1. Panorama

Singer, Songwriter und Pianist: Vom Glauben ans eigene Talent

Singer, Songwriter und Pianist : Vom Glauben ans eigene Talent

Der Pianist und Singer/Songwriter Andy Houscheid, seine Sicht der Dinge und die Lieder, die daraus entstehen. Konstantin Wecker ist ein Förderer des Ostbelgiers.

Als jazzgeschulter Pianist, Bandleader, Komponist und moderner Liedermacher vereint er gleich mehrere Talente in seiner Person. Die verleihen ihm in der Reihe der deutschsprachigen Singer/Songwriter ein wirkliches Alleinstellungsmerkmal.

Seine beiden bisher erschienen Alben „Von hier aus weiter“ und „Scheinen“ liefen im Dreieck zwischen Luxemburg, Aachen und Köln durchaus erfolgreich. Das Lied „Kein schlechter Mensch“ entwickelte sich im ostbelgischen Radiosender BRF sogar zu einem regelrechten Hit mit Dauer­brenner-Charakter. 157 Wochen lang wurde der Song dort gespielt.

Vor drei Jahrzehnten, in den 80er Jahren, hätte einer wie er vermutlich einen Vertrag mit einem der damals noch relativ vielen großen Plattenlabels über fünf Alben bekommen. Heute, im Streaming-Zeitalter, wollen alle immer mehr Musik rund um die Uhr hören, aber wenige wollen dafür auch zahlen. Die Zeiten für Kunstschaffende sind hart, keine Frage.

„Es gibt meiner Meinung nach mehrere Faktoren die in diese Richtung führen“, sagt Houscheid. „Zum einen gibt es viel mehr Musiker und Bands, die Platten eigenmächtig produzieren, als vor 30 Jahren. Die wollen alle spielen. Die Tatsache, dass man auf jede Musik nun überall und direkt zugreifen kann, geht in meinen Augen zum anderen auch zu Lasten der Attraktivität der Musik und der Musiker.“

Man müsse keine langen Distanzen mehr zurücklegen, um in einen anderen Ort zu fahren, wo man sich im dortigen Plattenladen eine langersehnte CD kaufen könne. „Alles ist rund um die Uhr zu haben, was zu einem Gefühl der Beliebigkeit führt. Es gibt aktuell außerdem so viele Genres, einfach toll gemachte Musik. Aber der Mainstream bestimmt den Markt. Es könnte alles viel bunter sein.“

Trotzdem gelangte Houscheids Musik kürzlich nach Bayern, genau genommen nach München, wo Konstantin Wecker lebt. „Sturm und Klang“ heißt Weckers Plattenlabel, und darüber erschien jüngst Houscheids neues Album „Talent“. Dass der Ostbelgier auf Weckers offene Ohren stieß, war die Folge eines Urlaubs Houscheids. Wecker besitzt ein toskanisches Landhaus, das man mieten kann. Dieses Haus bot Houscheid vor ein paar Jahren, was er damals suchte, nämlich ein Feriendomizil, in dem ein Flügel zum Üben stand.

Andy Houscheid schreibt und singt Songs mit Mehrwert. Foto: Fabian Erler

Türen geöffnet

Zu einem dort spontan komponierten Lied schrieb er einen Text, brannte das Ganze auf CD, die er Wecker hinterließ. Ein halbes Jahr später bekam er eine ermutigende Antwort. Wecker gefiel, was er von Andy Houscheid gehört hatte. Der Dialog zwischen den beiden Musikern war geschaffen. In den darauffolgenden Jahren suchte Houscheid immer mal wieder den Rat des großen Musikpoeten und bekam ihn auch.

„Konstantin Wecker ist für mich der Inbegriff eines großen Liedermachers“, meint Houscheid. „Seine Texte sind einerseits lyrisch, sie stecken voller Tiefe und Liebe. Andererseits sind sie von klarem Widerstand geprägt. Gegen den ungezügelten Kapitalismus.

Es ist für mich spannend anzusehen, wie er sein Lebenswerk gestaltet. Unsere jeweiligen musikalischen Ausrichtungen sind unterschiedlich. Und doch verbindet uns etwas: Wir haben ein Lied. Das war das Statement, das er kürzlich in einem Interview über mich sagte : ‚Der Andy singt, weil er ein Lied hat’.“

Wecker öffnet als Förderer Houscheids tatsächlich Türen. Im Oktober absolvierte der Belgier einen Gastauftritt in der Kölner Philharmonie während eines Wecker-Konzerts. Und schließlich drehte auch das Fernsehen einen Beitrag über den 35-Jährigen. In Köln entstanden in Zusammenarbeit mit dort ansässigen Musikern auch Teile von „Talent“. Darin findet eine vergleichsweise deutliche Hinwendung zur Popmusik statt. Vor allem soundtechnisch.

Waren seine ersten beiden Alben noch weitgehend von akustischen Elementen geprägt, geben diesmal definierte Beats die Richtung vor. Nicht vergleichbar mit denen des HipHop, aber doch pop­prägnanter als zuvor. Auch Synth-Sounds nutzt er verstärkt. Zwar sublim, dennoch deutlich akzentuierend. Zur Erweiterung seines musikalischen Spektrums. Das sei nicht das Resultat einer bewussten Entscheidung, sondern die logische Folge einer natürlichen Entwicklung, sagt er.

