Rom: Verehrt und umstritten: Das „Grabtuch Christi” in Turin

Rom: Verehrt und umstritten: Das „Grabtuch Christi” in Turin

„Petrus sah die Leinenbinden liegen”. So heißt es im Johannesevangelium an der Stelle, wo die Apostel Simon Petrus und Johannes das Grab des gekreuzigten Gottessohn leer vorfinden. Jene linnenen Binden, von denen Johannes erzählt, gelangten als „Turiner Grabtuch” längst zu Weltruhm.

Seit 1578 wird die heilige „Sindone”, wie die Italiener das Grabtuch nennen, im Dom von Turin aufbewahrt. Ab Samstag ist die Reliquie, die als eine der kostbarsten und zugleich umstrittensten des Christentums gilt, erstmals nach zehn Jahren wieder in der norditalienischen Stadt zu sehen.

Rund eineinhalb Millionen Pilger aus aller Welt haben sich bereits angemeldet, weitere zwei Millionen werden in den kommenden Wochen erwartet. Auch Papst Benedikt XVI. will Anfang Mai das heilige Tuch besuchen. Dabei ranken sich weiter Geschichten, Rätsel und Spekulationen um Herkunft und Echtheit der wahrscheinlich meist erforschten Textilie der Welt.

1943 wurde das Tuch angeblich vor Adolf Hitler versteckt. Wie der italienische Historiker und Direktor der Staatlichen Bibliothek Montevergine, Andrea Davide Cardin, erst kürzlich in einem Interview berichtete, sei der Führer „ganz versessen” auf das Grableinen Jesu gewesen. In einer „Nacht-und-Nebel-Aktion” habe der Vatikan 1939 das Grabtuch in die süditalienische Benediktiner-Abtei Montevergine verlegt, um die Reliquie nicht in die Hände der Nationalsozialisten fallen zu lassen. Erst später kam es nach Turin zurück.

1997 wurde die „Sindone” bei einem Brand im Turiner Dom von einem Feuerwehrmann in letzter Sekunde gerettet, um dann 1998 in einem Reliquienschrein der Öffentlichkeit erstmals nach 20 Jahren wieder gezeigt zu werden.

Mit seinen Maßen von 4,36 mal 1,10 Meter könnte das gelbliche Leinentuch eines der größten Stoffstücke aus der Antike sein. Es zeigt den Körperabdruck eines etwa 1,75 Meter großen, bärtigen Mannes mit deutlichen Spuren der Folterung: Sichtbar sind Verletzungen am Kopf, an Händen und Füßen sowie einer Stichwunde in Herznähe.

Dass das Tuch den Leichnam Jesu eingehüllt haben könnte, bleibt jedoch eine Vermutung, ist bis heute unbewiesen. Denn während mittlerweile als sicher gilt, dass der abgebildete Körper nicht von Menschenhand gemalt wurde, besteht weiterhin Uneinigkeit über die Datierung.

Nach Radiokarbon-Analysen hatten Wissenschaftler aus der Schweiz, Großbritannien und den USA 1988 unabhängig voneinander erklärt, dass das Tuch eine mittelalterliche Fälschung sei und aus der Zeit zwischen 1260-1390 stamme. Später wurde diese Datierung wieder infrage gestellt. Mikrobiologische Untersuchungen ergaben, dass Bakterien- und Pilzbefall das Ergebnis des Radiokarbon-Test verfälscht haben könnte. Heute gehen die Mikrobiologen davon aus, dass das Tuch „fast sicher” aus der Zeit Christi stammt.

Eine italienische Professorin für Geschichte des Mittelalters an der Universität Florenz, Anna Benvenuti, wies erst im vergangenen Jahr darauf hin, dass der Radiokarbon-Test bereits mehrfach in die Irre geführt hätte. So habe er etwa bei einer ägyptischen Mumie im Museum von Manchester ähnlich große Datierungs-Diskrepanzen zwischen dem Körper des Toten und den ihm umhüllenden Stoffbinden ergeben. Erst als man diese durch Enzym-Behandlung gereinigt hatte, stimmten die Ergebnisse überein.

Für die frühe Datierung spricht nach Ansicht der Forscher außerdem der von Turiner Wissenschaftlern entdeckte Münzabdruck über dem rechten Auge der Männergestalt: Eine Münze aus der Zeit des römischen Statthalters Pontius Pilatus. Zudem fanden israelische Forscher 1999 bei Untersuchungen 58 Arten von Pollen und rund 30 Pflanzenabdrücke, die es um diese Zeit ausschließlich im Nahen Osten gegeben habe.

Die meisten Pilger dürfte indes die Echtheit der Reliquie in der Turiner Johannes-Kathedrale weniger interessieren. Sie glauben an die Heiligkeit des Tuches, dessen 44-tägige Ausstellung von italienischen Medien bereits als ein Großereignis kommentiert wurde, „nicht nur für Turin, sondern für die gesamte katholische Welt”.

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