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Bremerhaven: Seehundzählung über dem Wattenmeer

Bremerhaven : Seehundzählung über dem Wattenmeer

Die Tiere sind aus der Höhe kaum zu erkennen. Ihre Körper glitzern wie Elfenbein in der strahlenden Junisonne, ein Laie hält sie mit bloßem Auge für Wasserlöcher oder eine Ansammlung von Algen. Nur mit dem Fernglas erkennt der ungeübte Betrachter, dass es sich um Seehunde handelt, die sich zu hunderten auf den Sandbänken im Nationalpark Niedersächsisches Wattenmeer aalen.

In etwa vierzig Metern Höhe ziehen drei Männer in einer viersitzigen Sportmaschine über den Tieren ihre Kreise. Auf einen Blick erkennen sie, ob die Objekte dort unten Seehunde sind oder nicht. Sie sind Profis - Seehundzähler im Auftrag des Niedersächsischen Landesamtes für Verbraucherschutz und Lebensmittelsicherheit (LAVES).

Durch insgesamt 15 Flüge von Emden, Mariensiel bei Cuxhaven und Bremerhaven aus will das Amt seit dieser Woche den ungefähren Seehundbestand vor Niedersachsens Küste ermitteln. Zeitgleich finden im Rahmen des internationalen Seehundschutzabkommens auch Zählflüge in Schleswig-Holstein, den Niederlanden und Dänemark statt. Seit 1972 gibt es die Seehund-Inventur in Niedersachsen.

An Bord der kleinen Maschine sind neben Pilot Johannes Bohlmann auch Dieter Wegener und Eide Harres. Sie zählen die Tiere, Harres die Großen, Wegener die Kleinen. Die Ergebnisse tragen sie in eine Landkarte ein. „Die schwarzen Würmchen sind die Jungen”, erklärt Wegener. „Manche sind so frisch, dass man die Nachgeburt noch daneben liegen sieht.”

Unzählige Male hat er bereits die Seehundbestände zwischen Elbe- und Wesermündung gezählt, auch seine Kollegen sind schon lange im Geschäft. Pilot Bohlmann feiert bald Jubiläum. „Die 25 Jahre mache ich noch voll, dann reicht´s mir langsam”, sagt er und lacht.

Bei Harres, dem ehrenamtlicher Wattenjagdaufseher, gehört die Seehundsuche fast schon zur Familientradition: Die Aufgabe hat er von seinem Vater übernommen. Sein Blick ist durch den jahrelangen Umgang mit den Tieren geschult, heute als Zähler, ehedem als Jäger. „Früher haben wir die Seehunde geschossen, heute zählen wir sie.”

Die Jagd auf Seehunde ist seit 1972 in Niedersachsen verboten, Schleswig- Holstein folgte zwei Jahre später. Doch wenn es nach Harres ginge, wäre die Schonzeit für die Meeressäuger bald vorbei. „Die Jagd würde den Beständen nicht schaden.” Die Tiere haben in der Nordsee keine natürlichen Feinde und vermehren sich rasch. Und wenn die Zahlen steigen, droht ein neuer Ausbruch der Seehund-Staupe.

2002 starben tausende Tiere durch das Virus, bei einer Epidemie 1988 wurden etwa 60 Prozent der gesamten Bestände zwischen den Niederlanden und Dänemark dahingerafft. Inzwischen haben sich die zahlen wider normalisiert: Im vergangenen Jahr wurden 4642 Seehunde vor Niedersachsens Küste gezählt, davon 1173 Jungtiere.

Als die drei Männer nach etwa eineinhalb Stunden wieder auf dem Flugplatz Luneort bei Bremerhaven landen, haben sie rund 1200 Alttiere und 250 Junge gesichtet. „Das ist doch recht viel”, sagt Harres mit einem Seitenblick auf seine Kollegen. Die beiden anderen Männer pflichten ihm stumm nickend bei. Bis Ende August werden sie noch vier Mal fliegen und zählen.