Andy Houscheid muss sich freilich keine Sorgen machen, gleich als musikalischer Opportunist betrachtet zu werden. Dafür ist seine Auffassung von Populärmusik immer noch viel zu speziell. Die speist sich aus seiner langjährigen Erfahrung als Unterhaltungsmusiker, seiner Vorliebe für Songstrukturen und seiner Verehrung für große Jazz-Pianisten wie etwa Bill Evans. In der Eifel habe er früher in unterschiedlichen Konstellationen gespielt, sagt er.

Irgendwann stand die Frage im Raum, wohin er beruflich im Leben wollte. Seine Eltern ermutigten ihn dazu, seine musikalische Begabung weiter auszubauen. Die Option jedoch, Musik zu studieren, lag jenseits der Grenzen der Eifel. „Etwa mit 19 gab es für mich einen glasklaren Moment, der mir bewusst machte, dass mein Leben fraglos die Musik ist.

Ich traf zu der Zeit wohl meine bisher mutigste Entscheidung: Ich werde Musik studieren. Ein Musikprofessor sagte seinerzeit zu mir, dass es für eine Pianisten-Karriere schon reichlich spät sei. Das spornte mich enorm an, und fünf Jahre später hatte ich mein Musikstudium mit Auszeichnung bestanden.“

Der Glaube an das eigene „Talent“ ist entsprechend die Botschaft, die sein gleichnamiges neues Album inhaltlich transportiert. In den acht Songs der Platte, die von zwei Piano-Instrumental-Nummern flankiert werden, steckt auch sein musikgewordener Appell zu mehr Menschlichkeit. Ohne Zeigefinger, ohne Pathos.

Seine sanft artikulierte Erinnerung daran, dass in jedem Menschen ein Talent schlummert, ist aber die eigentliche Idee, auf der „Talent“ fußt. In seinen Texten schöpft Houscheid vor allem aus sich selbst. Seine sensible Weltbetrachtung übersetzt er in musikalische Sprache. „Ich würde sie mit ‚leichter Tiefe‘ umschreiben“, sagt Houscheid. Sie ist leicht, nicht verkopft, aber sie rührt, genauso wie seine Texte, gleichzeitig tief aus seiner Seele.

Nicht der Rebell

„Ich wünsche mir, wie so viele Menschen, eine friedvollere Welt. Ich bin aber nicht der Rebell in meinen Texten. Ich glaube, dass Menschen nur in der Ruhe zu innerem Frieden finden. In der Ruhe steckt viel Kraft. Finde ich Ruhe, stelle ich Fragen und finde Antworten, die in meine Texte einfließen.

Mein Ego, das auch mir öfter in meine innere Ruhe plappert, versuche ich zu nutzen, um meine Kunst nach vorne zu bringen, zu den Menschen, quasi als Motor. Es hilft mir, mich durchzusetzen, wenn es gefragt ist. Diese Optimierung, Seele und Ego in Einklang zu bringen, sehe ich als lebenslanges Projekt“, bemerkt er, während seine Augen suchend wirken. In Interviews müsse er sich mehr konzentrieren als im musikalischen Ausdruck, wirft er ein.

In seiner Musik, in seinen Songs, findet sein Charakter seinen stärksten Ausdruck. Deswegen schreibt er auch Songs, die einen Mehrwert haben. „Irgendwas müssen Songs aussagen, sonst wären es ja keine Lieder. Und mir haben immer die Songs viel bedeutet, die mich an meine eigene Menschlichkeit erinnert haben.

Diese Tugend will ich auch in meinen eigenen Songs verankert wissen. Das Lauschen auf das, was in einem steckt, kann sehr wohltuend sein. Und es befördert Charaktereigenschaften, die andere Menschen unterstützen können. Darum geht’s. Ich glaube, dass wir die Zukunft nur gemeinsam geregelt bekommen. Gemeinsamkeit kann eine Bereicherung sein. Die Musik ist eine Sprache, die Gemeinschaft schaffen kann und Grenzen überwindet.“

Genauso wie Humor. Bei aller Ernsthaftigkeit lacht Houscheid währen des Gesprächs gerne und viel. Das Leben zu feiern, ist ihm scheinbar mindestens so wichtig, wie ihm auf den Grund zu gehen. Und oft lacht er auch über sich selbst. Seine Aufgabe sei es, sein Talent zu kultivieren. Und wenn es, wie er ausführt „nur gefühlvolle Lieder sind, die dabei entstehen, dann ist das halt so“. Die will er dann aber so bunt, so facettenreich, ehrlich und so handwerklich ausgefeilt wie möglich gestalten.

Menschen verblüffen

„Ich finde es großartig, von Menschen verblüfft zu werden, und es gefällt mir auch, wenn ich Menschen verblüffen kann. Das geschieht zumeist, wenn jemand etwas sehr gut kann, wenn jemandem ein Talent zu eigen ist. Wie beispielsweise bei einem Leistungssportler, einem Handwerker und oder eben auch einem Musiker. Ich bin davon überzeugt, dass jeder eine Quelle in sich trägt, aus der er etwas Besonderes schöpfen kann.

Und dieses Charakteristische bereichert die Welt, gestaltet sie bunter, zeichnet sie lebenswert“, sagt er mit seinem unüberhörbaren ostbelgischen Akzent. Der Einwurf, dass sein Akzent Charme besitzt, freut ihn. Die Gewissheit, dass er seine Identität als Musiker mit „Talent“ endgültig gefunden hat, erst recht.