Düsseldorf/Khao Lak: „Und schon schoss das Wasser durch die Scheiben“

Düsseldorf/Khao Lak: „Und schon schoss das Wasser durch die Scheiben“

Eigentlich sei das, was er erlebt habe, unsagbar. „Es gibt keine Worte, um das Geschehene zu vermitteln“, erklärt Ben Atréu Flegel ruhig und mit fester Stimme. Ein einfaches Handtuch hat dem heute 25-Jährigen das Leben gerettet. Damals, vor zehn Jahren.

Es ist der Morgen des zweiten Weihnachtstages 2004. Der dritte Urlaubstag, den Ben Atréu Flegel mit seinen Großeltern im thailändischen Urlaubsparadies Khao Lak verbringt. Gemeinsam gehen sie zum Strand, als dem damals 15-Jährigen auffällt, dass er kein Handtuch dabei hat. Die Welle sieht er da schon kommen — harmlos, in weiter Entfernung. „Es waren sieben Minuten zurück zum Bungalow der Hotelanlage“, erinnert sich der junge Mann an jene Minuten, die sein weiteres Leben so entscheidend prägen sollten.

Agnieszka Brauner und Ben Atréu Flegel: Sie verloren beide Angehörige bei dem verheerenden Tsunami am zweiten Weihnachtstag 2004. Foto: dpa

Unterwegs dreht er sich noch einmal kurz um. „In der Bucht standen viele Menschen, die gespannt aufs Meer blickten.“ Dann geht alles ganz schnell. „Ich hatte gerade im ersten Stock unseres Bungalows die Tür geschlossen, da hörte ich Schreie, schon schoss das Wasser durch die Scheiben.“ Die Wucht der Wassermassen drückt den 15-Jährigen in eine Ecke, Möbel schleudern durch den Raum, der Tresor kommt ihm entgegen.

„Das Wasser stieg immer schneller, erst bis zur Brust, dann bis zum Hals“, erzählt Flegel. „Ich hatte den irrationalen Wunsch, Luft zu holen. Ich bin dann durch die Möbel getaucht und habe einen Vorhang ergreifen können.“ In diesem Moment kommt die zweite Welle, die ihn durch die Tür ins Badezimmer spült. Der Griff nach einem weiteren Vorhang. Ein Ausweg. So genau kann der Deutsche nicht mehr sagen, wie er seinem Gefängnis entkommen konnte.

Nach einem Seebeben rollt der Tsunami mit unvorstellbarer Gewalt auf die Küsten rund um den Indischen Ozean zu und bringt Tod und Verwüstung — eine der verheerendsten Naturkatastrophen der Neuzeit. 230.000 Menschen sterben. Allein an den Stränden im Süden Thailands zählen die Vereinten Nationen fast 5500 Tote, davon 2500 Ausländer. Das Bundeskriminalamt (BKA) startet seine größte und längste Identifizierungsaktion und zählt schließlich 539 deutsche Opfer.

In Khao Lak findet der Tsunami viele Opfer. Allein von den gut 500 Gästen in der Bungalow-Anlage überleben nur wenige. „Es waren so etwa 50, die haben sich irgendwann gesammelt, Essen gesucht und sich dann gemeinsam aufgemacht ins Landesinnere“, weiß Flegel. Für ihn geht der Kampf um Leben oder Tod weiter. Dass er schwer verletzt ist, nimmt er anfangs nicht wahr. „Ich hatte ein großes Loch im Knie, Fleisch war von der Ferse abgerissen, der Fuß war völlig verdreht.“ 3,5 Liter Blut soll er verlieren. Der 15-Jährige kann der Gruppe durch den knietiefen Schlamm nicht folgen. Er ruft um Hilfe, „einige haben sich umgedreht, doch der Pulk ist weitergegangen“. Einem muskulösen Thailänder, der an ihm vorbeistürzt, ruft er zu: „Help me!“ — Hilf mir!. „Help yourself!“, Hilf dir selbst!, erhält er als Antwort.

Nur bruchstückhaft ist die Erinnerung an das, was dann kommt. „Ich habe mir nur immer wieder gesagt: Du willst leben.“ Ein Mantra, das ihn durch das Chaos nach der Katastrophe trägt. Kein Gedanke an die Großeltern. „Ich habe meine Oma und meinen Opa sehr geliebt, aber in dieser Situation habe ich nur von Moment zu Moment gedacht, immer nur ans Überleben“, versucht der 25-Jährige seine Gefühle zu beschreiben.

