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Potsdam: Zweifel bleiben: Angriffsopfer Ermyas M. nimmt Freisprüche mit Fassung auf

Potsdam : Zweifel bleiben: Angriffsopfer Ermyas M. nimmt Freisprüche mit Fassung auf

„Ich kann laufen und denken. Das ist das Wichtigste”, sagte Ermyas M. am Freitag im Landgericht Potsdam. Unmittelbar nach dem Freispruch für die beiden Männer, die verdächtigt wurden, ihn beinahe erschlagen zu haben, wirkte er erregt und doch gefasst. Schweißperlen stehen auf seiner Stirn.

Am Morgen des Ostersonntag 2006 war der dunkelhäutige Deutsch-Äthiopier an einer Haltestelle in Potsdam durch einen Fausthieb lebensbedrohlich am Kopf verletzt worden.

Die Ermittler waren von einem rassistisch motivierten Mordversuch ausgegangen. Wenige Wochen vor der Fußball-WM wurde der Vorfall zum Politikum, der Bundesanwalt ermittelte zwischenzeitlich, es entbrannte eine hitzige Debatte über Fremdenfeindlichkeit in Ostdeutschland. Erst langsam kamen Zweifel an dem Tatmotiv auf.

Nach vier Monaten Prozess durften nun die beiden Tatverdächtigen, Björn L. und Thomas M., den Gerichtssaal als freie Männer verlassen. Eine Tatbeteiligung sei nicht zweifelsfrei erwiesen, sagte der Vorsitzende Richter der 4. Großen Strafkammer, Michael Thies.

Die Ermittler hatten ihre Vorwürfe auf Mailboxaufnahmen des Handys von Ermyas´ Frau Steffi gestützt, das einen Streit zwischen Opfer und Tätern aufgezeichnet hatte. Ermyas hatte in der Nacht mehrfach vergeblich versucht, seine Frau anzurufen. Auf den Aufzeichnungen waren rassistische Flüche wie „Scheiß-Nigger!” zu hören, zuvor aber auch Beleidigungen vom späteren Opfer, der „Schweinesau!” gerufen hatte.

Zeugen glaubten, auf dem Mailbox-Mitschnitt, der als eines der wichtigsten Beweismittel in dem Verfahren galt, die auffallend helle Stimme von Björn L. erkannt zu haben. Richter Thies verwies jedoch auf zahlreiche andere Zeugenaussagen, wonach L. zur Tatzeit heiser gewesen sei. Im Zweifel müsse zu seinen Gunsten davon ausgegangen werden, dass er tatsächlich erkrankt war.

Zwei im Prozess vorgetragene Stimmgutachten konnten ebenfalls nicht nachweisen, dass es sich um Björn L.s Stimme handelte. Dieser hatte immer bestritten, überhaupt am Tatort gewesen zu sein. Dem 32-jährigen Thomas M. aus Potsdam war unterlassene Hilfeleistung vorgeworfen worden.

Da auch die Zeugenaussagen von der Tatnacht widersprüchlich blieben, ließen sich die Vorwürfe schließlich nicht mehr halten. Staatsanwaltschaft, Verteidigung und Nebenklage plädierten auf Freispruch.

Entsprechend zufrieden mit dem Urteil zeigten sich am Freitag die Verteidiger. Dies sei kein Freispruch zweiter Klasse. Die angeblichen Beweise der Staatsanwaltschaft hätten sich buchstäblich aufgelöst, sagte L.s Anwalt Matthias Schöneburg. Sein Kollege Karsten Beckmann fügte hinzu, die vergangenen Monate seien nicht spurlos an L. vorbeigegangen. Jetzt werde sein Mandant viel Zeit brauchen, um alles zu verarbeiten. L. selbst sagte: „Das Ganze hat seelische Narben hinterlassen.”

Die Anklage hat das Nachsehen. Sie wird keine Rechtsmittel einlegen. Im ihrem Plädoyer hatte Staatsanwältin Juliane Heil allerdings gesagt, sie sei zumindest im Fall L. von einer Tatbeteiligung überzeugt. Ein Verhalten, das der Richter als „unangebracht” einstufte. Das Urteil ist jedenfalls rechtskräftig. Weitere Ermittlungen wird es laut Heil nur dann geben, wenn sich neue Ansätze dafür ergeben sollten.

Richter Thies kritisierte in der Urteilsbegründung scharf die „große Hysterie”, die nach Bekannt werden des Falls ausgebrochen sei. Unmittelbar nach der Tat hätte niemand behaupten dürfen, dass es sich um einen rassistischen Mordversuch gehandelt habe.

Nebenklageanwalt Thomas Zippel argumentierte ähnlich und fügte hinzu, der Verdacht des rassistischen Mordversuchs sei überzogen gewesen. Stattdessen hätte lieber sorgfältiger ermittelt werden sollen. So seien unter anderem Scherben am Tatort nicht ordnungsgemäß gesichert worden.

Ermyas M. glaubt weiter, dass er ein Opfer von Fremdenfeindlichen wurde. Doch in einem Rechtsstaat gelte der Grundsatz „Im Zweifel für die Angeklagten”. Das akzeptiere er. Wenigstens habe ihm die Verhandlung geholfen, die Tat zu verarbeiten. „Ich bin ausgeglichen und geistig stark”, versicherte der 38-Jährige, bevor er allein das Gericht verließ. Seine Frau Steffi, die keine der 20 Gerichtsverhandlungen verpasst hat, nahm einen anderen Weg. Die Familie lebt schon länger getrennt.