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Morelia: Verbrecherjagd mit staatlichem Segen: Mexiko legalisiert Bürgerwehren

Morelia : Verbrecherjagd mit staatlichem Segen: Mexiko legalisiert Bürgerwehren

Die Tinte unter dem „Pakt von Tepeque” ist noch nicht ganz trocken, da demonstrieren die Bürgerwehren schon ihr neues Selbstbewusstsein. „Jetzt nehmen wir Apatzingán und die anderen Ortschaften ein”, sagen die Kommandeure nach Vertragsschluss.

„Wir integrieren uns in die ländlichen Selbstverteidigungskräfte, aber wir werden niemals unsere Waffen abgeben”, diktieren sie mit breiter Brust den Reportern der Nachrichtenagentur Apro in den Block.

Fast ein Jahr nach ihrem bewaffneten Aufstand gegen das pseudo-religiöse Drogenkartell „Caballeros Templarios” (Tempelritter) haben die Bürgerwehren im Bundesstaat Michoacán im Westen des Landes den Schritt in die Legalität gemacht. Ihre Mitglieder werden zunächst in ländlichen Polizeieinheiten zusammengefasst und unter staatliche Kontrolle gestellt, wie es in dem Abkommen zwischen der Regierung und den „Autodefensas” heißt. Unter bestimmten Voraussetzungen könnten sie später in der regulären Polizei aufgehen.

Mit dem Vertrag erreicht die Geschichte der Bürgerwehren in Michoacán ihren vorläufigen Höhepunkt. Als die Tempelritter den Bauern und Geschäftsleuten immer höhere Schutzgelder abpressten, griffen sie im vergangenen Februar zu den Waffen. Monatelange verschanzten sie sich in ihren Hochburgen und lieferten sich nur vereinzelte Scharmützel mit den Kämpfern des Kartells.

Kurz nach Weihnachten bliesen sie dann zum Angriff und überrannten in wenigen Wochen weite Teile der Region Tierra Caliente. Angesichts der bürgerkriegsähnlichen Zustände schickte Mexikos Regierung noch einmal fast 10 000 Soldaten und Polizisten in den bereits stark militarisierten Bundesstaat. Jetzt sind die Bürgerwehren dort angekommen, wo sie sich selbst schon immer gesehen haben: Seite an Seite mit den staatlichen Sicherheitskräften.

„Wir wollen nur unsere Leute schützen”, sagt der Sprecher des Rats der Bürgerwehren, Estanislao Beltrán. Michoacán müsse von der Geißel des organisierten Verbrechens befreit werden. Dafür seien die Selbstverteidigungsgruppen bereit, mit der Regierung zusammenzuarbeiten.

„Jetzt bringen wir den Frieden und die Ruhe nach Michoacán zurück”, sagt der Chef der Bürgerwehr der Ortschaft La Ruana und einer der prominentesten Vertreter der Bewegung, Hipólito Mora, im Interview des Radiosenders MVS. Am Dienstag rückten seine Männer in die Kreisstadt Los Reyes ein. Das Abkommen mit der Regierung bedeute nicht, dass sie ihren Vormarsch stoppten, erklärte Beltrán.

Die offizielle Anerkennung der schwer bewaffneten Privatarmee birgt jedoch auch erhebliche Risiken. „Es besteht die Gefahr, dass die Bürgerwehren sich als paramilitärische Gruppen etablieren, wie dies in der Vergangenheit in Kolumbien, Guatemala und Peru zu beobachten war”, heißt es in der jüngsten Analyse des auf Sicherheitsthemen spezialisierten Nachrichtenportals Insight Crime.

Dort waren sogenannte Selbstverteidigungsgruppen in schwere Menschenrechtsverletzungen verwickelt, oft wohl zumindest mit staatlicher Duldung. Zudem gab es immer wieder Vorwürfe, dass die Bürgerwehren in Michoacán von dem mit den Tempelrittern verfeindeten Verbrechersyndikat Cartel Jalisco Nueva Generación finanziert werden.

Zunächst überwiegt in der Region Tierra Caliente allerdings die Hoffnung auf ein baldiges Ende des blutigen Konflikts. „Wir wünschen uns, dass mit der Präsenz der Bundespolizei und der legalen Bürgerwehren jetzt die Ruhe zurückkehrt”, sagt der Bauer José Juan aus Apatzingán.

Auch Maria glaubt an die Rechtschaffenheit der Selbstverteidigungsgruppen. „Ich finde es gut, wenn sie sich der Polizei anschließen. Das sind Leute, die sich wirklich um die Sicherheit der Region sorgen”, sagt die Mutter von vier Kindern.

Wieviele Mitglieder der Bürgerwehren tatsächlich in die reguläre Polizei eintreten, wird sich in den kommenden Wochen zeigen. Schließlich gingen viele zuvor ganz normalen Berufen nach. Auch Estanislao Beltrán plant eine Rückkehr ins zivile Leben, sobald sich die Lage beruhigt hat. Dann will er sich wieder um seine Limonen-Plantagen kümmern.

(dpa)