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Weihnachtsgeschenke: So heucheln Sie Freude richtig vor

Mit den Geschenken kommt die Heuchelei : Wie Weihnachtswunder wahr werden

Weihnachten ist nicht nur das Fest der Liebe, sondern auch das der Geschenke. Schenken und beschenkt werden – ein System, das fehleranfällig ist und Feingefühl verlangt. Schließlich wollen wir unsere Liebsten nicht verletzen. Wenn uns das Präsent nicht gefällt, heucheln wir gern das Gegenteil vor. Wie das gelingt, erfahren Sie hier.

Die Familie ist ein Ort, an dem es keine Geheimnisse und Lügen geben sollte. Und schon gar nicht an Weihnachten! Doch gleichzeitig liegen uns ihre Mitglieder so sehr am Herzen, dass wir es kaum ertragen, sie zu enttäuschen. Ein Dilemma, das spätestens bei der Bescherung zum Vorschein tritt. Dann nämlich neigen wir dazu, der Wahrheit nicht immer die Ehre zu geben. Jeder war schon Täter, jeder Opfer. Wer beim Freude heucheln Erfolg haben will, braucht schauspielerisches Talent. Damit aus dem vorgeführten Drama keine Tragödie wird, liefern wir Tipps und Tricks, die Sie unbedingt beachten sollten.

Erster Akt: Antizipation dann Faszination

Achtung, dieser Schritt ist nur für Profis, für Menschen, deren Herzen in Kühltaschen verpackt sind, für virtuose Schauspieler, deren moralische Heimat Münchhausen ist, für Gewissenlose, für erfahrene Heuchler. Die Exposition ist riskant, die Ausführung verlangt akrobatische Balance.

Für den Drahtseilakt ist eine konkrete Ahnung von Vorteil. Schließlich geht es darum, der Heuchelei beim und nach dem Auspacken des Geschenks einen authentischen Anstrich zu geben. Wie so oft erleichtert auch hier die ideale Vorbereitung die Präsentation.

So lohnt es sich, dem Prinzip der Nachfrage zu frönen. Die einfache Formel lautet: Schenke mir das, was ich brauche, dann bin ich glücklich. Wer beispielsweise weiß, dass der Sohnemann mal wieder mit Socken daherkommt, der lässt einfach zwischen dem 20. und 24. Dezember regelmäßig den dicken Onkel rausgucken.

Die ins Unermessliche steigende Vorfreude des Gegenübers liefert das optimale Bühnenbild, auf dem sich die nachfolgenden Akte glaubwürdig vollziehen lassen.

Zweiter Akt: Cool bleiben

Jetzt bloß nicht nervös werden! Die Präsente liegen akkurat verpackt unter dem Baum. Wirklich umhauen wird Sie in diesem Jahr keines, das wissen Sie. Ihr großer Auftritt muss überzeugen. Enttäuschte oder gar traurige Gesichter sind das letzte, was Sie an diesem besinnlichen Abend sehen wollen. Konzentration ist gefordert, verinnerlichen Sie diesen Ratgeber, und falls Sie ein Grünschnabel im Zoo der Lügner sind, liegen optimalerweise mehrere Proben hinter Ihnen. Eventuell hilft ein Blick ins Weinglas, auch Betablocker sollten für den Notfall bereitliegen.

Dritter Akt: Auf die Augen kommt es an

Es geht los! Mit großen Augen wird Ihnen das Geschenk überreicht. Während Sie behutsam die Schleife entknoten, überschüttet Sie Ihr Gegenüber mit Understatement à la: „Du kannst es auch umtauschen, wenn es dir nicht gefällt.“ Wer tauscht schon Socken um? Auf die Schleife folgen die Zipfel. Bald wird es zu sehen sein, das unnütze Ding.

Da die erste Reaktion entscheidet, sie gleichzeitig aber die am schwersten zu manipulierende ist, muss Sie versteckt werden. Und das geht so: Tauchen Sie mit dem Kopf ganz tief ins Papier ein – Kopf zu Geschenk, nicht Geschenk zu Kopf.

Für einige Sekunden haben Sie nun die Chance, Ihre wahren Emotionen zu verbergen, innezuhalten, Luft zu holen und mit falschen Emotionen aufzutauchen. Profis haben in dieser Zeit schon Tränen herbeigezaubert, ein Leuchten in den Augen sollte aber fürs Erste reichen. Das klingt simpler, als es ist.

Denn während wir ohne Probleme aus unserem Mund ein Lächeln formen können, ist unser Sehorgan nicht so leicht zu überlisten. Stellen Sie sich einfach vor, Sie seien gerade mit etwas beschenkt worden, das Sie sich wirklich gewünscht hatten. Jetzt sollten die Augen klein und faltig sein und Sie bereit für den nächsten Schritt.

Vierter Akt: Weniger ist mehr

Klar, eine Umarmung ist obligatorisch. Doch wie Danke sagen? Ein Wagnis, an dem viele scheitern. Eine Brise zu viel Euphorie, ein Hauch zu viel Überschwang – schon ist Ihr Vorhaben entlarvt. Weniger ist mehr –­ das Oxymoron war nie gebotener. Also: Bleiben Sie auf dem Teppich, der fünfte Akt wird dem leisen Danke schon Nachdruck verleihen.

Fünfter Akt: Nachhaltigkeit

Die Bescherung geht weiter – und Sie, Sie sind erst einmal raus aus dem Fokus. Puh! Alles, was Sie jetzt noch tun müssen, ist abwesend sein. Vertieft in den Einzelheiten Ihres Lieblingsgeschenks bekommen Sie nicht mehr viel mit von der Umwelt. Was den ein oder anderen nerven wird, wird für unglaubliche Sympathien beim Schenker sorgen. Und das ist doch schließlich das Ziel. Schach und Matt!