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New York: Sie hat das Tabuthema Sex salonfähig gemacht

New York : Sie hat das Tabuthema Sex salonfähig gemacht

Anfangs sollten von dem Buch nur 2000 Exemplare gedruckt werden, inzwischen hat sich der 1976 erschienene „Hite-Report” über das sexuelle Erleben der Frau 48 Millionen Mal verkauft. Die Autorin Shere Hite hat sich damit allen Anfeindungen zum Trotz das Verdienst erworben, das Tabuthema Sex salonfähig gemacht zu haben.

Im prüden Amerika der 1970er und 1980er Jahre wurde sie dafür allerdings so geprügelt, dass sie auswanderte und 1996 die deutsche Staatsbürgerschaft annahm.

„Das Deutschland, das ich erlebt habe, ist ein gutes Deutschland”, sagte sie damals. Ihre Angst vor gehässigen Journalisten ist jedoch noch immer so groß, dass ihre Agentur nicht einmal verrät, an welchem ihrer beiden heutigen Wohnsitze in London und Paris sie am kommenden Freitag, 2. November, ihren 65. Geburtstag feiert. „Das ist zu privat”, heißt es kurz.

Heute sind Hites Thesen fast Allgemeingut. Frauen, so verkündete die studierte Historikerin vor mehr als 30 Jahren in ihrem ersten „Report”, erleben während des „normalen” Beischlafs häufig keinen Orgasmus; durch andere Zärtlichkeiten können die meisten von ihnen aber selbstverständlich zum Höhepunkt kommen. „Es sollte keinen erotischen Kampf miteinander geben, sondern einen erotischen Tanz”, so die Folgerung der kämpferischen Feministin, die Gleichberechtigung für die Frauen auch beim Sex forderte.

Ihre freizügigen Thesen stießen nicht nur in konservativen Kreisen auf Protest, angezweifelt wurde auch die wissenschaftliche Methode der promovierten Sexologin. Die „New York Times” sprach von „soziologischer Science-Fiction”, und das US-Magazin „Time” schrieb: „Sie startet mit einem Vorurteil und läuft mit einer Statistik ins Ziel.”

Tatsächlich war Hites Arbeitsweise zumindest ungewöhnlich: Sie schickte wahllos Abertausende von Fragebögen ins Land und zog dann aus dem Rücklauf von einigen tausend Exemplaren ihre Schlüsse. Eine repräsentative Auswahl der Befragten gab es nicht. Das galt auch für die beiden folgenden „Hite-Reports” - 1981 zur Sexualität des Mannes und 1987 zum Thema „Frauen und Liebe”. 95 Prozent der befragten US-Frauen gaben darin an, sie fühlten sich von ihren Männern misshandelt. 87 Prozent standen einer weiblichen Freundin näher als dem Ehemann. Erneut ein Aufschrei der Empörung im Land.

Sie sei von den Journalisten buchstäblich aus Amerika hinauskatapultiert worden, sagte Hite und beklagte sich, dass die Schreiber immer mehr an ihrer Figur als an ihrer Wissenschaft interessiert seien. Dabei hat die kurvige Blondine einiges dafür getan, sich selbst zur „Ikone des Lippenstift-Feminismus” zu stilisieren. So erzählt sie gern, dass sie ihr Studium als Model finanzierte, unter anderem mit Nacktaufnahmen für den „Playboy”.

Ihre „Berufung” zur Vorkämpferin der Frauen erlebte Hite, als sie in den 1960er Jahren leicht beschürzt und langbeinig für eine Olivetti-Schreibmaschine posierte. „Die Schreibmaschine ist so klug, dass die Frau es nicht sein muss”, hieß der Werbeslogan dazu. „Daraufhin bin ich einer Gruppe von Frauen beigetreten, die sich gegen die Ausbeutung des weiblichen Körpers in den Medien wandte”, erzählte sie. „So kam ich überhaupt zum Feminismus.”

Auch mit ihrem Privatleben sorgte die bei streng religiösen Großeltern in Missouri aufgewachsene Sexforscherin für Aufsehen. 1985 heiratete sie den mehr als 20 Jahre jüngeren deutschen Pianisten Friedrich Höricke (laut einem Kritiker „der deutsche Rachmaninow”) und zog 1989 mit ihm nach Europa. Einige Jahre lebte Hite auch in Köln. 1999 ließ sich das Paar scheiden.

Nach ihren „Reports” veröffentlichte Hite noch eine Reihe weiterer Studien, die allerdings nicht mehr so viel Aufsehen erregten. Nach Lehraufträgen an verschiedenen Universitäten kümmert sie sich bis heute um ihr Forschungsinstitut „Hite Research International”, das weltweit Unternehmen und Privatleuten Hilfe für besondere Lebenslagen anbietet. „Heute kann ich sagen, dass meine Studien den Praxistest bestanden haben”, sagt Hite zufrieden.