1. Panorama

Nordhausen: Wie ein Phönix aus der Asche: Strike Bike GmbH startet Produktion

Nordhausen : Wie ein Phönix aus der Asche: Strike Bike GmbH startet Produktion

Die neuen Fahrräder werden schwarz. Schwarz wie ein Phönix, der Vogel aus der griechischen Mythologie, der verbrennt, um aus der eigenen Asche in neuem Glanz wiederzuerstehen. „Ein bisschen so fühlen wir uns nämlich auch”, sagt Manfred Handke, Geschäftsführer der Strike Bike GmbH im thüringischen Nordhausen.

Seine Firma besteht aus ehemaligen Mitarbeitern des Fahrradwerks „Bike System”, das im vergangenen Jahr insolvent gegangen war. Mit der Besetzung des Firmengeländes als Protest gegen die Entlassung hatte die 135-köpfige Belegschaft bundesweit für Aufsehen gesorgt. Jetzt will Handke mit 20 Mitstreitern im Mai die Produktion wieder aufnehmen: Mit 20.000 Fahrrädern der Marke „Black Edition”.

Es ist ein steiniger Weg, den die Mitarbeiter bisher gegangen sind. Wochenlang hatten sie gegen die Schließung des Unternehmens gekämpft. Drei Monate besetzten sie das Werk, nachdem der Besitzer - der texanische Finanzinvestor Lone Star - im Juni wegen fehlender Aufträge das Aus verkündet hatte. Sie verhinderten die Demontage der Produktionsanlagen und stellten schließlich die knallroten „Strike- Bikes” her: Damen- und Herrenräder mit Dreigangschaltung - und einer fauchenden Katze auf dem Lenkkopf.

In Eigenregie und ohne Chefs hatte die Belegschaft im Oktober innerhalb einer Woche rund 1800 dieser Fahrräder produziert. Bestellungen kamen sogar aus Australien und den USA. Die Käufer mussten den Preis von 275 Euro pro Rad per Vorkasse bezahlen.

„Damals hatten wir gehofft, Investoren überzeugen zu können, dass wir immer noch günstige Räder herstellen können”, sagt Handke, der seit der Firmengründung 1986 in dem Unternehmen gearbeitet hatte. Doch nach Eröffnung des Insolvenzverfahrens erlosch diese Hoffnung - im November räumten die Mitarbeiter das Werksgelände.

Doch statt der Investoren interessierten sich plötzlich Händler für die roten Räder. „Also fingen wir an, zu rechnen.” Nach der Firmenschließung hatten etwa 90 Kollegen einen Verein gegründet, vor allem, um eventuelle Schäden oder Lieferprobleme der Strike Bikes abzuwickeln. Rund 60.000 Euro hatten sie dafür zurückgelegt. „Wir hatten zwei Möglichkeiten: Das Geld an eine Servicegesellschaft abzugeben - oder es selbst in eine eigene Firma zu investieren.” Auf einer Versammlung im Januar stimmte die Mehrheit für die eigene GmbH.

Sie mieteten die alte Halle wieder an, räumten den Müll weg und kauften neue Maschinen. Dort, wo früher auf drei Etagen 250 000 Räder montiert wurden, wollen sie jetzt klein anfangen. 21 Arbeiter sollen bis Mitte Juni rund 2000 schwarze Räder montieren. Nach dem Konzept des roten Strike Bike werden sie übers Internet per Vorkasse für 299 Euro verkauft.

„Wenn wir das schaffen, haben wir genug Geld zusammen, um im Juni mit der Produktion für den Fachhandel zu beginnen”, hofft Handke. Zwei Händlervereinigungen hätten Interesse an der Lieferung rund 18 000 Rädern bis Ende des Jahres bekundet. „Dann könnten wir vier weitere Stellen schaffen. Ziel ist es, möglichst viele der ehemaligen Mitarbeiter unterzubringen.”

Wie realistisch diese Pläne sind, will beim Zentralverband der Zweiradindustrie niemand kommentieren. Auch das Thüringer Wirtschaftsministerium will zum Neuanfang des kleinen Unternehmens keine Stellung nehmen. Finanzielle Unterstützung hat es von dort im vergangenen Jahr nicht gegeben. Die Möglichkeiten der Landesregierung seien begrenzt, hieß es damals.

Der Verband des Deutschen Zweiradhandels in Bielefeld glaubt dagegen an die Auferstehung. „Wenn Abnehmer da sind, sehe ich da keine Probleme”, sagt Hauptgeschäftsführer Markus Lehrmann. Zudem achten nach seiner Beobachtung immer mehr Kunden auf die Art der Herstellung. „Wenn das Fahrrad eine Geschichte erzählt - umso besser.”

In den vergangen Tagen sind etwa 500 Bestellungen für die Nordhäuser Räder eingegangen, am 5. Mai stehen die Frauen und Männer wieder am Band. Ein Modell steht bereits in der Montagehalle. Es ist schlicht und solide, mit Stahlrahmen, Dreigangschaltung und Hohlkammerfelgen - ganz in schwarz gehalten. „Die Farbe des Phönix soll unser Symbol sein”, sagt Handke. „Mit dem Unterschied, dass wir nicht aus Asche wiedererstehen, sondern aus einem riesigen Müllberg.”