Napoleon und Karl der Große als Propaganda für die eigene Herrschaft

Besuche, Gelder, Neuerungen : Die Liebe Napoleon Bonapartes zu Aachen

Die Kaiserstadt Aachen hatte es dem französischen Kaiser Napoleon angetan. Dafür hatte der Usurpator vor allem propagandistische Gründe: Der Karlskult sollte seine eigene Herrschaft als Erbe des Frankenkönigs legitimieren.

Der Ratssaal ist das politische Zentrum der Stadt Aachen. Dass gerade dort zwei große Porträtgemälde des französischen Kaiserpaares Napoleon (1769-1821) und Josephine (1763-1814) hängen, lässt nicht darauf schließen, dass sich die Stadt nur mit Grausen an jene 20 Jahre (1794-1814) erinnert, in denen sie unter französischer Herrschaft stand.

Napoleon seinerseits war Aachen durchaus zugetan; die beiden Bilder schenkte er 1807 der Stadt. Auf jenem, das ihn zeigt, ließ er sich als römischer Imperator darstellen, was ein Hinweis darauf sein könnte, dass er sich und seine handstreichartig gewonnene Herrschaft – wie Karl der Große (747-814) tausend Jahre vor ihm – in jene der römischen Kaiser stellen wollte. Die Mythen Roms und Karls sollten das neue Kaisertum aus der Retorte stabilisieren.

Den über die Jahrhunderte andauernden Karlskult, dessen prädestinierter Austragungsort Aachen immer gewesen ist, nutzte Napoleon für seine politische Propaganda. „Die Idee vom wiedererstandenen Reich Karls d. Gr. wurde jetzt systematisch von den staatlichen Stellen propagiert, so dass sie mehr und mehr ins Bewusstsein der Bevölkerung eindrang“, schreibt der frühere Aachener Stadtarchivdirektor Thomas Kraus (1949-2019) im 2018 erschienenen fünften Band der Aachener Stadtgeschichte: „Von der Reichsstadt zur ‚bonne ville‘“.

Vom 2. bis 11. September 1804 besuchte Napoleon Aachen, das seit 1801 wie die gesamten linken Rheinlande völkerrechtlich zu Frankreich gehörte. Im Haus des Präfekten in der Alexanderstraße, dem Quartier Napoleons, empfing der Kaiser zu etlichen Audienzen, besuchte das Theater, Tuch- und Nadelfabriken.
Der Kaiser spendierte „150.000 Francs aus Staatsmitteln zur Reparatur und Verschönerung der Aachener Bäder sowie für die Einfassung und Kanalisierung der Thermalwässer“. Bis 1811 habe sich die Gesamtsumme für diese Maßnahmen auf 358.000 Francs erhöht, liest man bei Kraus.

Und dann gab es noch jene Aachener Straßenjungen, die, wie Kraus berichtet, Probleme mit dem Französischen hatten. Also riefen sie „angesichts des Kaisers statt ‚Vive l’Empereuer!‘, um ähnlich zu klingen, vielleicht aber auch absichtlich „Vive Lampenöl!‘“.

Am 7. September besichtigte Napoleon den Dom – angeblich von Ehrfurcht ergriffen. Der Kaiser besichtigte die Aachener Heiligtümer und Gebeine Karls des Großen in aufgestellten Reliquiaren. „Besondere Aufmerksamkeit erregte der Armknochen Karls d. Gr., den sein dazu im Flüsterton befragter Leibarzt Corvisart allerdings wegen seiner Größe für ein Teil des Beins hielt; eine Meinung, die er aber auf Wunsch des Kaisers aus Höflichkeit gegenüber den Gastgebern für sich behalten sollte.“

Kraus hält eine weitere kurze Szene am Karlsthron fest: „Während er hier andächtig stand, so vermerkt das Protokollbuch des Kathedral- bzw. Stiftskapitels, habe sich seine Gemahlin Josephine ganz zu seinem Unwillen auf diesen gesetzt, wohl weil er der Meinung war, dies käme allein ihm zu. Dass er selbst sich dann auf den Thron setzte, ist glaubhaft überliefert.“

Marc-Antoine Berdolet (1740-1809), der 1802 von Napoleon zum ersten Bischof des neu geschaffenen Bistums Aachen ernannt worden war, verstieg sich, so Kraus, „in einem Huldigungsschreiben zu der Ansicht, „dass mit Napoleon die Asche Karls d. Gr. wieder lebendig geworden sei“.

Dass Aachen zwei Jahre zuvor überhaupt Sitz eines selbstständigen Bistums geworden war, führt Kraus darauf zurück, „dass die Stadt wegen ihrer Lage in der Nähe der Sprachscheide seit Jahrhunderten eine Brückenfunktion wahrgenommen hatte und nunmehr Hauptstadt des Roerdepartements, eines der reichsten, wenn nicht des reichsten Departements Frankreichs war“.

Jülicher Übertreibungen

Am 11. September reiste Napoleon nach Jülich. Dort besichtigte er die Festungsanlagen und legte auf der Merscher Höhe den Grundstein für ein Fort, das dort geplant war. Er habe dabei im Grunde nur gute Miene zum Spiel gemacht, weil die Jülicher Honoratioren die entsprechende Feier umfangreich vorbereitet hatten.

Denn tatsächlich hielt Napoleon, wie der Vorsitzende des Jülicher Geschichtsvereins, Guido von Büren, unserer Zeitung sagt, solche Bauarbeiten in einer kleinen Stadt wie Jülich für übertrieben und ließ sie deshalb schon wenige Tage später wieder stoppen. Napoleon habe im Kessler‘schen Haus in der Kölnstraße übernachtet und erreichte am folgenden Tag nach kurzen Abstechern in andere Städte Köln.

Kraus kommt zu dem Fazit, dass die 90er Jahre von den keineswegs revolutionär gesinnten Aachenern als hart empfunden wurden, während es dann zu Beginn des 19. Jahrhunderts „zu einer inneren Annäherung an den neuen Staat“ gekommen sei. Dafür sorgte nicht zuletzt Napoleons Verständigung mit Papst und Kirche. Hatten zunächst Hunger und Massensterben, hohe Kontributionen und anhaltende Beschlagnahmungen die Aachener drangsaliert, kam es ab Beginn der eigentlichen Kaiserzeit zu spürbarem Aufschwung.

In den 20 Jahren der französischen Herrschaft verdoppelte sich die Zahl der Einwohner Aachens von gut 23.000 auf fast 47.000. Und der Code Civil mit seinen Bürgerrechten, der Trennung von Staat und Kirche, von Verwaltung und Justiz, mit Gewerbefreiheit statt Zunftzwang entfaltete sich positiv und hatte Bestand über das Ende der Annexion 1814 hinaus.

Alles in allem wird, folgt man Kraus, in zeitgenössischen und historiographischen Darstellungen der Eindruck vermittelt, dass sich die Aachener trotz aller Widerstände mit der französischen Herrschaft letztlich arrangierten – wahrscheinlich sogar besser als mit der darauf folgenden preußischen.

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