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Melbourne: Zocker-Alarm: In Australien greift die Poker-Sucht um sich

Melbourne : Zocker-Alarm: In Australien greift die Poker-Sucht um sich

Phyllis (86) und Walter (83) sind heute richtig gut drauf. „Da drüben der "Diamantenjäger", der spuckt heute kräftig aus”, sagt der Hypothekenberater im Ruhestand vergnügt. Doch Phyllis würdigt ihn keines Blickes.

Auf ihren Stock gestützt stapft sie davon. Sie versucht ihr Glück heute lieber an der „Goldpott”-Poker- Maschine, einem Gerät, das nach deutschem Verständnis mit Pokern so gut wie nichts zu tun hat, außer, dass man an ihm auch mit Fortuna spielt. Aber in Australien heißen die Maschinen nun einmal so.

Es ist elf Uhr morgens. Die beiden Rentner sind im Crown-Casino in Melbourne, wie jeden Dienstag. „Seit zehn Jahren haben wir keinen einzigen Dienstag verpasst”, sagt Walter stolz. „Man trifft Freunde hier.” Die beiden verbringen ein paar Stunden an den Pokermaschinen. „Wir freuen uns auf den Pokies-Tag, das sind ein paar Stunden Spaß, ist doch nichts dabei”, sagt er.

Pokies, das ist die verniedlichende Bezeichnung für die Maschinen, die in Australien ein Vermögen schlucken. Für viele ist aus dem Spaß längst Sucht geworden. Kein Land der Welt hat pro Kopf der Bevölkerung mehr „Problem-Zocker” als Australien, schätzt die Regierung in einer Analyse. Zwei Prozent der erwachsenen Australier gelten als spielsüchtig. Australien steht nach der Bevölkerungszahl nur an 56. Stelle in der Welt, doch beherbergt es ein Fünftel aller Pokermaschinen weltweit, insgesamt 200.000.

Tim Costello ist Pastor und kämpft seit Jahren gegen den Fluch der Maschinen. „Die Zahl der Problem-Zocker ist alarmierend”, sagt er. „Es gibt mindestens 220.000 Süchtige, und jeder von ihnen zieht mindestens sieben Menschen in Mitleidenschaft. Das sind fast zwei Millionen Betroffene” - oder zehn Prozent der Bevölkerung.

Das Crown-Casino am Yarra-Fluss in Melbourne preist sich als „eines der größten Casinos auf der südlichen Erdhalbkugel”. Einen halben Kilometer lang ist der Raum, in dem neben Roulette und Black- Jack-Tischen 2500 Pokermaschinen locken. „Wir haben rund um die Uhr Betrieb, außer Karfreitag und am 1. Weihnachtstag”, sagt eine Aufseherin.

Walter schiebt einen Geldschein ein und drückt auf die Tasten. Je nach Symbolkombination, die zum Stillstand kommt, klingelt die Kasse. Lautstark, damit auch Umstehende den Münzsegen mitbekommen und selbst wieder an ihre Gewinnchance glauben. Mit viel Getöse klickern die Münzen unten an der Maschine in ein Metallfach. Jeder bekommt am Eingang ein goldenes Eimerchen, um den Münzhaufen einzusammeln.

Einfluss auf den Spielverlauf hat Walter nicht. Die Maschine ist computergesteuert und stoppt nach Zufallsprinzip, wobei klar ist, das über den Tag gesehen grundsätzlich mehr rein- als raus geht. „Pokies ist nichts als Geldeinwerfen und verlieren”, sagt Walters Freund Dimitri, der an der Maschine nebenan spielt, ohne den Blick zu heben. „Reich wird man nicht.” In seinem Goldeimer herrscht noch gähnende Leere. Nur seine Lesebrille ist darin, und der Parkschein fürs Auto.

An diesem Morgen sind hier vor allem Rentner aktiv. Gehhilfen stehen in den Gängen herum, und einer der Spieler hat sogar seine Sauerstoffflasche dabei, aus der ein Schlauch ihm frische Luft in die Nasenlöcher bläst. „Richtig voll wird es erst nach Büroschluss”, sagt die Aufseherin.

Was für die Alten ein Zeitvertreib ist, wird für jüngere Leute oft zur Falle. Annie Cooney (44) hatte eine Scheidung und den Tod ihrer Mutter zu verkraften, als sie vor ein paar Jahren zur Ablenkung ins Casino ging. Erst an den Wochenenden, dann auch am Abend und schließlich, innerhalb von wenigen Monaten, auch tagsüber. „Ich war manchmal 24 Stunden dort”, erzählt sie heute im australischen Fernsehen. Irgendwann zählte nichts anderes mehr, als dem Gewinn hinterherzujagen. Sie verkaufte ihr Haus. „Ich machte mir vor, dass ich das Geld ja anlegen könnte, aber in Wirklichkeit war schon klar, dass das alles für die Pokermaschinen draufgehen würde.”

Umgerechnet 300.000 Euro verspielte sie. „Man macht sich etwas vor”, sagt sie. „Ich dachte, ich hätte den Dreh raus und würde eines Tages reich.” Inzwischen ist sie davon ab, verdient ihren Lebensunterhalt als Landschaftsgärtnerin und hilft anderen, von der Sucht wegzukommen.

