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Aachen: Ställe ausmisten statt Städte anschauen: Klassenfahrten im Wandel

Aachen : Ställe ausmisten statt Städte anschauen: Klassenfahrten im Wandel

„Cool” war die Klassenreise, schwärmt die neunjährige Nele aus Hamburg. „Wir waren den ganzen Tag beschäftigt.” Gearbeitet hat sie mit ihren Mitschülern auf dem Schulbauernhof „Woldenhof” im ostfriesischen Wiegboldsbur: Küchendienst, Stalldienst und Gartenarbeit standen auf dem Programm.

Rund 150 Klassen haben den denkmalgeschützten Gutshof aus dem Jahr 1858 schon besucht. Das Mitmach-Projekt ist kein Einzelfall: Klassenfahrten sollen Schülern laut Experten die Möglichkeit geben, selbst aktiv zu werden.

„Wir wollen die Kinder durch handlungsorientiertes Lernen an die Natur heranführen”, erläutert Hofleiter Heinz Schoon. Jedes Kind darf auch mal die Tiere füttern und die Kühe melken, jede Kleingruppe durchläuft das komplette Programm.

Wobei es auch im Stall Berührungsängste gebe: „Viele Kinder sagen: Igitt, zu den Schweinen, da geh ich nicht rein.” Aber das gebe sich schnell. „Überwiegend kommen Grundschüler, aber auch Schüler der Sekundarstufe I”, so Schoon. „Jugendliche erreichen wir damit nicht, die haben andere Ziele.”

Doch auch älteren Schülern tut es gut, auf der Klassenfahrt nicht nur zu konsumieren. „Die Klassenfahrt sollte keine Urlaubsfunktion haben”, sagt Jörg Vogel, stellvertretender Vorsitzender des Bundeselternrats in Oranienburg bei Berlin. Fahrten nach Rom, Paris oder zu anderen klangvollen Zielen seien oft „Klassenreisenkommerz verpackt in ein wenig Kultur”.

Stattdessen sollten wieder mehr Fahrten in regionale Jugendherbergen und Landschulheime unternommen werden. „Mehrtägige Klassenfahrten, die gemeinsam vorbereitet und durchgeführt werden, bieten einzigartige Lernchancen und fördern ein positiveres soziales Klima”, betont der Elternsprecher aus Jena.

Der Bundeselternrat ist dabei froh, wenn überhaupt noch Klassenreisen unternommen werden. Schließlich wird der Mehraufwand für die Organisation und die Reise selbst den Lehrern meist nicht mehr vergütet. Und immer mehr Lehrer fühlen sich überfordert mit den Belastungen und Schülern, die nicht einmal gelernt haben, wie man sich am Tisch verhält.

„Die Planung, Durchführung und Auswertung von außerschulischen Veranstaltungen muss Pflichtbestandteil der Lehrerausbildung werden”, fordert der dreifache Vater Jörg Vogel.

Daher bietet die Elternkonferenz zusammen mit dem Deutschen Jugendherbergswerk und dem Verband Deutscher Schullandheime regionale „Schulfahrtkonferenzen” für Lehrerverbände an. Bis 2008 sollen flächendeckend alle Länder und damit Lehrer erreicht werden: „So mancher Referendar kann mit dem Begriff Jugendherberge gar nichts mehr anfangen”, bedauert Knut Dinter, Sprecher des Deutschen Jugendherbergswerks in Detmold.

In den vergangenen 30 Jahren hat die Übernachtungsquote von Schulgruppen in den Jugendherbergen um rund 10 Prozent abgenommen und liegt heute noch bei 42 Prozent. Um dem Trend etwas entgegenzusetzen, bieten die Jugendherbergen immer speziellere und inhaltsreichere Programmangebote an. Teamtraining im Hochseilgarten, Bewerbungstraining oder die Verbindung von Naturwissenschaft und Technik seien gefragt, so Dinter. „Das sind ausgefeilte Konzepte, Klassenreisen mit rotem Faden.”

Um die Bausteine anzubieten, die für zwei bis vier Übernachtungen zusammengestellt werden können, benötigen die Jugendherbergen mehr Personal, das sich dann in den Kosten niederschlägt: Bis zu 140 Euro kosten vier Übernachtungen mit Vollpension und Programm. Dazu kommen noch Taschengeld und Anreise. So viel verlangt auch der Woldenhof in der Hauptsaison für das Programm, das mindestens fünf Mitarbeiter pro Klasse beschäftigt und die Lehrer entlastet: „Die bekommen bei uns die Chance, einmal durchzuatmen”, sagt Schoon.

Was die Lehrer entlastet, belastet allerdings die Eltern: „Der finanzielle Aufwand muss angemessen sein”, fordert Jörg Vogel, will sich aber auch nicht auf eine Summe festlegen. Und Knut Dinter fügt gleich einen Tipp für alle Lehrer hinzu: „Das Geld für die Fahrt nicht auf einen Schlag, sondern auf Raten einsammeln.”