Rom: Papst fordert ein Europa ohne Nationalismen

Rom : Papst fordert ein Europa ohne Nationalismen

Als er in die Sala Clementina kommt, stehen die Menschen auf und applaudieren. Es ist nicht nur die übliche Höflichkeitsbewegung, sondern der sicht- und spürbare Ausdruck von Respekt, und das mag in diesem Augenblick selbst für Menschen gelten, die den Attitüden, Inhalten und Befindlichkeiten der katholischen Kirche nicht intensiv verbunden sind.

Da weht ein ganz und gar unpathetischer Hauch, der jedem vermittelt, dass hier eine der wenigen wirklich historischen Persönlichkeiten auftritt.

Papst Johannes Paul II. hat am Mittwoch mit sichtlicher Freude den Außerordentlichen Internationalen Karlspreis Aachen in Empfang genommen, eine Plakette als äußeres Zeichen, eine Rede des Aachener Oberbürgermeisters Jürgen Linden als Würdigung und Dank.

Verfolgt wird die Zeremonie im Vatikan von einer rund 160-köpfigen Delegation, darunter für die Bundesregierung Gesundheitsministerin Ulla Schmidt, dann NRW-Ministerpräsident Peer Steinbrück, Regierungspräsident Jürgen Roters. Dabei sind frühere Karlspreisträger wie Walter Scheel, Emilio Colombo, Leo Tindemans, Bronislaw Geremek, Frère Roger.

Werte statt Konsum

Der Papst stellt in seiner zehnminütigen Ansprache, die er in Deutsch hält, die Rolle der Werte in Europa sehr stark heraus. Europa, so formuliert der 83-jährige Pole, hänge vom Engagement und vom Verhalten seiner Bürger ab. Er verbindet das mit einer Forderung für die Wiederbelebung von Werten und einer Absage an eine oberflächliche Konsumhaltung.

Johannes Paul II. reklamiert die aktive Vermittlung von Werten und Lebenssinn. Seine Vorstellung eines geeinten Europas komme ohne selbstsüchtige Nationalismen aus. Nationen, die lebendige Zentren kulturellen Reichtums seien, so lautet seine eindeutige Forderung, müssten zum Vorteil aller geschützt und gefördert werden. „Ich denke an ein Europa, in dem die großen Errungenschaften der Wissenschaft, der Wirtschaft und des sozialen Wohlergehens sich nicht auf einen sinnentleerten Konsumismus richten, sondern im Dienst eines jeden Menschen sowie der solidarischen Hilfe für jene Länder stehen, die ebenfalls das Ziel der sozialen Sicherheit verfolgen.” Ihm schwebe ein Europa vor, das eine politische und vor allem geistige Einheit verkörpere, in dem christliche Politiker engagiert handelten.

Die Einheit gefördert

Linden hat den Papst zuvor als einen der „großen geistigen Führer, als vitalen und konstruktiven Mittelpunkt im europäischen Entwicklungsprozess” gewürdigt. Johannes Paul II. habe stets die Einheit Europas gefördert und europäische Werte vorgelebt, insbesondere „den Respekt vor der Würde und der Freiheit des Menschen, die Gleichheit, die Solidarität und die Mitmenschlichkeit”. Der Papst trete für die Unzerbrechlichkeit des Friedens und die Unantastbarkeit der Menschenrechte ein. Die Vollendung der europäischen Einheit, möglich geworden durch den Fall des Eisernen Vorhangs, sei maßgeblich vom Papst beeinflusst worden.

Deshalb, so Linden, würdige das Karlspreis-Direktorium diese Leistung als „herausragenden und vorbildlichen Beitrag zur Einheit Europas und zur Rolle in der Welt”. Gemeinsam mit dem Sprecher des Direktoriums, Walter Eversheim, überreicht er Johannes Paul II. die Urkunde und die Plakette.

Bilder von der Verleihung