Der verkannte Frieden: Vor 100 Jahren wurde der Versailler Vertrag unterzeichnet

Der verkannte Frieden : Vor 100 Jahren wurde der Versailler Vertrag unterzeichnet

Deutschland werde zu einer „brutal ausgebeuteten Kolonie“ gemacht, klagte der rechtskonservative Historiker Gerhard Ritter 1919, als der Vertrag von Versailles den Ersten Weltkrieg auch formell beendete. Gut drei Jahrzehnte später dachte derselbe Mann darüber völlig anders: „Für eine kluge, besonnene und geduldige deutsche Politik, die für unseren Staat nichts anderes anstrebte, als ihn zur friedenssichernden Mitte Europas zu machen, eröffneten sich – auf lange Sicht gesehen – die besten Chancen“, schrieb er 1951.

Prononciert rechts war Ritter in all den Jahren geblieben; zwischen beiden Urteilen liegt jedoch die elementare Erfahrung des NS-Regimes, das unter dem Vorwand, nur Versailles überwinden zu wollen, den Weg in den Zweiten Weltkrieg beschritten hatte. Davor gelang eine nüchterne Bewertung nicht vielen Deutschen, es überwogen Schwarzseherei, Wut sowie pathetisches Aufbegehren – und das keineswegs auf der politischen Rechten allein. „Welche Hand müsste nicht verdorren, die sich und uns in diese Fesseln legt?“, lamentierte etwa der sozialdemokratische Regierungschef Philipp Scheidemann.

Für sich persönlich löste Scheidemann das Problem recht einfach, indem er zurücktrat. Verantwortungsbewusstes Handeln war das freilich nicht. Eine Nichtannahme des Friedensvertrags hätte nur den Hardlinern unter den Siegern, angeführt vom französischen Staatspräsidenten Raymond Poincaré und Marschall Ferdinand Foch, dem Generalstabs­chef, in die Hände gespielt. Deren Pläne für diesen Fall, die nicht nur Frankreichs Ministerpräsident Georges Clemenceau, sondern auch US-Präsident Thomas Woodrow Wilson und der britische Premierminister David Lloyd George gebilligt hatten, lagen fertig in der Schublade: Besetzung Norddeutschlands bis zur Weser, gleichzeitig Vorrücken von Truppen entlang der Mainlinie, Abschluss separater Friedensverträge mit den süddeutschen Staaten.

Überdies beabsichtigten sie, im Rheinland Separatisten zu unterstützen. Um zumindest die staatliche Einheit zu bewahren, blieb also nur die Zustimmung. Eine Mehrheit der deutschen Politiker sah dies schließlich auch ein. Am 23. Juni 1919 ermächtigte das Parlament die Regierung zur Unterzeichnung, die am 28. Juni erfolgte; am 9. Juli wurde der Vertrag ratifiziert. Er war Diktat und Kompromiss zugleich: Ersteres gegenüber Deutschland, Letzteres zwischen den Hauptsiegermächten – denn Clemenceau, Wilson und Lloyd George einigten sich auf den Entwurf erst in kontroversen Verhandlungen.

Abtretung Eupens und Malmedys

Drei Themenkomplexe standen im Mittelpunkt: Reparationen, Verkleinerung von Deutschlands Territorium, Einschränkungen seiner Souveränität. In Bezug auf die Wiedergutmachungsleistungen nennt der Vertrag keine feste Summe. Darüber sollte eine Kommission befinden, die bis spätestens 1921 eine solche festzulegen hatte – was in Deutschland die Sorge hervorrief, einen Blankoscheck zu unterschreiben. Tatsächlich geriet ihm der nicht fixierte Gesamtbetrag indes zum Vorteil. Die Rückgabe des 1871 annektierten Elsass und Lothringens an Frankreich war selbstverständlich.

Ferner verfügten „Die großen Drei“ die Abtretung Eupens und Malmedys an Belgien sowie großer Abschnitte der Provinzen Posen und Westpreußen an Polen, während Danzig mitsamt Umgebung unabhängig wurde und so immerhin den Charakter einer deutschen Stadt behielt. Ein kleiner Teil Ostpreußens, das sogenannte Memelland, wurde französischer Verwaltung unterstellt, ein kleiner Teil Schlesiens, das „Hultschiner Ländchen“, kam zur Tschechoslowakei. Außerdem verlor Deutschland alle Kolonien. Volksabstimmungen über die Staatszugehörigkeit sah der Vertrag für das westpreußische Gebiet um Marienwerder, das ostpreußische um Allenstein, Oberschlesien, Nordschleswig und später für das Saargebiet vor.

