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Hamburg: Witze zum Lachen und andere

Hamburg : Witze zum Lachen und andere

Es gibt Witze, über die viel gelacht wird, und solche, bei denen mancher nur schmunzelt oder grinst, auch Witze, die kaum jemand lustig findet. Sogar derselbe Witz kann alle diese Reaktionen hervorrufen. Die Welt der Witze ist voller psychologischer, soziologischer, nationaler und geschlechtsspezifischer Eigentümlichkeiten.

Der international renommierte britische Witzforscher Richard Wiseman versuchte vor einigen Jahren in einem, internetgestützten Verfahren den witzigsten Witz der Welt zu finden. Gibt es den?

Wiseman, Professor für Psychologie an der University of Herfordshire bei London, widmet sich den unterschiedlich Witzen und ihren Wirkungen in einem Kapitel seines 2007 erschienenen Buchs „Quirkology” (quirk = Skurrilität, auch Witz), das jetzt Deutsch im Fischer Verlag vorliegt: „Quirkologie. Die wissenschaftliche Erforschung unseres Alltags.”

Leser dürfte besonders interessieren, was er über das Ergebnis seiner Suche nach dem witzigsten Witz schreibt: „Nach meiner Überzeugung haben wir den in vieler Hinsicht inhaltsleersten Witz entdeckt - einen Scherz, über den jedermann lächelt, der aber nur die wenigsten laut auflachen lässt. Aber wie so oft in der Forschung, war auch hier der Weg wichtiger als das Ziel.”

Die Suche ergab eine Sammlung von 40.000 Witzen, die von mehr als 350.000 Menschen in 70 Ländern bewertet waren. Der von den meisten, 55 Prozent, als lustig eingestufte lautet: Zwei Jäger gehen durch den Wald. Da bricht der eine plötzlich zusammen. Es sieht so aus, als würde er nicht mehr atmen. Seine Augen sind glasig. Der andere wählt per Handy den Notruf: „Mein Freund ist tot, was soll ich tun?”, keucht er. „Immer mit der Ruhe”, sagt der Mann am anderen Ende. „Erst müssen wir genau wissen, ob er tot ist.” Schweigen. Dann hört man einen Schuss. Der Mann greift wieder zum Handy. „Okay, und jetzt?”

An Vergleichsmöglichkeiten fehlt es Witzfreunden nicht. Einen ganz anderen Witz präsentierte das Magazin der „Süddeutschen Zeitung” am Tag vor dem Ende des vorigen Jahrtausends als ersten einer Auswahl „Die besten Witze aus zwei Jahrtausenden”. Mahatma Gandhi, Hauptexponent der indischen Unabhängigkeitsbewegung, kommt zum Augenarzt. Der mustert den Patienten: „Na, ist ihre alte nicht mehr scharf genug?” Gandhi: „Das geht Sie überhaupt nichts an. Ich brauche eine neue Brille.”

Ein anderer der Auswahl: Die beliebte britische Königinmutter fährt mit ihrem Jaguar nach Schloss Windsor. Sie gerät dabei in eine Polizeikontrolle. „Entschuldigung, Eure Hoheit”, sagt der Beamte, „wir müssen einen Alkoholtest machen”. „Prima!”, entgegnet Queen Mum. „In welchem Pub fangen wir an?”

Missverständnisse oder Irrtümer sind eine besonders beliebte Kategorie Witze. Unter denen, die der Journalist und Buchautor Eike Christian Hirsch sammelte, ist: „Na, Herr Meyer, wie ist denn Ihr Prozess ausgegangen?” - „Wie zu erwarten - die gerechte Sache hat gesiegt!” - „O, das tut mir aber leid für Sie”. Ein anderer: Das altgewordene Liebespaar sitzt auf dem Sofa. „Ich finde”, sagt die Frau, „wir sollten doch noch heiraten”. „Das finde ich auch”, sagt ihr Freund, „aber wer würde uns denn noch nehmen?”. Hirsch veröffentlichte das inzwischen in dritter Auflage vorliegende Buch „Der Witzableiter oder Schule des Lachens” (Verlag C.H. Beck).

Wie Richard Wisemann in seiner Kategorienanalyse zeigt, sind Witze häufig auch Produkte eines Überlegenheitsgefühls oder rufen ein solches Gefühl hervor. Im Mittelalter sorgten Zwerge und Bucklige für Erheiterung. Später lachte man über psychisch kranke Menschen. Um Überlegenheitsgefühle geht es auch bei Witzen von Engländern über Iren oder ging es in Deutschland lange Zeit bei Witzen über Ostfriesen. Spott und Abwertung spielen auch die Hauptrolle bei Witzen über Frauen, über die speziell Männer lachen.

Der Psychologe Arnold Hinz (Pädagogische Hochschule Ludwigsburg) sammelte vor einigen Jahren weit über tausend Witze über Männer und Frauen, mehr als 500 allein über „Blondinen”. Ein Beispiel: Was ist das, wenn sich zwei Blondinen Strohballen zuwerfen? Gedankenaustausch. Aber Männer kommen in dieser Kategorie auch nicht besser weg: Wie erkennt man einen Mann, der für die Zukunft plant? Er kauft sich nicht einen Kasten Bier, sondern gleich zwei.

Ein von Wiseman in seinem Buch erwähntes soziales Forschungsergebnis ist die Selbstironie: Menschen in unteren gesellschaftlichen Rängen nehmen sich besonders häufig selbst aufs Korn. Andere Forscher haben auch auf eine typisch jüdische Selbstironie verwiesen. Ein ostjüdisches Charakteristikum nannte die aus Galizien stammende jüdische Autorin Salcia Landmann (1911-2002): Wird einem Juden ein Witz erzählt, so sagt er: „Den kenne ich schon” - und erzählt einen noch besseren.