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Hamburg: New Wave und Indie-Rock: Die Musik neuer deutscher Popbands

Hamburg : New Wave und Indie-Rock: Die Musik neuer deutscher Popbands

So müssten sich „doch die Giganten fühlen”, singt Tom Hessler in einem seiner Hits und wiederholt es immer wieder. Ein Mantra in einer Endlosschleife. Die Textzeile mit der eindringlichen Melodie geht einem danach nicht mehr aus dem Kopf.

Und man glaubt es auch: Ja, so müssen sich Giganten fühlen. So muss sich auch die Band Fotos fühlen, in der Multitalent Tom als Sänger, Songschreiber und Gitarrist tätig ist.

Die Gruppe mit vier Musikern aus Hamburg, Köln und Wuppertal steht für einen neuen Trend im deutschen Pop: Deutsch singen, aber gar nicht so deutsch klingen. Sondern nach britischem Retro-Gitarrenrock und nach deutschem New Wave der 80er Jahre. Auch andere deutschsprachige Bands spielen vermehrt den geradlinigen Independent- Pop.

Die Band Fotos um Tom Hessler, Gitarrist Deniz Eraslan, Bassist Frieder Weiss und Schlagzeuger Benedikt Schnermann verweist mit ihrem skurrilen Namen auf die kurzen, emotionalen Erinnerungsmomente, die Fotografien im Betrachter auslösen.

Ebenso kurz, emotional, direkt und fordernd, wie Bilder es sein können, ist auch die Musik. „Sie sind so kalt / sie fühlen nichts mehr / außer der Leere / die fühlen sie sehr”, heißt es im Lied „So fremd”, das an die Alltagspoesie eines Erich Kästner und den Rhythmus der kanadischen Gruppe Hot Hot Heat denken lässt.

Die vier Jungs von Fotos haben sich wie auch schon Wir sind Helden bei einem Popkurs der Hamburger Musikhochschule kennen gelernt und einen Schnellstart hingelegt: Im Frühjahr 2006 kamen sie zusammen, im Herbst lag das Debütalbum vor. Die Pressestimmen zu ihren Konzerten ergeben bereits eine dicke Mappe.

Das Besondere an ihnen: Fotos spielen, singen und texten wie ihre deutschsprachigen Pop-Kollegen, etwa die frühen Tocotronic oder Die Sterne, bringen in ihre Musik aber den Beat und den Gitarrenrock von angesagten Indie-Bands wie Franz Ferdinand und The Libertines aus England. Zu dieser Mischung kommt noch eine gute Prise Elektronik hinzu.

Mit diesem Stil stehen Fotos nicht allein. Auch die Berliner Gruppe Klez.E präsentiert sich auf ihrem Debütalbum „Flimmern” mit pointiertem Gitarrenrock: Der Gesang von Tobias Siebert erinnert an Radiohead, das Schlagzeug an die britische Dance-Punkband Bloc Party, die Gitarre an den melodischen Rock von Muse.

In ähnliche Richtung gehen auch Kante mit ihrem neuen, nunmehr vierten Album „Die Tiere sind unruhig” sowie das Hamburger Trio Sport, die Kölner Band Karpatenhund und die Münchner Gruppe Fertig, Los!.

Gemeinsam haben die neuen deutschen Bands neben der Rhythmik die einfachen, subjektiven Texte: „Sie ist in mich verliebt, auch wenn es keiner sieht, ich hab es mitgekriegt”, jodeln Fertig, Los! auf ihrem Album „Das Herz ist ein Sammler”, das Ende April erscheint.

Musikalisch ist der Stil unterdessen auch in Deutschland nicht so neu: Die aktuelle Musik ist selbst eine deutschpop-interne Retrospektive. Die Bands greifen auf New Wave und Rock der 70er und 80er Jahre zurück, auf Ikonen wie Fehlfarben oder Ton, Steine, Scherben - so wie eben auch die britischen Indie-Rocker alte Vorbilder bemühen.

Er habe einmal versucht, englisch zu dichten, sagte Fotos-Sänger Tom in einem Interview. Das sei völlig daneben gegangen. Gut so, denn auf Toms gelungene deutsche Texte möchten die Fans ungern verzichten. Schon um zu hören, wie sich Giganten fühlen. dpa