Der Tag nach den Schüssen von Utrecht: Stille in der Bahn und bunte Tulpen

Der Tag nach den Schüssen von Utrecht : Stille in der Bahn und bunte Tulpen

Gelb, rot, weiß und lila sind die Tulpen. Zwischen den Blumen, die für viele ein Symbol der Niederlande sind, liegen auch Rosen und Osterglocken.

Vorsichtig hält eine junge Frau einen Tulpenstrauß in der Hand, als sie aus der Straßenbahn steigt. „Den hab ich gestern zu meinem ersten Arbeitstag bekommen“, sagt sie. Dann geht sie zu einem großen Baum, gleich bei der Haltestelle. Sie zieht ein paar Tulpen aus dem Strauß und legt sie dort nieder. Dort am Fuß des Baumes liegen bereits einige Dutzend in Zellophan eingewickelte Sträuße. „Ein kleines Zeichen für die Opfer“, sagt die junge Frau.Es ist der Platz des 24. Oktober in Utrecht am Dienstag, einen Tag nach den tödlichen Schüssen in der Straßenbahn. Hier starben drei Menschen, fünf wurden verletzt, drei von ihnen sehr schwer. Utrecht gedenkt der Opfer: Darunter ist ein Vater und Fußballtrainer und eine junge 19-jährige Frau, sie arbeitete in einer Snackbar. In den Schulen im Viertel gleich beim Tatort wird nun viel mit den Kindern gesprochen. Nachbarschaftszentren laden zum Gespräch und Zusammenkommen ein. Die Flaggen an öffentlichen Gebäuden hängen auf halbmast.

Die junge Frau mit dem Strauß Tulpen ist Logopädin und wohnt gleich beim Tatort. Aber am Montag, nach ihrem ersten Tag in der neuen Stelle, kam sie nicht nach Hause. „Alles war abgesperrt, und die Bahn fuhr nicht“, sagt sie etwa nervös. „Es ist so merkwürdig, dass so etwas hier passiert, bei mir um die Ecke.“ Am Tag danach scheint fast alles wie immer zu sein an diesem Verkehrsknotenpunkt. Die Autos rasen über die mehrspurigen Straßen. Menschen betreten die Bürogebäude. Fahrräder und Mopeds fahren auf breiten roten Asphaltwegen.

Ein junger Mann auf dem Rad stoppt an dem Baum. „Es ist unwirklich“, sagt Erik Mulder. Täglich radelt der Computer-Experte diese Strecke auf dem Weg zur Arbeit und zurück. „Doch jetzt hat dieser Ort eine neue Dimension bekommen.“ Nun müsse er an die Menschen denken, die hier gestorben sind.

Auch die gelbe Schnelltram fährt wieder. Nummer 60 vom Hauptbahnhof, Richtung Nieuwegein. Die Bahn ist voll, aber es ist still. Ungewöhnlich still. Die meisten Passagiere schauen noch nicht einmal auf ihre Handys, als ob das an so einem Ort unpassend wäre. Sie blicken um sich oder schauen aus dem Fenster. „24oktoberplein Zuid“ wird die Haltestelle angekündigt. In einer Bahn wie dieser hatte der Täter - verdächtig ist der 37-jährige Gökmen T. - plötzlich das Feuer eröffnet. Warum? War es ein Terrorakt oder ein Beziehungsdrama? Das ist noch immer unklar.

„Nein“, sagt ein junger Mann in der Straßenbahn. „Ich hab nicht mehr Angst als vorher. Das kann überall passieren, auch in Utrecht.“ Neben ihm sitzt eine junge Frau. Hanneke. „Mit einem mulmigen Gefühl“ sei sie eingestiegen. „Aber ich muss doch zur Arbeit, und ich brauche die Bahn.“

Am Platz des 24. Oktober sind zwei Bauarbeiter in orange-farbenen Sicherheitswesten an der Arbeit. Eine Reklamesäule muss ans Stromnetz angeschlossen werden. „Für die Opfer und die Familien ist es schrecklich“, sagt einer von ihnen. „Aber das Leben muss auch weiter gehen, leider.“

(dpa)
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