Aachen: Wie Tarzan den Goethe verstehen könnte

Aachen: Wie Tarzan den Goethe verstehen könnte

„Auf der Kabinettssitzung waren vom Sozialminister bahnbrechende Pläne für härtere Gesetze vorgelegt worden, die eine erhebliche Beschneidung der Gewerkschaftsmacht bedeutet hätten.” Ein ziemlich langweiliger Satz aus irgendeiner Zeitung. Kaum jemand wird ihm auf den ersten Blick ansehen, dass er gleich vier Belege für den Wandel der Sprache enthält.

Vier offenbar stinknormale Wörter darin sind Metaphern, also Ausdrücke, die wörtlich etwas anderes meinen und hier im übertragenen Sinn zu verstehen sind. Der israelische, an der niederländischen Universität Leiden lehrende Sprachforscher Guy Deutscher (40) hat ein eindrucksvolles und auch amüsantes Buch darüber geschrieben, wie man aus der heutigen Gestalt der Sprache auf ihre Geschichte schließen kann: „Du Jane, ich Goethe” heißt es.

Zunächst die Metaphern: Zum „Bahnbrechen” verwendet man eigentlich Planierraupen und keine Pläne. „Hart” ist ursprünglich eine Eigenschaft von Dingen, auch essbaren, und nicht von Gesetzen. „Vorlegen” wiederum beschreibt wörtlich einen Akt der Bewegung - man legt etwas vor, nach vorne. Und bei „Beschneidung” schimmert die ursprünglich körperliche Bedeutung beinahe noch schmerzlich durch. Alle vier Wörter sind also aus dem physischen, konkreten in den ideellen, abstrakten Bereich verschoben. Fraglos und ohne jedes Nachdenken aber versteht jeder sofort diese metaphorischen Bedeutungen von Alltagswörtern.

„Mann Höhle schlaf Tochter”

Metaphern bereichern also längst nicht nur die Dichtung („der Himmel weint”). Solche Verschiebungen von konkreten räumlichen und zeitlichen Sphären in eine abstrakte Verwendung kann man an noch viel trivialeren Strukturwörtern der Sprache ausmachen. Nehmen wir nur die Präposition „vor”: In „vor dem Haus” ist sie räumlich, in „vor Mitternacht” zeitlich, in „vor Kälte zittern” aber zur Beschreibung einer Ursache verwendet. Vielen Adverbien wiederum sieht man ihre körperliche Herkunft sogar noch an. „Zurück” geht natürlich auf (den) Rücken zurück....

Mit unzähligen solcher Beispiele und aha-Effekte verfolgt Deutscher listig sein Ziel, die Entfaltung der Sprache zu veranschaulichen, gemäß seiner Hauptthese, dass die Gegenwart der Sprache der Schlüssel zu ihrer Vergangenheit ist. Er sagt es schöner: „Die Sprache verhüllt die Kunst, die in ihr steckt.” Deutscher hält nichts von Spekulationen über die Entstehung der Sprache, die 40000 oder anderthalb Millionen Jahre her ist, was niemand wirklich weiß. Man könne nur mit dem arbeiten, was Sprache heute ausmache und re-konstruieren, wie sie sich dahin entwickelt, entfaltet hat. Das wendet sich übrigens auch gegen die lange beharrlich verfolgte Grundannahme in der Sprachwissenschaft: Noam Chomskys Theorie der angeborenen grammatischen Ideen, aufgrund derer Kinder angeblich sprechen lernten.

Bei seinem Rückwärtsgang durch die Sprache(n) - die Beispiele stammen aus etlichen Sprachen, wobei in der deutschen Ausgabe die deutsche überwiegt - landet Guy Deutscher bei einer konstruierten kommunikativen „Ur”-Situation zwischen Vater und Tochter, die nur aus ungebeugten Haupt- und Tuwörtern besteht: „mann höhle schlaf. tochter frucht sammel kopf dreh mammut seh. tochter renn baum komm kletter mammut baum schüttel. tochter kreisch kreisch vater renn speer werf. mammut brüll fall...” Das ist das Stadium „Ich Tarzan, du Jane”. Zur Verständigung reicht das offensichtlich schon völlig.

