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Tokio: Shopping, Sex und Schlemmen: Weihnachten im nicht christlichen Japan

Tokio : Shopping, Sex und Schlemmen: Weihnachten im nicht christlichen Japan

Der Weihnachtsmann ist gertenschlank, hat lange schwarze Haare und trägt einen roten Minirock. Unschuldig lächelnd bietet sich „Sexy Santa” beim Online-Auftritt des japanischen Warenhauses Tokyu Hands als Figur betonendes Kostüm für die (un)heilige Nacht an.

Oder wie wäre es mit einem „Honey Santa Girl” - das rote Kleidchen samt Weihnachtsmannmütze und weißen Stiefeln gibt es für 5145 Yen (rund 33 Euro) zu haben - wer sich auf himmlische Glockenspiele der besonderen Art einstimmen möchte, findet im überwiegend nicht christlichen Japan die vielfältigsten Anreize.

Shopping, Sex und Schlemmen - Weihnachten ist in Nippon für die meisten vor allem eine Zeit des Konsums und Genusses. In einem Land, das vom Shinto und Buddhismus geprägt ist, kennen nur die wenigsten den christlichen Hintergrund von Weihnachten. Nicht einmal ein Prozent der 127 Millionen Japaner bekennen sich zum Christentum.

Dennoch herrscht vielerorts Festtagsstimmung. Dafür sollen kitschigbunte Weihnachtsbaum-Attrappen, Lichterketten in Bäumen und über Einkaufsstraßen, aufblasbare Weihnachtsmannfiguren oder riesige Werbeplakate sorgen, die den vorbeiziehenden Passantenströmen ein „Merry Christmas” oder „Happy X-mas” wünschen.

Das nötige Weihnachtsmannpersonal rekrutieren viele Geschäfte über Job-Vermittlungsfirmen. Oft sind es junge Japanerinnen, die sich als kesser Santa Claus ausstaffieren lassen, um die Kundschaft zum „Kurisumasu” -Einkauf zu animieren, während über Lautsprecher unentwegt und unüberhörbar amerikanische oder auch deutsche Weihnachtslieder dudeln. Wie in westlichen Ländern haben auch die meisten japanischen Familien mit Kindern heutzutage einen Weihnachtsbaum zu Hause. Dazu gibt es auch das eine oder andere Geschenk. Die wenigsten jedoch gehen Heiligabend in die Kirche.

Dabei hat Weihnachten in Japan durchaus eine lange Geschichte. So wurde die erste Weihnachtsmesse schon bald nach Ankunft des Christentums im 16. Jahrhundert abgehalten. Doch es dauerte nicht allzu lange, da wurde das Christentum wieder verboten. Das änderte sich erst rund 200 Jahre später. Als sich die Japaner im 19. Jahrhundert dem Westen und seinen Errungenschaften öffneten, soll dann auch der Weihnachtsmann erstmals in Erscheinung getreten sein - damals noch in Kimono, mit Samurai-Frisur und Schwertern.

Mit der Zeit nahm Weihnachten die ersten kommerziellen Züge an. Ein typisches Weihnachtsgeschenk sei damals „Zahnpasta „ gewesen, heißt es in einer Online-Enzyklopädie zur japanischen Kultur. Zunehmend breitete sich der Brauch im Volk aus, dass der Weihnachtsmann den Kindern Geschenke beschert, wobei das allerdings damals noch in der Neujahrsnacht geschah. Nach dem Zweiten Weltkrieg schlüpften dann die amerikanischen Besatzungssoldaten in die Rolle des Weihnachtsmannes, der bisweilen statt mit Rentierschlitten per Fallschirm vom Himmel herabstieg und Bonbons an die Kinder verteilte.

Damit könnte der gute alte Weihnachtsmann heutzutage kaum jemanden mehr glücklich machen. Die meisten Kinder, die sich an ihn wendeten, wünschten sich von ihm Videospielekonsolen wie die Nintendo DS samt dazugehöriger Software, schreibt Japans einziger beim internationalen Verband der Weihnachtsmänner in Grönland registrierter Weihnachtsmann im Internet.

Der 44-jährige Japaner mit dem Künstlernamen Paradise Yamamoto entspricht durchaus der Bilderbuch-Vorstellung eines richtigen Weihnachtsmannes: unter der roten Mütze lugt ein rundes freundliches Gesicht hervor, auf der Nase eine großväterliche Brille, umrahmt vom künstlichen weißen Bart. Förmlich abgerundet wird das Ganze von der roten Robe, die über dem strammen Bauch mit einem schwarzen Gürtel zusammengehalten wird. Allenfalls die Form der Augen unterscheidet Japans Santa Claus von seinen westlichen Kollegen.

