1. Panorama

Gendern in den USA: Wie geschlechtsneutrale Begriffe den Gebrauch des Englischen in den USA verändern

Gendern in den USA : Wie geschlechtsneutrale Begriffe den Gebrauch des Englischen in den USA verändern

Der Gebrauch von geschlechtsneutraler Sprache steckt in den USA noch in den Kinderschuhen. Viele Amerikaner tun sich schwer mit der Verwendung neuer Pronomen, die keine Rückschlüsse mehr auf die Person zulassen. Andere fühlen sich erstmals anerkannt.

„Hi, mein Name ist Dana und meine Pronomen sind they/them“, stellt sich die Person in der E-Mail vor. Manchmal stehen die Fürwörter auch direkt unter dem Namen. Und zwar nicht nur bei Namen, die im Englischen keine Auskunft über das Geschlecht geben, wie etwa „Kim“ oder „Tyler“. Auch „Johns“ und „Elizabeths“ geht es darum, keine Missverständnisse über das Geschlecht entstehen zu lassen.

Das englische Wort „they“ ist eigentlich die dritte Person im Plural, die geschlechtsneutral das „he“ (dt. er) und „she“ (dt. sie) im Singular ersetzt. „Them“, eigentlich das entsprechende Objektpronomen, wird geschlechtsneutral statt „his“ (dt. sein) und „her“ (dt. ihr) benutzt.

„Ich möchte niemanden dazu zwingen, anders zu sprechen als gewohnt“, erklärt Dee Tom-Munge von der National LGBTQ Task Force den Trend gegenüber der Tageszeitung „USA Today“. „Ich gebe meine Pronomen an, um zu sagen, wie ich in dieser Welt existiere“. Das ist Menschen wie Dee wichtig, die sich im Alltagsgebrauch der Sprache bislang nicht wiederfanden.

Nach Schätzungen des Williams Instituts der Rechtsfakultät der Universität von Kalifornien leben in den USA schätzungsweise 1,2 Millionen Menschen, die sich nicht als Frau oder Mann identifizieren. Weil sie in keine der Geschlechter-Schubladen passen, verstehen sich Transgender auch als „nonbinary“ (dt. nicht binär).

Andere gebrauchen das genderneutrale „they“ aus Solidarität mit der Minderheit, die im Alltag noch oft Diskriminierung erfährt. Insgesamt nahm der Gebrauch von „they“ so stark zu, dass die American Dialect Society das Pronomen zum „Wort des Jahrzehnts“ kürte. Seit 2019 erlaubt das „Merriam-Webster“-Wörterbuch offiziell die Verwendung im Singular für Personen, „deren Geschlechtsidentität nicht binär ist“.

Im Sprachgebrauch leiten sich daraus ganz praktische Fragen ab. Etwa, ob Verben beim Gebrauch von „they“ im Singular dann, wie im Englischen üblich, ein „s“ angehängt bekommen oder nicht. Heißt es „they were“ oder „they was“?

„Sprache ist ein Zuschauersport“

„Sprache ist ein Zuschauersport“, beantwortet der Linguist der Columbia University, John McWhorter, die Frage in einem viel beachteten Beitrag in der New York Times. „Es geht nicht darum, ob sich Dinge über die Zeit ändern, sondern wie.“ Der Sprachforscher der Elite-Universität erinnert daran, dass im „Alt-English“ das feminine Fürwort „heo“ war. „She“ habe sich erst über die Zeit durchgesetzt „und Leute haben es nicht gemocht“.

Das trifft gewiss auch heute auf den Gebrauch einer geschlechtsneutralen Sprache in den USA zu. Während diese bei akademischen Einrichtungen, großen Unternehmen wie Google oder Ford, Bürgerrechts-Gruppen und generell jüngeren Amerikanern Widerhall findet, hängen die traditionellen Medien, Behörden und Kirchen dem Wandel hinterher.

Ende Oktober vergangenen Jahres stellte das US-Außenministerium erstmals einen Reisepass aus, der das Geschlecht nicht mit „M“ oder „F“, sondern einem neutralen „X“ markiert. Und das nicht ganz freiwillig: Ein Transgender aus Colorado erstritt dies in einer gerichtlichen Auseinandersetzung, die bis zum Jahr 2015 zurückreicht. Inzwischen erlauben zwanzig Bundesstaaten das „X“ bereits als Eintrag auf den Führerscheinen, während die übrigen 30 dies nicht vorsehen.

Als die US-Ärzte-Vereinigung „AMA“ im Juni vergangenen Jahres ihre Unterstützung dafür erklärte, das Geschlecht nicht mehr auf den Geburtsurkunden festzuhalten, brach bei Konservativen ein Sturm der Empörung aus. „Das ist das lächerlichste, das ich je gehört habe“, erklärte die ehemalige Botschafterin Donald Trumps bei den Vereinten Nationen, Nikki Haley, die überlegt, als Präsidentschafts-Kandidatin der Republikaner anzutreten.

Der Haussender der US-Rechten, FOX, bekam sich vor Aufregung nicht mehr ein, als das Repräsentantenhaus bei seiner Konstitution im Januar 2021 für seine Geschäftsordnung Gender-neutrale Sprache gebrauchte. In einem Absatz werden Begriffe wie „Mutter“ und „Vater“ durch „Eltern“ oder „Söhne“ und „Töchter“ durch „Kinder“ ersetzt.

James McGovern, der die Änderungen eingebracht hatte, kommentierte die parteiische Aufregung süffisant mit der Feststellung, dass es nur im Kongress als Skandal empfunden werde, von „Eltern“ zu sprechen.

Auch die Kirchen tun sich schwer. Mehrere katholische Bistümer verfassten Richtlinien, die dem Gendern enge sprachliche Grenzen setzen. So erließ gerade erst die Erzdiözese Milwaukee eine Richtlinie, die allen katholischen Institutionen vorschreibt, Transgender grundsätzlich nur mit dem Geschlecht anzusprechen, das in ihrer Geburtsurkunde steht.

Der Kolumnist und Autor von fünf Büchern über Etikette und guten Stil, Steven Petrow, versteht die ganze Aufregung nicht. Im Jahr 2022 werde es Zeit, Menschen so anzusprechen, wie sie genannt werden möchten. Er erinnerte an den früheren Streit, ob Frauen in der Anrede ihren Ehestatus mitteilen sollten, indem zwischen „Miss“ und Misses“ unterschieden wird, oder sie nicht das Recht haben müssten, das neutrale Kürzel „Ms.“ zu gebrauchen.

Er verstehe, dass viele Amerikaner Schwierigkeiten hätten, das Tempo politischer oder linguistischer Bewegungen mitzuvollziehen, so Petrow. „Aber lassen sie uns daran erinnern, dass wir Menschen akzeptieren und deren Identitäten respektieren können, ohne es vollständig zu verstehen.“