Übergabe der Friedensbedingungen am 7. Mai 1919 im Hotel Trianon Palace in Versailles. Am vorderen Tisch sitzt die deutsche Delegation, in der Mitte Außenminister Ulrich Graf von Brockdorff-Rantzau. Foto: imago/United Archives International/imago stock&people

Die Souveränität wurde unter anderem durch das Verbot von allgemeiner Wehrpflicht, Luftstreitkräften, schweren Waffen und Festungen an der Grenze eingeschränkt, zudem durch die Begrenzung des Heeres auf 100.000 Mann und der Marine auf 15.000, die Entmilitarisierung des Rheinlandes und des östlichen Rheinufers sowie die befristete Besetzung des linksrheinischen Gebiets und von vier rechtsrheinischen Brückenköpfen.

Das Bekanntwerden des Vertragsentwurfs Anfang Mai sorgte in Deutschland für einen Schock. Über den Inhalt der monatelangen Verhandlungen in Paris war kaum etwas durchgesickert, und die Erwartungen waren von Wunschdenken geprägt. Die Hoffnungen auf einen milden Frieden konzentrierten sich auf US-Präsident Wilson, den viele kaum noch als den führenden Vertreter eines siegreichen Kriegsgegners betrachteten, sondern als eine Art Vermittler, fast schon als Verbündeten. Dabei hätten dessen Stellungnahmen seit dem amerikanischen Kriegseintritt – insbesondere die berühmten „Vierzehn Punkte“ vom Januar 1918 und die von Außenminister Robert Lansing unterzeichnete Note vom November, welche die Grundlage für das Waffenstillstandsabkommen bildete – durchaus ein realistischeres Denken auslösen können.

In den „Vierzehn Punkten“ hatte Wilson neben der Rückgabe Elsass-Lothringens an Frankreich auch die Errichtung eines unabhängigen Staates Polen mit freiem Zugang zum Meer verlangt. Ein flüchtiger Blick auf die Landkarte genügte für die Erkenntnis, dass die preußischen Ostprovinzen dann teilweise polnisch werden würden. Und in der „Lansing-Note“ bekannte Wilson sich explizit zur Verpflichtung Deutschlands, den der Zivilbevölkerung der Alliierten und ihrem Eigentum zugefügten Schaden zu ersetzen. Dass nach einem sich viereinviertel Jahre hinziehenden Krieg, der vor allem in Frankreich ausgefochten worden war, auf die Deutschen beträchtliche Wiedergutmachungsansprüche zukommen würden, war damit auch klar. Diejenigen, denen der Präsident nun als Betrüger erschien, hatten mit ihrer blauäugigen Sicht auf dessen Kriegsziele in Wirklichkeit sich selbst betrogen.

Für noch größeren Zorn als Wilsons vermeintliche Unaufrichtigkeit sorgte der ominöse Artikel 231 des Vertrags von Versailles, interpretiert als „Kriegsschuldparagraf“ und bald „Kriegsschuldlüge“ genannt. Doch eine moralische Verurteilung war damit gar nicht beabsichtigt, er diente bloß der juristischen Absicherung der Reparationsansprüche. Deutschland und seinen Verbündeten wurde seitens der Siegermächte lediglich vorgehalten, deren Kriegsverluste und -schäden verursacht zu haben („pour les avoir causés“ im französischen Vertragstext, „for causing“ im englischen) und demzufolge für sie verantwortlich zu sein. Die Wendung ins Moralische verantwortet der Leiter der deutschen Delegation in Versailles, Außenminister Ulrich Graf von Brockdorff-Rantzau, der bereits am 7. Mai in seiner Rede anlässlich der Übergabe der Friedensbedingungen behauptete, es werde von den Deutschen „verlangt, dass wir uns als die allein Schuldigen am Kriege bekennen“.

Unterzeichnung des Vertrags am 28. Juni 1919 im Versailler Schloss. Hier unterschreibt Frankreichs Ministerpräsident Georges Clemenceau. Foto: imago/United Archives International/imago stock&people

In den folgenden Wochen rückte Brockdorff-Rantzau diesen Punkt immer mehr in den Fokus – und das, obwohl ihn die eigene Regierung schon am 14. Mai aufgefordert hatte, die Schuldfrage nicht weiter zu thematisieren. Der sich neuerdings als Demokrat gerierende kaiserliche Karrierediplomat verfolgte den Plan, durch die Widerlegung der angeblich unterstellten Alleinschuld den ganzen Vertrag auszuhebeln. Er bewirkte so aber nur, dass nun auch die Sieger betont moralisch argumentierten. In ihrer abschließenden Erwiderung auf mehrere deutsche Noten und Denkschriften stellten sie die Reparationen nicht mehr als Entschädigung dar, sondern als Strafe für den von Deutschland angezettelten Krieg, ein „Verbrechen gegen die Menschheit und gegen die Freiheit der Völker“.

