Berlin: Neues Feindbild im Prenzlauer Berg: Der Kampfradler

Berlin: Neues Feindbild im Prenzlauer Berg: Der Kampfradler

Die Helikopter-Mütter, die panisch um ihre Kinder kreisen. Die Schwaben, die es so sauber wie in Stuttgart haben wollen. Die Touristen, die unerhörterweise die Cafés bevölkern. Berlin ist nicht arm an Feindbildern, besonders in Mitte und Prenzlauer Berg. Nun ist ein Neues hinzugekommen: Plakate verkünden den „Kampf den Kampfradlern”.

Eine Satire oder noch eine Aktion der Wutbürger vom Prenzlauer Berg? Steckt das Viertel voller Rad-Rambos?

Die Anreise (mit Fahrrad-Helm) verläuft ohne größere Zwischenfälle und ohne die cholerischen Anraunzer, die in Berlin gerne mal vorkommen. Der Verkehr in der Kastanienallee ist normal bis rasant. Gefährlich sind die Straßenbahnschienen, was schon mancher Radler zu spüren bekommen hat.

Pauschalisierungen bringen nichts, aber...

Anwohner und Geschäftsleute rätseln über die gelb-schwarzen Poster mit dem „Kampfradler”. Dieser hat statt eines Kopfes eine Handgranate. Das sieht ziemlich militant aus. Darunter steht, im Kirchentags-Duktus formuliert: „Rücksicht statt Vorfahrt. Auf all unseren Wegen”.

Wer hinter der Aktion steckt, ist noch unklar. Weder die Kiez-Kenner von den „Prenzlauer Berg Nachrichten” noch Bezirksstadtrat Jens-Holger Kirchner (Grüne) wissen es. „Anonym ist immer ein bisschen feige”, sagt Kirchner. Er findet aber, dass rabiate Radler durchaus ein Thema seien, wobei Pauschalisierungen nichts brächten.

Am Prenzlauer Berg, einem der bekanntesten Viertel der Hauptstadt, scheiden sich ohnehin die Geister. Manchen ist die einstige Boheme-Hochburg im Osten schon viel zu „durchsaniert” - das ist in Berlin ein Schimpfwort. Jeder Wandel wird aufmerksam verfolgt. Selbst die Zukunft einer Wurstbude hat Schlagzeilen-Potenzial.

Gastronom Till Harter, der im Kiez gegen einen Umbau der Kastanienallee aktiv ist, ist vom „Kampfradler” überrascht. „Eigentlich ist es kein Gegenstand der öffentlichen Debatte”, sagt der Bar-Betreiber. „Was mich wundert, ist die Professionalität.” Die Plakate sehen sorgfältig gedruckt aus und sind ordentlich aufgehängt.

Die Blüten, die das alternative Leben so treibt

Ein Erklärungsversuch: Der Kiez rund um die „Castingallee” ist mehr als die viel verspottete Meile für verhinderte Schauspieler. Und mehr als der teuer gewordene Abenteuerspielplatz für Bürgerkinder aus dem Westen. Er zieht auch 22 Jahre nach dem Mauerfall noch viele unterschiedliche Leute an, die sich hier selbst verwirklichen wollen. Das alternative Leben treibt Blüten.

Kaffeebar-Chef Konstantin kommt ins Philosophieren. In dem Viertel seien wahnsinnig viele Menschen auf der Suche nach Sinn, sagt der 43-Jährige. Es sei ein Treffpunkt für Spiritualität, vom Schamanen bis zum Quantenheiler. Und: „So ein Plakat kann es nur im Prenzlauer Berg in Berlin geben”, meint er mit Blick auf solche „Luxusprobleme”. Und natürlich gibt es auch schon die ersten Aktionen gegen die „Kampfradler”-Poster. Einer griff zum Stift und änderte den Slogan um in: „Kampf den Krampfadern”.

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