigung von US-Präsident Donald Trump, die Botschaft seines Landes von Tel Aviv nach Jerusalem zu verlegen. Warum?

Wenn das tatsächlich so ist, dann vielleicht, weil sich die USA mit diesem symbolischen Akt im Nahost-Konflikt einseitig positioniert haben. Der Wunsch der meisten Palästinenser nach 50 Jahren demütigendem Besatzungsalltag endlich einen eigenen Staat mit Ost-Jerusalem als Hauptstadt gründen zu können, ist dadurch in noch weitere Ferne gerückt.

Mansour: Zwischen 1948 und 1967 gab es für die Palästinenser die Möglichkeit, einen eigenen Staat zu gründen. Gescheitert ist es an Ägypten und Jordanien. Natürlich leben die Palästinenser heute unter einer Art von Besatzung. Unterdrückt werden sie aber vor allem von der Hamas, von der palästinensischen Autonomiebehörde und von den eigenen patriarchalischen Strukturen in der Familie. Sicherlich ist vielen von ihnen Unrecht getan worden. Ich bin absolut gegen die israelische Siedlungspolitik. Aber dieser Konflikt ist komplizierter und auch eine neue friedensorientierte Regierung in Israel bräuchte einen Partner. Tatsache ist, dass heute immer noch viele Palästinenser die Juden ins Meer werfen wollen.

Wie weit kann die Kritik eines arabischstämmigen Muslims an der israelischen Besatzungspolitik gehen, bevor sie in ihren Augen antisemitisch wird?

Mansour: Sachliche Kritik gegen die Regierung von Netanjahu oder gegen die Siedlungspolitik ist immer erlaubt. Der Protest wird aber dann problematisch, wenn er das Existenzrecht Israels in Frage stellt, wenn er nicht zwischen Israelis und Juden unterscheidet und wenn er nur auf Israel schaut, alle anderen Konflikte in der Welt aber ausblendet.

Sie werfen den muslimischen Verbänden in Deutschland vor, zu wenig gegen antisemitische Einstellungen zu tun. Gilt das auch für den Zentralrat der Muslime? Er organisiert inzwischen gemeinsame Fahrten von muslimischen und jüdischen Jugendlichen nach Auschwitz.

Mansour: Nicht nur Muslime, sondern auch Deutsche haben wenig Probleme mit toten Juden. Sie haben Probleme mit lebenden Juden. Natürlich gehört zum Kampf gegen Antisemitismus auch der Besuch von Gedenkstätten. Aber das reicht ebenso wenig wie der Hinweis beim Freitagsgebet, dass Antisemitismus eine Sünde ist. In den Moscheen muss viel stärker gegen Verschwörungstheorien vorgegangen und der Koran so interpretiert werden, dass aus ihm keine antisemitischen Bilder abgeleitet werden können.

Sehen Sie nicht die Gefahr, dass Sie mit ihren Thesen eine klassische Entlastungsstrategie bedienen? Für viele in der deutschen Gesellschaft ist es bequemer, über einen muslimischen Antisemitismus zu reden, als über den eigenen.

Mansour: Nein. Wenn ich über muslimischen Antisemitismus rede, heißt das nicht, dass der Antisemitismus der Mehrheitsgesellschaft weniger gefährlich ist.