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Münster: „Voll ist out” an Karneval: Alkoholprävention am Kneipentresen

Münster : „Voll ist out” an Karneval: Alkoholprävention am Kneipentresen

Bier und Schnaps gehören zu Karneval wie Kamelle und Kostüm. Den Ausnahmezustand in der Karnevalszeit überstehen aber gerade Jugendliche nicht immer unbeschadet. Für viele endet der Rosenmontag jedes Jahr im Krankenhaus. Diagnose: Alkoholvergiftung.

Um Jugendliche vor dem Alkoholabsturz im Karnevalsgetümmel zu bewahren, tourt eine Präventionsinitiative aus Münster schon vor den großen Straßenumzügen durch die Kneipen der Stadt. Ihre Botschaft: „Voll ist out”.

In Zweier-Teams ziehen die Mitarbeiter der Initiative von Bar zu Bar, sprechen junge Leute bis Mitte zwanzig an und versuchen, mehr über ihre Trinkgewohnheiten zu erfahren. 3000 Fragebögen wollen sie innerhalb von zwei Wochen unter die Leute bringen. Die Fragen: Wann hast du zum ersten Mal getrunken? Hattest du schon mal einen Vollrausch? Warum trinkst du Alkohol?

Die beiden Sozialarbeiterinnen Britta Lütke-Wenning und Reinhild Austrup sind an diesem Abend als Team unterwegs. Als Spaßbremsen wollen sie nicht rüberkommen, sagen sie. Die Fragebögen sollen den Jugendlichen nicht den Abend verderben, sondern sie nur ein bisschen zum Denken anstoßen, erklärt die 31-jährige Lütke-Wenning. „Wir stellen erschreckend oft fest, dass viele vorher überhaupt nicht über ihren Alkoholkonsum nachgedacht haben.”

In den ersten Kneipen haben es die beiden leicht. Hier schlürfen die jungen Leute gemütlich an ihren Cocktails, füllen die Fragebögen bereitwillig aus und lassen sich gerne in ein Gespräch verwickeln.

„Die Aktion ist doch unterstützenswert”, meint der 18-jährige Matthias. „Wenn man so Leute im Bekanntenkreis sieht, die sich jedes Wochenende die Birne wegknallen, kommt man schon zum Nachdenken.” Ein anderer erzählt, er habe vor zwei Jahren ganz mit dem Trinken aufgehört - nach einem schweren Autounfall mit betrunkenem Kopf.

Ein paar Kneipen weiter ist die Situation eine andere: In der überfüllten Kult-Kneipe „Destille” drängen sich hunderte feiernde und grölende junge Leute. Die Musik dröhnt, Alkohol gibt es zum Spottpreis und Cola oder Wasser trinkt niemand.

Mit ihren „Voll ist out” -Käppis wirken Lütke- Wenning und Austrup ein wenig auf verlorenem Posten: Voll scheint hier eher in zu sein. Trotzdem kämpfen sich die beiden mit ihren Fragebögen weiter durch die Menge.

„Filmriss ist bei mir Standard”, sagt der 24-jährige Michael, während er am Tresen einen Bogen ausfüllt. Ein Alkoholproblem habe er aber nicht, meint er. „Das hat jemand, der jeden Abend zwei, drei Bier trinkt und auch jedes Wochenende voll ist.” Die Einschätzung teilen viele junge Leute an diesem Abend. Einen Vollrausch haben die meisten trotzdem schon gehabt - „in der Probierphase, mit 13, 14”.

Bundesweit geben 34 Prozent der 12- bis 17-Jährigen an, schon mal einen Alkoholrausch erlebt zu haben. Das hat die Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung zuletzt 2005 erhoben. Die Behörde macht alle drei bis vier Jahre repräsentative Studien zu den Trinkgewohnheiten von jungen Menschen zwischen zwölf und 25.

In den vergangenen Jahren sei der Alkoholkonsum in dieser Altersgruppe kontinuierlich zurückgegangen, sagt Behördensprecherin Marita Völker- Albert. Die Konsummuster hätten sich allerdings gewandelt. „Es gibt zwei Gruppen von Jugendlichen: die einen, die sehr verantwortungsvoll mit Alkohol umgehen, und die anderen, die regelmäßig so genanntes Komasaufen betreiben.”

Dass Jugendliche sich bis zur Bewusstlosigkeit abfüllen, kommt gerade auch an Karneval vor. Im vergangenen Jahr seien Rosenmontag allein in Münster 40 Minderjährige mit einer Alkoholvergiftung ins Krankenhaus eingeliefert worden, erzählt Astrid Eikel von der Fachstelle für Suchtvorbeugung der Stadt Münster. Wie groß die Zahl bundesweit ist, wird nicht zentral erfasst.

Eikels Einrichtung hat die Initiative „Voll ist out” vor drei Jahren ins Leben gerufen. Seitdem organisieren die Mitarbeiter Informationsabende für Eltern und Lehrer oder alkoholfreie Cocktailpartys für Jugendliche, gehen in Jugendeinrichtungen, um über Alkohol zu diskutieren, oder sprechen mit Händlern und Gastronomen über den Jugendschutz.

„Wir wollen Jugendliche einfach zu verantwortungsbewusstem Umgang mit Alkohol anregen”, erklärt die Sozialpädagogin Eikel. „Wir verteufeln Alkohol nicht. Das funktioniert auch gar nicht in unserer Gesellschaft”, meint sie. An Rosenmontag wollen es die Teams deshalb erst gar nicht mit den Fragebögen versuchen, sondern nur Erste-Hilfe-Karten verteilen - mit Tipps gegen den Kater.