Erinnerungsfetzen sind die Fahrt auf einem Lastwagen, das Warten auf dem Boden eines überfüllten Provinzkrankenhauses, die erste Operation und das erste Telefonat. „Draußen waren Pavillons aufgebaut. Jeder durfte einmal telefonieren. Ich rollte in meinem Rollstuhl an der Warteschlange vorbei und rief meine Eltern an.“ Aber der Junge hört nur den Anrufbeantworter und spricht darauf: „Mutter, hier gibt es ein Unwetter. Es kann sein, dass wir früher zurückkommen.“

Über eine Klinik in Bangkok gelangt der 15-Jährige schließlich einen Tag vor Silvester 2004 zurück nach Deutschland. Seine Großeltern werden später gefunden, ihre sterblichen Überreste verbrannt, die Urnen in die Heimat überführt.

Er habe weder ein Trauma erlitten noch mit Alpträumen zu kämpfen, versichert der junge Mann, der Literatur und Philosophie studiert hat, sich mit Esoterik beschäftigt und gerade „an literarischen Projekten“ arbeitet.

Am kommenden Sonntag kehrt Ben Atreú Flegel zurück an den Ort der Katastrophe. Gemeinsam mit anderen Überlebenden und Hinterbliebenen wird er nach Khao Lak fliegen und am 10. Jahrestag des Tsunamis bei einer von der Evangelischen Notfallseelsorge und dem Deutschen Roten Kreuz (DRK) organisierten Gedenkfeier reden.

Agnieszka Brauner bleibt in Deutschland. Die 38-Jährige trauert zu Hause mit ihrer Familie um den toten Bruder. Eine Gedenktafel am Grab der Großmutter erinnert an Adam, heimholen konnte die Familie ihn nicht.

Einen Tag vor Weihnachten erhält Brauner das letzte Lebenszeichen ihres jüngeren Bruders. Das erste Mal ist der 25-Jährige über die Weihnachtstage mit seiner Freundin Katja in Urlaub gefahren. „Khao Lak war für die beiden das Paradies. Sie haben Katjas Geburtstag gefeiert und waren am Telefon gut drauf“, erinnert sich die Schwester. Am Morgen des verhängnisvollen 26. Dezember wird sie per SMS von einem gemeinsamen Freund geweckt. Wo Adam genau sei? In welchem Hotel? Es habe ein Erdbeben gegeben. „Ich war natürlich alarmiert, mehr aber noch nicht“, erzählt Brauner. Auf den besorgten Anruf der Mutter, die von einem Tsunami berichtet, reagiert sie noch ruhig. „Ich hatte keine Vorstellung von einem Tsunami und habe ihr gesagt: Adam kann doch schwimmen.“ Außerdem sollten Adam und Katja am Morgen abgeholt und zum Flughafen gebracht werden. Die schlimmen Bilder im Fernsehen seien „ganz weit weg“ gewesen. Brauner: „Man kann sich nicht vorstellen, dass einen so etwas ganz persönlich betrifft.“

Doch schnell wird die Vorahnung zur Gewissheit, dass etwas Schlimmes passiert sein muss. „Wir bekamen keinen Kontakt zu Adam, das Auswärtige Amt konnte uns nicht helfen. Freunde, die in Thailand leben, gingen die Krankenhäuser ab — nichts“, sagt Agnieszka Brauner. Ob sie den Wunsch verspürt habe, selbst vor Ort zu suchen? „Ja, natürlich wollte ich das. Aber alle haben mir davon abgeraten. Und meine Eltern hätten mich auch nicht fliegen lassen.“

Es folgen Monate des verzweifelten Wartens. Im März 2005 wird Katjas Leiche gefunden. Adam bleibt verschwunden. „Meine Eltern hatten immer noch die absurde Hoffnung, dass Adam lebt. Dass er im Koma liegt, dass er seinen Namen vergessen hat oder auf einer Insel gestrandet ist.“ Die Hoffnung sterbe tatsächlich zuletzt, fügt die 38-Jährige leise hinzu.

Auf einen Aufruf im Fernsehen hin melden sich zwei Touristen aus Bayern, die im gleichen Hotel in Khao Lak gewesen waren und überlebt haben. Sie erinnern sich, Adam und Katja um neun Uhr noch beim Frühstück gesehen zu haben. „So konnten wir Lücken füllen. Das hilft, um das Geschehene besser verarbeiten zu können.“ Doch die bohrende Frage bleibe, ob Adam leiden musste.

Gewissheit gibt es aber erst Monate später, im September. In einem Vermissten-Portal im Internet gleicht Adams bester Freund Leichenfotos ab. „Drei ganz schlimme Fotos“ habe sie daraufhin von der Organisation erhalten, die die Opfer in den Tagen nach dem Tsunami fotografiert hatte, um Identifizierungen zu ermöglichen. „Es war Adam.“ Mit dieser Erkenntnis konfrontiert die junge Frau das BKA und erfährt: Bereits im März 2005 hatten die Beamten anhand von DNA-Proben Adams Leiche identifiziert. Doch seine sterblichen Überreste konnten später nicht mehr im Kühlcontainer gefunden werden. Alles, was bleibt, ist eine Gedenktafel.

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