Für die Vertragsbestimmungen war die verfehlte Strategie des Außenministers weitgehend belanglos, da Clemenceau, Wilson und Lloyd George Verhandlungen gar nicht zuließen und nur wenige Änderungen an der ursprünglichen Fassung  konzedierten. Von erheblicher Bedeutung war sie jedoch für die innenpolitische Entwicklung. Weil dadurch in der öffentlichen Wahrnehmung aus dem wertfreien Ausdruck „verursachen“ der moralisch verurteilende Begriff „Schuld“ wurde, trug Brockdorff-Rantzau maßgeblich zum aufgeheizten Klima der Weimarer Republik bei – noch verschärft dadurch, dass er sein Scheitern auf den vorgeblich mangelhaften Durchhaltewillen in der Heimat zurückführte und politische Gegner persönlich diffamierte. „Ich war dicht am Ziel, aber dieser verbrecherische Erzberger hat alles ruiniert“,  attackierte er seinen wichtigsten Widersacher im Kabinett, Matthias Erzberger von der katholischen Zentrumspartei. Den kostete derartige Hetze das Leben – 1921 wurde er von Rechtsextremisten ermordet.

Der Versailler Vertrag wurde von Vertretern Deutschlands und der 26 Siegermächte unterzeichnet. Als Erster unterschrieb US-Präsident Thomas Woodrow Wilson. Danach folgten unter anderem die Signaturen von Politikern aus Japan, Bolivien, Brasilien und den britischen Dominions sowie der beiden deutschen Bevollmächtigten, Minister Hermann Müller und Johannes Bell. Foto: imago/United Archives Internatio/imago stock&people

Dabei hatte Erzberger als einer der wenigen Deutschen die Chancen erfasst, die sich trotz und zum Teil sogar gerade wegen der Annahme des Vertrags ergaben. Für die USA spielten Reparationen kaum eine Rolle, sie benötigten Deutschland jedoch als Empfänger von Waren- und Kapitalexporten. Für Großbritannien wiederum ging es auch darum, Frankreichs Konsolidierung als Hegemonialmacht auf dem Kontinent zu verhindern.

Dieses Ziel konnte aber nur durch eine Stärkung Deutschlands erreicht werden, denn das habsburgische Reich existierte 1919 bereits nicht mehr und das osmanische stand kurz vor der Auflösung. Außerdem war der Nachfolger des dritten zerbrochenen Vielvölkerstaats, des zaristischen Russlands, kommunistisch und wurde von allen Siegern als potenzielle Bedrohung gesehen. Für eine friedliche deutsche Revisionspolitik, die sich unter Verzicht auf die verlorenen Gebiete dem Wegfall der Reparationslast und der Wiedererlangung von politischem und ökonomischem Einfluss widmete, gab es somit gute Aussichten – was den meisten in ihrer notorischen Aufgeregtheit allerdings entging.

Der Versailler Vertrag wurde von Vertretern Deutschlands und der 26 Siegermächte unterzeichnet. Als Erster unterschrieb US-Präsident Thomas Woodrow Wilson. Die Bildfolge zeigt unter anderem die Signaturen von Politikern aus Japan, Bolivien, Brasilien und den britischen Dominions sowie der beiden deutschen Bevollmächtigten, der Minister Hermann Müller und Johannes Bell. Foto: imago/United Archives Internatio/imago stock&people

Die inneren Feinde der Weimarer Republik konnten den Vertrag deshalb erfolgreich für ihre Zwecke benutzen. Die weitergehende Absicht – Beseitigung der Demokratie – ließ sich hinter dem vordergründigen und allgemein akzeptierten Ziel der Überwindung von Versailles vorzüglich tarnen. Als Schnittstelle zwischen beiden diente die aggressive Agitation gegen alle, die auf eine Politik der kleinen Schritte statt auf Konfrontation setzten, um Deutschlands Wiederaufstieg zur europäischen Großmacht zu ermöglichen. Das Anwachsen der faschistischen NSDAP zur Massenbewegung wäre ohne diese Instrumentalisierung überhaupt nicht möglich gewesen.

Insofern besteht in der Tat eine Verbindung zwischen Versailles und Zweitem Weltkrieg – allerdings nicht wegen des Vertrags als solchem, sondern wegen seiner Rolle in der deutschen Innenpolitik.

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