Gegen die Sprachwächter

Am Ende der Sprachentfaltung - im (annähernden) „Goethe”-Stadium - könnte sich die gleiche Geschichte so lesen: „Während ein Mann eines Tages in einer Höhle lag und schlief, sammelte seine Tochter draußen Früchte. Plötzlich hörte sie hinter sich eine Bewegung. Als sie sich umdrehte, sah sie ein riesiges Mammut...” Zwischen diesen beiden Stadien liegt nun, wie Deutscher Etappe für Etappe demonstriert, die Entwicklung und Verfeinerung aller Bestandteile der Sprache: Wörter (Verben, Adverbien usw.), Grammatik, Satzbau: „Mann schlaf in Höhle”, „Ein Mann schlaf in einer Höhle”, „Ein Mann schläft in einer Höhle”.

Die zweite entscheidende These Deutschers: der unaufhörliche Wandel der Sprache ist die Regel, völlig normal und nicht die Ausnahme. Von Sprachwächtern, die heute wie zu allen Zeiten - von Cicero über Karl Kraus bis Wolf Schneider - den Verfall von Sprache, vor allem die angebliche Verhunzung durch Jugend und „Fremdwörter”, hält Deutscher gar nichts. Wortbedeutungen und Grammatik wandeln sich dauernd. So bedeutete das Wort „schlecht” zu Luthers Zeiten auch noch das Gegenteil. Und so sagt heute kaum noch jemand „wir ha-ben”, sondern „wir ham” oder „nabend” statt „guten Abend”. Und in der Schriftsprache wandelt sich das germanische „wira-aldö” über „weralt” zur heutigen Welt.

Das hinter diesen Beispielen liegende Prinzip - das der Faulheit bzw. Ökonomie - ist eins der drei wesentlichen Motive, die nach Deutscher die Entwicklung jeder Sprache bestimmen. Ökonomie meint, dass die Sprachnutzer ständig darauf aus sind, den geringsten Aufwand zu treiben. Komplizierte Wortformen und grammatische Regeln werden nach und nach abgeschliffen.

Die beiden anderen Motive sind Analogie und Expressivität. Expressivität ist eher eine Verfeinerung, die dem Abschleifen entgegenwirkt und Nachdruck erzeugt („überhaupt nicht” statt nur nicht, oder „au jour d´hui” statt früher „hui”). Analogie oder das Streben nach formaler Gleichheit schließlich ist die Methode, die bewirkt, dass anscheinend gleiche Fälle gleich behandelt werden. So wird heute „backen” - wie wecken - schwach konjugiert (backte statt buk). Und so macht der Sprachgebrauch aus „dieses Jahres” das eigentlich falsche „diesen Jahres”, weil vergleichbare Konstruktionen („nächsten, vergangenen Jahres”) eben ein „n” aufweisen. Oder die Superlative: Längst hat sich „naheliegendst” eingebürgert, obgleich man liegend nicht steigern kann. Doch die meisten Superlative werden halt so konstruiert.

So bauen die Menschen fortlaufend an ihrer Sprache, ohne es zu merken. Ein ständiger Wandel, in dem richtig oder falsch wenig brauchbare Kategorien sind. Längst finden auch Senioren nichts mehr dabei, etwas „geil” zu nennen, wobei sie das wohl kaum sexuell meinen. Die nächste Generation sagt vielleicht „krass”, während die Jugend längst einen neuen Ausdruck für dieses Gefühl kreiert haben wird. „Die Sprache ist die größte Erfindung der Menschheit - obwohl sie natürlich nie erfunden wurde”, sagt Guy Deutscher, der die Sprache(n) liebt.

Guy Deutscher. Du Jane, ich Goethe. Eine Geschichte der Sprache. Aus dem Englischen von Martin Pfeiffer. 381 Seiten. Verlag Beck, 24,90 Euro.

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