USA: Am Lake Michigan werden aktuell Minus-Rekorde gebrochen

So kalt wie nie zuvor : “Acht Minuten bis zu Erfrierung“ bei minus 40 Grad Celsius

Unweit der Edel-Einkaufsstraße „The Magnificent Mile“ der Midwest-Metropole kauert ein in Decken eingeschlagener Mann auf dem Bürgersteig. Er lehnt mit dem Rücken an einem Ampelpfahl. An einem der glitzernden Hochhäuser im Hintergrund steht in fetten Lettern der Schriftzug „Trump“.

Der Mann an der Michigan Avenue hält eine Papptafel in der Hand. „Obdachlos und kalt. Gott segne Dich“, heißt es darauf. Vor ihm steht ein grüner Eimer, in dem einige der dick eingepackten Passanten Dollarnoten werfen. „Sie sollten nicht hier draußen sein“, sagt eine Frau – und verspricht wiederzukommen.

Die „New York Times“ identifiziert den Mann auf dem Foto als Andre Jones. Er berichtet dem Reporter, er werde so lange an dem Übergang hocken bleiben, bis er die 20 Dollar habe, die er für den warmen Raum brauche, in dem er die nächste Nacht verbringen könne. „Ich habe fast genug“, sagt Jones, der nicht auf die aufgeregten Wettermänner im Fernsehen starren muss, um zu wissen, dass es kalt ist. Wie auch die anderen 80.000 Obdachlosen im Großraum Chicago wenig mit den lustigen Videos in den Sozialen Medien anfangen können, die zeigen, wie Eier in der Pfanne einfrieren, frisch gekochte Pasta in der eisigen Luft zu „Nudelklumpen erstarren oder Kaugummi-Blasen sich in harte Kugeln verwandeln und anschließend zerspringen.

Trotz des Versprechens von Bürgermeister Rahm Emanuel, für jeden Betroffenen einen warmen Platz zu finden, reichen die Kapazitäten der Stadt kaum aus. Neben den 60 Wärmezentren nehmen Kirchen, Polizeistationen und andere öffentlich Einrichtungen Menschen vorübergehend auf. Busse werden zu mobilen Aufwärmräumen umfunktioniert.

Achtung Lebensgefahr: Ein dick eingepackter Pendler geht am Morgen durch Chicago. Foto: grafik

Jenseits des Medienspektakels über den Polarwirbel, der bis zum Wochenende drei Viertel der US-Bevölkerung erfasst haben wird, ist das eine der bitteren Realitäten in Amerikas Großstädten von Chicago über Detroit bis New York.

„Es dauert genau acht Minuten bis sie bei diesen Temperaturen eine Erfrierung bekommen“, weiß Wendy Weckler, die in Milwaukee mit Obdachlosen arbeitet. Überall in den Städten des Mittleren Westens sind Freiwillige unterwegs, um Bedürftige aufzuspüren und ins Warme zu bringen.

Die meisten Amerikaner folgten den Warnungen der Behörden, das Haus nicht zu verlassen und draußen tiefe Atemzüge zu vermeiden. In Chicago konnten einige der Versuchung aber nicht widerstehen, am Montrose-Hafen im Norden der Stadt Fotos vom zufrierenden See zu machen. Andere mussten vor die Tür. „Es fühlt sich fast wie Trockeneis an“, sagte etwa der 31-jährige Leon Gilbert, der trotz der Kälte zur Arbeit in einem Café im Zentrum von Chicago erscheinen musste. „Ich fühle, wie sich meine Haut zusammenzieht.“ Auch der 37-jährige Daniel Gonzalez ging anders als viele andere Chicagoer zur Arbeit. „Ich habe zwei Hemden an, einen Kapuzenpullover, meinen dicken Wintermantel, ich habe eine Gesichtsmaske und eine Mütze und es ist immer noch kalt“, sagte er.

Obwohl Tausende Flüge wegen des Extremwetters ausfielen, konzentrierte sich das Verkehrschaos auf Chicago. Dort kamen die Teams nicht hinterher, die Flugzeuge vor dem Start zu enteisen. Auch das Bahnunternehmen Amtrak stellte den Zugverkehr von und nach Chicago ein, während die Regionalbahn „Metra“ versuchte, das Schienennetz mit Flammen vor nachhaltigen Schäden zu schützen. In zehn Bundesstaaten kam die Postzustellung zum Erliegen. Die Bedingungen seien für die Zusteller nicht zumutbar, hieß es. Vorsorglich blieben auch die Schulen und Universitäten vielerorts geschlossen.

USA, Mankato: Eine Seifenblase gefriert am Ende des Stäbchens. Eisige Temperaturen mit rekordverdächtigen Minuswerten habe weite Teile der USA im Griff. In der Nacht zum Donnerstag wurden vor allem im Mittleren Westen extreme Temperaturen von fast minus 40 Grad Celsius gemessen. Foto: dpa/Jackson Forderer

Ursache der Extrem-Kälte in Nordamerika ist der sogenannte Polarwirbel. Dabei handelt es sich um Eiswinde, die normalerweise hoch in der Atmosphäre über dem Nordpol kreisen. Klimaforscher gehen davon aus, dass die steigenden Erd- und Wassertemperaturen in der Arktis dazu führen, die Wirbel zu schwächen oder, wie in diesem Fall, zu teilen (siehe Text unten).

Diese Erkenntnis ließ US-Präsident Donald Trump an sich vorüberziehen. „Was verdammt noch mal ist los mit der globalen Erwärmung“, spottete Trump auf Twitter. „Bitte komm zurück, wir brauchen Dich!“ Die staatlichen Experten von der zuständigen Klimabehörde NOAA twitterten darauf eine Skizze, die einen Wasserkessel zeigt, dessen Dampf Einfluss auf das Wetter nimmt. Verbunden mit der Unterzeile: „Winterstürme beweisen nicht, dass die globale Erderwärmung nicht passiert.“

Der Polarwirbel wird den Mittleren Westen noch einige Tage in seinem eisigen Griff halten. Bisher kamen bei dem Extremwetter mindestens zehn Menschen ums Leben. Die meisten bei Unfällen. Während Chicago im Zentrum der Aufmerksamkeit steht, ging der Kälterekord an einen anderen Ort. In Park Rapids im US-Bundesstaat Minnesota sank das Thermometer auf mehr als minus 40 Grad Celsius.

USA, New Prague: Von Raureif bedeckt ist das Fell einer Kuh in einem Stall der Farm Metogga Lake Dairy während die Außentemperaturen auf minus 28 Grad sinken. In dem Milchviehbetrieb der Familie Pieper, den es seit 1973 gibt, beginnt der Tag um 4.00 Uhr, um den Tierbestand von 412 Kühen zu melken. Die Tagesproduktion liegt bei etwa 15000 Liter Milch. Foto: dpa/Jerry Holt
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