Jedes Jahr treffen sie sich im Sommer zur Konferenz der Weihnachtsmänner in Dänemark. Die heiße Phase beginnt für Yamamoto, der aus Sapporo im hohen Norden Japans kommt, dann ab Mitte Dezember. Dann ist der Japaner, der nicht nur das „Hohohoooo” beherrscht, sondern sich nebenbei auch noch einen Namen als Mambo-Musiker und Bonsai-Künstler gemacht hat, auf zahlreichen Weihnachts- Veranstaltungen unterwegs.

Der Mann ist so beschäftigt, dass er ein eigenes professionelles Management braucht. Und wie sich das für einen Weihnachtsmann im High-Tech-Land Japan nun einmal gehört, ist er natürlich auch im weltweiten Computernetzwerk unterwegs. Über eine eigene Blog-Seite im Internet kommuniziert er mit Kindern und ihren Eltern und sammelt die Wünsche der Kleinen.

Andere Japaner brauchen den Weihnachtsmann jedoch nicht. Für junge Leute und Liebespärchen sind die „Kurisumasu” -Tage vor allem ein schöner Anlass, sich in Restaurants oder Cafs zu treffen, um sich gegenseitig mit bisweilen sündhaft teuren Geschenken wie Handtaschen oder Schmuck zu beglücken. Edelhotels bieten Pärchen spezielle Angebote für die „besondere Nacht „ inklusive Dinner und Sekt. Das Akasaka Prince Hotel in Tokio zum Beispiel, beliebtes Ziel für Paare und bekannt für seine Weihnachtsangebote, lockt die Kunden mit einem „Christmas Romantic Dinner-Plan” samt Übernachtung im 20. Stockwerk.

Beim „Star Cruise Christmas” ist zum Übernachtungspreis zwischen 35.000 und 67.000 Yen sogar ein Rundflug über dem nächtlichen Tokio mit einem Hubschrauber enthalten. Noch edler geht es bei der 100.000 Yen teuren „Suite Luxury Christmas” zu, wobei man sich für zusätzliche 85.000 Yen gleich mit einer Limousine abholen lassen kann. Auch Internet-Unternehmen wie die Online-Shopping-Mall Rakuten warten mit diversen Sonderangeboten zu Weihnachten auf, einschließlich der „Unterwäsche für die besondere Nacht”. Aber auch deutsche Produkte wie Adventskalender, Kunstgestecke und Weihnachtskarten mit Heiligenmotiven sind in Japan beliebt.

Für andere ist Weihnachten eine willkommene Gelegenheit zur Mini- Heimparty, bei der sich der Gast als Weihnachtsmann, Engel oder gehörnter Rentierbulle verkleidet. Die nötigen Utensilien für diese weihnachtlichen Kostümfeiern bekommt man beispielsweise im Kaufhaus Tokyo Hands. Vom kleinen Tannenbaum als neckische Kopfbedeckung bis zur kompletten Weihnachtsmannausstattung - Japans gewiefte Geschäftswelt weiß nicht zuletzt dank amerikanischen Kulturimports, was alles zu einem richtig kitschigen Weihnachts-Look gehört.

Und weil die Japaner nun ein mal Perfektionisten sind, gibt es dazu auch gleich kostenlos schriftliche Gebrauchsanleitungen zum korrekten Schmücken der vollendet geratenen Vollplastik-Tanne aus chinesischem Anbau. Da wird penibel je nach der Höhe des Bäumchens die notwendige Anzahl an Lametta-Girlanden und bunten Kugeln aufgeführt, damit die Pseudo-Tanne auch ja auch gleichmäßig behangen ist. Und wer sich obendrein als Beleuchtungskünstler betätigen und sein Haus mit endlos langen Leuchtketten zuhängen möchte, auch der wird in Broschüren Schritt für Schritt an die Hand genommen.

Die Mädchen-Modezeitschrift „Ranzuki „ bietet ihren jungen Leserinnen dagegen zur Weihnachtszeit Anleitungen ganz anderer Art an. Schließlich sei „X-mas” der „wichtigste Tag des Jahres für girls”. Und für die scheint es in der (un)heiligen Nacht nur um das Eine zu gehen: „Wie kriege ich einen Freund, mit dem ich die Heilige Nacht verbringen kann?” Und damit solch ein intimer Weihnachtswunsch auch in Erfüllung geht, bietet die Hochglanz-Zeitschrift einen „Schönheitskurs für begehrte Girls „.

Erste Lektion: das richtige Make-up für das „Sexy Gesicht”, bei dem „deine Augen wie Edelsteine glänzen „. Vor allem goldfarbenes Augen-Make Up mache die Jungs an. Am besten sei es, dazu ein einteiliges Mini-Kleid zu tragen. Eine andere „Love Mission” befasst sich mit der richtigen Körpersprache: „Halte die Handtasche mit beiden Händen und ziehe Deine Knie zusammen, wenn Du auf ihn wartest”. Und nicht zu vergessen: „Fasse Deinen BH an, wenn Ihr zusammensitzt und Euch unterhaltet”. Schließlich noch ein guter Rat: „Begehrte Girls tragen Reizwäsche”. Was für eine schöne Bescherung.