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Mainz: Viel mehr als nur „dumme Faxen machen”

Mainz : Viel mehr als nur „dumme Faxen machen”

„Pffff” und „Puuuh” tönt es durch den turnhallenähnlichen Proberaum. Es ist morgens um halb zehn und die Clowns sind erwacht. Zehn bunt gekleidete Schüler mit roten Knollennasen sind in ihre ganz persönliche Clownrolle geschlüpft und tapsen nun verwundert, amüsiert oder traurig aufeinander zu.

Unter dem strengen Blick von Leiter Michael Stuhlmiller hat mit dieser Improvisationsübung an der Mainzer Schule für Clowns der Unterricht begonnen. Ende Juni finden die Abschlusspräsentationen für das Semester statt - und bis dahin gibt es noch viel zu tun.

Die Schule für Clowns in Mainz ist Stuhlmiller zufolge eine von nur zwei staatlich anerkannten Berufsfachschulen in Deutschland, an denen man sich zum professionellen Clown-Schauspieler ausbilden lassen kann. In der zweijährigen Ausbildung erlernen die Schüler das „Hand- und Herzwerk der Komik”, wie es Michael Stuhlmiller nennt.

Dabei stehe gerade nicht das oberflächliche Herumalbern im Vordergrund. „Hinter dem Clown steckt eine große Philosophie”, sagt der 46-Jährige: „Der Clown ist ein Akrobat des Scheiterns, aber durch seine Kreativität verwandelt er das Scheitern in Gewinn.”

Dieses professionelle Scheitern erfordert eine harte Ausbildung. Für Stuhlmiller ist es wichtig, dass der Beruf des Clowns niveauvoll bleibt, gerade auch in einer Zeit, in der im Fernsehen eine Comedyshow die nächste jagt. Auch deshalb hat der Schauspieler und Musiker im Jahr 1994 die Schule für Clowns gegründet.

Die Ausbildung zum Clown-Schauspieler ist straff organisiert. Vier Semester lang erhalten die Schüler sechs Stunden täglich Unterricht in den handwerklichen Techniken wie Pantomime und Artistik. Entscheidend ist außerdem die Suche nach dem „eigenen Clown”.

„Man muss sich das vorstellen wie eine Phantasiereise”, sagt die 25-jährige Marie Marschall, die im ersten Jahr an der Schule für Clowns studiert. „Man muss dabei nach einer alten Philosophie das ´Innere Tier´, das ´Innere Kind´ und den ´Inneren Deppen´ in sich entdecken.”

Marie, die später lieber im clownesken Kabarett als im Zirkus arbeiten will, trägt ein eher schlichtes rotes Kostüm, sie hat keine Knollennase. Die Sozialpädagogin folgte nach dem Studium dem Wunsch, auf der Bühne stehen zu wollen und ist mit der Entscheidung sehr zufrieden. Auch das Umfeld hat positiv auf ihre ungewöhnliche Entscheidung reagiert. „Manche fragen allerdings, ob wir immer große Schuhe tragen müssen”, sagt die junge Frau und schmunzelt.

Für Karin Lindner wird es an diesem Tag ernst. An der Schule finden Einzelproben mit dem Schulleiter statt, denn bei den Abschlussprüfungen muss jeder Schüler eine eigene Sequenz vortragen. Die zweifache Mutter und ehemalige Sekretärin bereitet sich gerade auf ihre Zwischenprüfung vor. Später wolle sie gerne als Klinikclown arbeiten, erzählt die 41-Jährige.

Ganz in schwarz gekleidet mit pinkfarbenen Schuhen, einem lila Tüllschal und einer rote Knollennase steht sie bei einer Einzelprobe als Clown Snüra auf der Bühne und stellt allerlei Verrenkungen mit einem schwarz lackierten Stuhl an. Michael Stuhlmiller, der auf einem Stuhl direkt vor der Bühne sitzt, gibt Anregungen und springt auch schon mal auf, um etwas selbst zu demonstrieren.

20 Schüler im Alter zwischen 17 und 50 Jahren werden derzeit an der Schule zum Clown- Schauspieler ausgebildet und sie lassen sich das auch etwas kosten: 4740 Euro zahlen die angehenden Clowns im Jahr für ihre Ausbildung. Wer will, kann nach der zweijährigen Ausbildung noch eine einjährige Profiausbildung draufsetzen. Ziel ist es dann, den eigenen Clown noch besser auszufeilen und ein abendfüllendes Programm auf die Beine zu stellen.

Alle Schüler erhalten nach Abschluss ihrer Ausbildung ein staatlich anerkanntes Zertifikat. Die meisten Absolventen der Clownschule könnten später von ihren Auftritten gut leben, sagt Stuhlmiller. Viele verdienen sich schon während der Ausbildung durch Auftritte ein kleines Zubrot. „Das Problem ist nicht, dass es keine Arbeit für gut ausgebildete Clowns gibt, sondern eher, dass man auch als Clown ohne künstlerischen Anspruch Geld verdienen kann”, sagt der Schulleiter.