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Corona-Pandemie: Zusammen durch die Krise

Corona-Pandemie : Zusammen durch die Krise

Zu Weihnachten wird auch in Spanien mehr denn je deutlich, dass sich schwere Stunden leichter in Gemeinsamkeit ertragen lassen. Eine persönliche Bestandsaufnahme unseres Korrespondenten Ralph Schulze vor dem Fest.

Noch nie waren die spanischen Städte zum Jahresende so reich geschmückt wie im Coronajahr 2020. „Jetzt erst recht“, scheint die Parole vieler Stadtregenten zu lauten. „Dieses Jahr sind es keine Freudenlichter, sondern Lichter der Hoffnung“, sagt Madrids Bürgermeister José Luis Martínez-Almeida. Und zwar der Hoffnung, dass dieser Corona-Albtraum, der allein in Madrid bisher nach offizieller Zählung nahezu 12.000 Todesopfer verursachte, bald zu Ende ist. 

Doch nicht nur die Flanierstraßen Madrids strahlen um die Wette. Auch Wohnungen und Fassaden wurden in dieser Festtagszeit, die in Spanien von Heiligabend bis zum Dreikönigstag dauert, herausgeputzt. Um zu zeigen, dass sich die Lebensfreude auch durch Corona nicht unterkriegen lässt. Unsere Siedlung hat Fenster und Fassaden sogar derart fantasievoll mit Lichterketten verschönert, dass wir vom Rathaus einen Preis „als festlichstes Wohngebiet der Gemeinde“ erhielten.

Ja, die Not macht erfinderisch. Und sie schweißt die Menschen zusammen. Dieses schöne Gefühl, dass schwere Stunden leichter mit Gemeinsamkeit zu ertragen sind, machte sich erstmals im März breit. Damals, als über ganz Spanien auf dem Höhepunkt der ersten Coronawelle eine eiserne Ausgehsperre verhängt wurde. Wir durften nicht einmal vor die Tür, um frische Luft zu schnappen. Neidisch schauten wir auf die Nachbarländer, wo wenigstens Spaziergänge und Sport noch erlaubt waren. Spanien war zu dieser Zeit, zusammen mit Italien, der schlimmste europäische Virusbrennpunkt.

Applaus, minutenlang

In diesen harten Wochen der Einsamkeit, als allein in Madrid täglich mehr als 300 Menschen an Corona starben, begannen die Madrilenen, sich gegenseitig Mut zu machen. Jeden Abend um 20 Uhr öffneten sich Fenster und Balkontüren, und die Bewohner fingen an zu klatschen. Minutenlang. Es war ein Applaus für Ärzte und Krankenschwestern, die in den mit Covid-19-Kranken überfüllten Hospitälern bis zur Erschöpfung arbeiteten. Und ein Applaus für alle anderen, die eingesperrt in ihren eigenen vier Wänden auf bessere Zeiten warteten.

„Bravo, bravo“, schallte es damals durch die Straßen. Anschließend wurde das Lied „Resistiré“ (Ich werde widerstehen) angestimmt, das zur Hymne des spanischen Anti-Virus-Kampfes wurde. „Ich werde widerstehen, um weiter zu leben“, heißt es in diesem schönen Song. Und: „Ich werde alle Rückschläge ertragen und niemals aufgeben.“

Rückschläge hat es seitdem viele gegeben. Einer der schlimmsten kam schon im August, mitten in der Urlaubshochsaison, als Spanien mit voller Kraft und als erstes Land Europas von der zweiten Coronawelle getroffen wurde. Das brachte nicht nur die Krankenhäuser erneut an den Rand des Kollapses. Sondern es war auch ein tödlicher Schlag für den Tourismus, Spaniens wichtigster Einnahmequelle. Für Mallorca und andere Urlaubshochburgen geht deswegen ein rabenschwarzes Jahr zu Ende. Die meisten Hotels mussten schließen, Tausende Kellner und Zimmermädchen stehen auf der Straße.

Aber auch Mallorca, wo die Deutschen die größte ausländische Urlauber- und Residentengruppe stellen, hält in diesen Tagen bewundernswert zusammen. Hilfsorganisationen, in denen Deutsche und Spanier Hand in Hand arbeiten, kümmern sich vorbildlich um in Not geratene Familien. Initiativen wie „Hope Mallorca“, „Barber Angels“ und der „Lions Club Palma“ verteilen täglich Essen an jene Opfer der wirtschaftlichen Coronakatastrophe, die sich derzeit nicht einmal mehr eine warme Mahlzeit leisten können.

„Diese Krise“, sagt Spaniens königliches Staatsoberhaupt Felipe VI., „wird uns als Gesellschaft stärker machen, engagierter, solidarischer und geeinter.“ Und es sieht ganz danach aus, dass Felipe Recht hat mit dieser Einschätzung. Das ist doch, nach all diesen Horrornachrichten in 2020, eine ermutigende Botschaft füdie Weihnachtstage.