Washington: Vom Fischerdorf ins All: 60 Jahre Raketenstarts in Cape Canaveral

Washington: Vom Fischerdorf ins All: 60 Jahre Raketenstarts in Cape Canaveral

„Das Dröhnen war noch kilometerweit zu hören. Man sah die Rakete mit bloßem Auge, bis sie durch einen Schleier von Zirruswolken brach.” Geradezu malerisch beschrieb ein Reporter der Zeitung „Miami Daily News” in Florida den Beginn eines neuen Kapitels in der Geschichte der Raumfahrt.

Um exakt 9.26 Uhr am 24. Juli 1950 startete eine Zwei-Stufen-Rakete namens „Bumper 8” zu einem Testflug. Als die Kombination aus einer in Nazi-Deutschland entwickelten V-2 und der amerikanischen WAC abhob, war das historische Ereignis vollbracht: Der erste Raketenstart vom Luftwaffen-Stützpunkt in Cape Canaveral.

Sechs Jahrzehnte später ist der Name des einstigen Fischerdorfes in Florida ein Synonym für den bedeutendsten Weltraumbahnhof der westlichen Welt - das kleine Cape Canaveral mauserte sich zu einem der wichtigsten Raketenstartplätze auf dem Globus. Von der Halbinsel aus werden Satelliten wie auch ganze Raumstationen ins All geschossen. Alle bemannten amerikanischen Flüge starten an der Ostküste. Neil Armstrong etwa begann hier 1969 an Bord der „Apollo 11” seine Reise zum Mond. Und bis zu ihrem Lebensende im kommenden Jahr haben auch die Space-Shuttle in Cape Canaveral ihren Heimathafen.

Dabei war Florida für die Raketenforscher nur zweite Wahl. Als ihr Versuchsgelände in White Sands (New Mexiko) zu eng wurde, wollten sie eigentlich nach Kalifornien an die Westküste umziehen. Die Pläne scheiterten jedoch am Widerstand von Mexiko. Dessen Präsident Miguel Alemán wollte von dem US-Raketenprogramm nichts mehr hören, war in seinem Land doch gerade eine fehlgeleitete V-2-Rakete aus White Sands auf einem Friedhof eingeschlagen. Der riesige Krater auf der Ruhestätte brachte die Amerikaner in keine gute Verhandlungsposition.

Weniger widerborstig zeigten sich die damaligen britischen Kolonialherren auf den Bahamas, der Inselgruppe süd-östlich von Florida. Sie stimmten der neuen Station in Cape Canaveral und einem Beobachtungsposten auf eigenem Gebiet zu, so dass US-Präsident Harry Truman seiner Air Force 1949 den Bauauftrag für vier Startrampen erteilen konnte. Die Metamorphose von Cape Canaveral begann, aus den Fischerhütten wurden Kontrollstationen.

Die Raketentechniker wussten das damals noch abgelegene Areal schnell zu schätzen: Der Atlantik bot hinter den Bahamas ein freies Schussfeld von mehr als 7000 Kilometern. Da die Erprobungsstrecke Richtung Osten ging und aus Sicht der USA relativ nah am Äquator verlief, ließ sich bei den Raketenflügen die dort schnellere Erdrotation ausnutzen. Auch das meist gute Wetter war ein Grund, den Raketenstartplatz in den 50er Jahren schnell auszubauen. Unter der 1959 gegründeten Raumfahrtorganisation NASA florierte der Startplatz.

Der erste Raketenstart von dem Weltraumbahnhof im Juli 1950 sollte nur ein erster Schritt sein. Eines Tages, ganz sicher, würde der Mensch das Weltall erkunden. „Ich bin davon überzeugt, dass die Reise zum Mond und zu den Planeten Wirklichkeit werden wird”, sagte der Leiter des amerikanischen Raketenprogramms Wernher von Braun - ein Deutscher, der vor dem Ende des Zweiten Weltkriegs im Dienste Hitlers Karriere gemacht hatte. Doch vor einem bemannten Mondflug musste zunächst die Schwerkraft überwunden werden.

Die aus Deutschland erbeutete und durch von Braun in den USA weiter entwickelte V-2-Rakete sollte dabei helfen. Schon in White Sands hatte die Air Force die „Bumper” sechsmal getestet - mit einer veränderten V-2 als Unterbau und der WAC („Without Attitude Control”, ohne Höhenkontrolle) als zweite Stufe.

Weitere Versuche mit längeren Flugbahnen waren nur noch in Cape Canaveral möglich. Der Umzug zur neuen Raketenstation erwies sich als Erfolg - noch im selben Jahrzehnt schossen die USA ihren ersten Satelliten „Explorer I” (1958) ins All, wenig später schafften es US-Astronauten in den Orbit.

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