Aachen: Philipp und Etschenberg über die Städteregion

Aachen: Philipp und Etschenberg über die Städteregion

Die Erkenntnis reift in der Nachspielzeit. Gerade haben Aachens Oberbürgermeister Marcel Philipp und Städteregionsrat Helmut Etschenberg 90 Minuten sachlich, unaufgeregt, fast schon harmonisch über die Städteregion und deren Zukunft, Fehler und Vorteile gesprochen, da entfährt es dem Aachener OB.

„Darauf hätten wir auch eher kommen können, dass das vernünftig ist”, sagt Philipp, als er aufsteht und den Stuhl wieder unter den Tisch schiebt. „Das Ganze gemeinsam zu besprechen ist besser, als gegenseitig die Einzelinterviews des anderen zu kommentieren.” Sagt´s, erntet zahlreiche Lacher und schüttelt zum Abschied einige Hände. Und Städteregionsrat Helmut Etschenberg? Der widerspricht nicht. Wieso sollte er auch? Schließlich lautet doch das Motto der Städteregion „Weil es gemeinsam besser geht”. Und in der Zukunft soll es auch in der Städteregion besser laufen.

Nach den Querelen und Zwistigkeiten der vergangenen Monate hatte diese Zeitung zu einem Redaktionsgespräch geladen, moderiert von Chefredakteur Bernd Mathieu. Und die beiden Verwaltungschefs, die sich seit dem Wahlkampf im Sommer 2009 duzen, umreißen ihre Positionen - zumindest zumeist - deutlich. Und eines betonen sie sehr: „Wir kommen gut miteinander klar”, sagt Philipp. „Es wäre eine Katastrophe, wenn es nicht so wäre”, fügt Etschenberg an. Denn sonst, so kann man erahnen, wären die Probleme noch größer. „Ich will gar nicht bestreiten, dass jeder an seiner Seite den einen oder anderen hat, der noch im alten Strickmuster denkt. Aber das ist unsere Aufgabe, da Erziehungshilfe zu leisten”, sagt der Städteregionsrat mit Blick auf einige „Rempler” in der Vergangenheit, die „von unseren Umfeldern mitbefördert wurden”.

Sei es die Streitigkeit um den Sitz der Hartz-IV-Zentrale, die richtige Zusammensetzung der Besuchsdelegationen bei Goldhochzeiten in Aachen, das von der Stadt erstellte Rechtsgutachten oder die Diskussion um eine Kooperation mit dem Feuerwehrausbildungszentrum im Kreis Düren - all dies und noch einiges mehr hat das Bild der Städteregion zuletzt stärker bestimmt als inhaltliche Arbeit. Das wissen beide genau.

Dennoch halten sie Kurs: „Wir sind beide davon überzeugt, dass der Weg richtig ist und dass wir ihn gemeinsam gehen”, sagt der Städteregionsrat - und der OB nickt. Und Etschenberg nickt, als Philipp sagt, dass es normal ist, dass sich eine Region über ihr Oberzentrum definiere und daher Aachen in der Städteregion quasi eine natürliche Führungsrolle zukomme. Klar sei aber auch, sagt der OB, „dass wir mit der Städteregion bewusst eine engere Zusammenarbeit mit den anderen Kommunen gesucht haben, um künftig besser agieren zu können.” Wieder Zustimmung.

Wobei beide wissen, dass weitere Nagelproben auf sie zukommen werden. Etwa das neuerliche Vorhaben, die Wirtschaftsförderung in der Region mit ihren zahllosen Akteuren auf neue - und effektivere - Füße zu stellen. „In dieses Thema investieren wir sehr viel Zeit”, sagt Philipp. Wohlwissend, dass noch ein beschwerlicher Weg auf ihn und seine Mitstreiter wartet. Und so sagt auch Etschenberg, dass „wir uns nur mit ganz kleinen, weichen, sanften Schritten aufeinanderzubewegen können”. Langsamer geht es kaum.

Viel schneller wird das Thema Geld gelöst werden müssen. „Das größte zu überwindende Problem wird noch sein, eine einheitliche Sicht auf das Finanzierungssystem der Städteregion zu finden. Damit steht und fällt alles”, sagt Etschenberg. Zwar gibt es Modellhaushalte und -rechnungen. Aber nun ist im vergangenen Herbst mit der Gründung der Städteregion die Realität eingetreten. Und Philipp betont: „Als Oberbürgermeister habe ich die Verantwortung für meinen städtischen Haushalt. Ich muss darauf aufpassen, dass wir nicht über die gesetzlichen Aufgaben hinaus etwas zahlen. Und wenn sich solche Fragen nicht unmittelbar klären lassen, müssen wir sie juristisch überprüfen.” Und er weiß: „Im Aachen-Gesetz befinden sich Widersprüche. Dieses Risiko ist man eingegangen, um den Prozess ins Rollen zu bringen. Wir müssen in der praktischen Arbeit jetzt die Probleme lösen.”

Und so wurde das Rechtsgutachten erstellt, um etwa finanzielle Fragen klären zu lassen - was für erheblichen Wirbel und für einige Verwerfungen gesorgt hat. Aber, betont der OB: „Das Gutachten ist kein Zeichen eines Streits zwischen uns, sondern der schwierigen Rechtskonstruktion.” Und so bringt Etschenberg in der jetzigen Findungsphase noch Verständnis für das Papier auf. Doch: „Wenn wir zwei Jahre unterwegs wären und es würde ein Rechtsgutachten in Auftrag gegeben, ohne dass wir uns vorher hinsetzen und einen Dritten beauftragen, dann würde ich das nicht mehr als normal empfinden.”

Derzeit scheinen die Fronten halbwegs begradigt. Und mit Verve wollen sich die Protagonisten daran machen, Bereiche zu finden, in denen die Bürger „die Städteregion fühlen, riechen, schmecken können”. Denn daran, daraus machen Etschenberg und Philipp keinen Hehl, mangelt es noch.

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