Cooney hat nur sich selbst betrogen. Teresa Lawson konnte ihre Sucht dagegen nur noch mit einem Griff in die Firmenkasse befriedigen. Die Kassiererin in einem Warenhaus stahl in fünf Jahren umgerechnet 1,5 Millionen Euro aus der Ladenkasse. „Wir dachten immer, sie gewinnt”, sagt ihr Sohn Jarrod noch fassungslos. 2002 flog Lawson auf. Sie wurde zu sieben Jahren Haft verurteilt. Ihr Mann konnte damit nicht fertig werden. Er nahm sich das Leben.

Australische Casinos müssen Süchtigen Hilfe anbieten. Im Crown-Casino kleben an jeder Maschine Aufkleber mit der Frage: „Ist das Spielen ein Problem für Sie?” Darunter steht die Telefonnummer einer Seelsorge, die sich um Spieler kümmert. Eine Broschüre liegt an den Kassen, an denen Geldscheine gewechselt oder Roulette-Chips eingelöst werden. Da steht schwarz auf weiß, dass am Ende eigentlich immer das Casino gewinnt.

Reißenden Absatz finden die Broschüren aber nicht. Nur die wenigsten Spieler, die ein Problem haben, sehen das ein und suchen Hilfe. 15 Prozent, schätzen Experten. Walter und sein Freund Dimitri lachen über die Broschüre. „Ich will mir doch nicht selbst den Spaß verderben”, sagt Dimitri.

Im Bundesstaat New South Wales haben in den vergangenen zwei Jahren mehr als 20 Casinos Kinderkrippen eingerichtet, damit die Mütter die Babysitterausgaben lieber in die Maschinen stecken. „Da haben die Kinder Spaß und die Eltern auch”, sagte Casinochef David Costello der Zeitung „Sydney Morning Herald”. Abgeschoben seien die Kleinen nicht. „Sie dürfen ja maximal nur drei Stunden bleiben.”

„Pokies sind die elektronischen Heuschrecken, des 21. Jahrhunderts”, sagt Nick Xenophon, der seinen Kampf gegen Pokermaschinen zum „No Pokies”-Wahlprogramm erhob und es damit als Unabhängiger in das Parlament von Südaustralien schaffte. „Sie haben Australiern Milliardenbeträge weggefressen und die Gesellschaft verändert.”

Broschüren, Warnhinweise, Aufklärungskampagnen - Aktivisten wie Pastor Tim Costello glauben, dass das Suchtproblem damit nicht in den Griff zu bekommen ist. Sie fordern eine rigorose Begrenzung der Spielautomaten. „Wir haben leider zu viele Pokermaschinen”, sagte der Bruder des Pastors, Finanzminister Peter Costello, wenige Wochen vor den Wahlen. „Wir müssen das Problem angehen: Menschen verlieren ihre Häuser, Jobs und Familien, weil sie süchtig sind.”

So einfach ist das aber nicht. Neben Zehntausenden Spielern sind inzwischen auch die australischen Bundesstaaten Pokies-„süchtig”. Die Maschinen bringen nach Angaben von Costello im Jahr umgerechnet 3,4 Milliarden Euro in die Staatskassen. Manche Bundesstaaten finanzieren bis zu 15 Prozent ihrer Ausgaben mit den Steuereinnahmen aus dem Geschäft. Im Bundesstaat Victoria, in dem Melbourne liegt, hat der Finanzminister die Abgabe auf jede der 30.000 Pokermaschinen gerade auf umgerechnet 2700 Euro erhöht, um die öffentlichen Krankenhäuser zu unterstützen.

Nach Angaben des Statistikamtes von Queensland werden im Jahr rund 65 Milliarden Euro in Spielautomaten gesteckt. Viel kommt als Gewinn zurück, aber sechs Milliarden Euro, schätzt der Melbourner Volkswirt und Pokies-Gegner Harry Clarke, lassen die Spieler für immer zurück. Pokermaschinenbesitzer verdienen im Schnitt täglich 160 Euro pro Maschine.

Phyllis und Walter haben eiserne Regeln: „150 Dollar pro Person ist das Limit”, sagt Phyllis - gut 65 Euro - und schaut Walter so streng und zärtlich gleichzeitig an, wie es nur nach 59 Ehejahren möglich ist. „Wenn er einen schlechten Tag hat, will er sich manchmal bei mir was leihen, aber das verstößt gegen unsere Spielregeln”, sagt sie. Walter tut entrüstet. „Aber an dem Goldenen Dienstag, als ich 800 Dollar rausgeholt habe, da wolltest DU unbedingt von MIR zum Essen ausgeführt werden!”, sagt er triumphierend und erzählt von seinem Reibach-Tag, als sei es gestern gewesen. Kurz vor der Mittagspause wars, da drüben steht die Maschine noch, drei geometrische Symbole waren die Gewinnkombination - und dann klingelte die Kasse wie nie zuvor. „Ist aber schon sechs Jahre her”, sagt Phyllis trocken.