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Frankfurt: Populäre Gerichtsmedizin: Fernseh-Pathologe und Arzt Joe Bausch

Frankfurt : Populäre Gerichtsmedizin: Fernseh-Pathologe und Arzt Joe Bausch

Joe Bausch, der Mann mit der spiegelglatten Glatze und dem vom Leben gegerbten Gesicht, war einer der ersten Fernsehpathologen Deutschlands.

Bis er vor zehn Jahren beim WDR-Tatort mit Dietmar Bär und Klaus J. Behrendt die Rolle des Dr. Roth übernahm, landeten Pathologieergebnisse meist nur als Berichte auf den Schreibtischen der Kommissare.

„Pathologen waren eine neue akademische Riege unter den Ermittlern,” erinnert sich Joe Bausch. „Quincy”, der knurrige Gerichtsmediziner, der bis Mitte der 1980er Jahre von Jack Klugman gespielt wurde, ist der Urahn aller Fernseh-Pathologen. Es dauerte eine Weile, aber Ende der 90er Jahre boomten in den USA Fernsehformate wie „CSI: Den Tätern auf der Spur” oder „Crossing Jordan - Pathologin mit Profil”.

Die Welle erreichte zeitgleich auch Deutschland: Seit 1998 strahlt das ZDF „Der letzte Zeuge” mit dem inzwischen verstorbenen Ulrich Mühe in der Rolle des Pathologen Dr. Kolmaar aus, bei der ARD steht seit 2002 im Münsteraner Tatort Jan-Josef Liefers als Pathologe Professor Boerne dem Ermittler Frank Thiel (Axel Prahl) gleichberechtigt zur Seite.

„Der Pathologe spricht im neonerleuchteten Raum und mit professioneller Distanz all das Grauenhafte aus, das der Zuschauer nicht sehen, aber trotzdem wissen will,” erklärt Bausch die Popularität der Gerichtsmediziner.

Geboren wurde Bausch 1953 im Westerwald in der Nähe von Limburg. Es war der klassische Landarzt, der ihn in seiner Jugend neugierig auf den Beruf des Mediziners machte. Zunächst entschied er sich jedoch für ein Studium der Theaterwissenschaften, bevor er schließlich in Bochum sein Medizinstudium begann.

Noch vor dessen Ende stand er mit der Theatergruppe „Theater Pathologisches Institut” auf der Bühne, in den 80ern sorgten sie für einige skandalträchtige Inszenierungen im Ruhrgebiet. In seinem Hauptberuf arbeitet Joe Bausch - mit vollem Namen heißt er Josef Bausch-Hölterhoff - als Facharzt für Allgemeinmedizin in der Justizvollzugsanstalt im westfälischen Werl.

Bis zum Regierungsmedizinaldirektor hat er es inzwischen gebracht. Er lebt ganz in der Nähe des Gefängnisses. Nach über zwanzig Ehejahren haben seine Frau und er sich getrennt, die gemeinsame Tochter ist inzwischen 18 Jahre alt.

Als Gefängnisarzt muss Joe Bausch Generalist sein, denn jede Überweisung an einen Facharzt ist mit einem Sicherheitsrisiko verbunden. Zu ihm kommen Mörder mit Bauchschmerzen und Kinderschänder mit Atemnot. Vielen seiner Patienten fehlt die Möglichkeiten, sich angemessen mitzuteilen.

„Die meisten Leute reagieren richtig aggressiv, wenn ihnen Defizite zu Bewusstsein kommen.” Was sind die Ursachen der Gewalt? Daran forscht Joe Bausch zusammen mit dem Magdeburger Professor Bernhard Bogerts. Einen Vortrag über den Zusammenhang zwischen Gewalt und Gehirn hielt Joe Bausch zum ersten Mal vor dem Fachpublikum der Tagung „Tatort Eifel” in Daun, die Krimischaffende wie Autoren und Produzenten mit Kriminalisten, Medizinern und Wissenschaftlern zusammenbringt.

Joe Bausch hatte Aufnahmen von Computertomographien mitgebracht, die belegen, dass sich bei den meisten Verbrechern im Gehirn, unter anderem im Bereich des Mandelkerns, in dem das Mitgefühl entsteht, deutlich geringere Aktivitäten nachweisen lassen. Häufig stehen diese verminderten Aktivitäten tief im Innern des Gehirns in Verbindung mit einem reduzierten Volumen der Frontalhirnrinde, der „Gefühlsbremse”.

75 Prozent der wegen schwerer Gewaltdelikte verurteilten Insassen von Gefängnissen haben entsprechende hirnorganische Veränderungen. In der Gesamtbevölkerung werden nur etwa zehn Prozent dieser Veränderungen beobachtet. „Das Reich des Bösen ist das Reich der Männer,” stellten Wissenschaftler bereits vor fünfzig Jahren fest und fanden dafür entwicklungsgeschichtliche Gründe.

Dieses Reich wird in den hinreichend erforschten Gebieten des Gehirns nicht durch den Willen zum Bösen, sondern durch Neuronen regiert. „Einen Gewaltverbrecher ohne hirnorganische Untersuchung zu verurteilen und nach einigen Jahren wieder freizulassen, halte ich für unverantwortlich”, warnt Bausch.

Das Gehirn sei ein Organ und es kann so krank sein, dass seine Funktion beeinträchtigt oder dauerhaft verändert ist. „Wir erwarten ja auch nicht von einem Menschen mit einem verkürzten Bein, dass er an einem Marathonlauf teilnimmt”, fügt er hinzu.