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Berlin: Manfred Krug lehnt sich zurück: „Es ist Feierabend”

Berlin : Manfred Krug lehnt sich zurück: „Es ist Feierabend”

Manfred Krug ist sehr direkt und meistens wohl auch ehrlich. „Schauspieler nehmen sich schon früh wichtig”, schreibt das „charmante Raubein” in seinen 2003 erschienenen und viel beachteten Jugenderinnerungen ( „Mein schönes Leben” ). Am Donnerstag, 8. Februar, wird Krug 70 Jahre alt.

„Wir sind eine infantile Sorte Mensch”, getreu dem Credo des großen Theatermannes Max Reinhardt: „Schauspieler sind Menschen, die ihre Kindheit heimlich in die Tasche gesteckt und sich damit auf und davon gemacht haben.” Krug ist im Herzen jung, gutgläubig und aufmüpfig (und manchmal eben auch launisch) geblieben, auch wenn er 70 Jahre alt wird und das mit ein paar alten Freunden „bescheiden” feiern will - und über eine Fortsetzung seiner Memoiren nachdenkt.

Vom Schauspielerberuf hat sich „Manne” pünktlich schon mit dem Eintritt ins offizielle Rentenalter zurückgezogen, ungewöhnlich genug für populäre und gefragte Protagonisten seiner Zunft. Aber da hatte es die berüchtigten „Warnschüsse vor den Bug” gegeben, als ihn 1997 in seiner Berliner Wohnung ein Schlaganfall ereilte, 2003 kam er mit einer Nierenkolik in die Berliner Charité.

Die Lust auf TV-Krimis ist Krug, der von 1984 bis 2001 Kommissar Stoever im Hamburger „Tatort” war (und daneben als unorthodoxer Rechtsanwalt in der TV-Serie „Liebling Kreuzberg” auch preiswürdigen Erfolg hatte), inzwischen sowieso vergangen. „Ich hatte als Schauspieler eine bewegte und schöne Zeit, ich wollte nicht mit ansehen, wie ich meines geliebten Berufs überdrüssig und müde werde, wie ich die Texte nicht mehr schaffe und das Filmteam durch Stottern und Hängen vom Feierabend abhalte”, bekannte Krug jetzt in einem seiner selten gewordenen Interviews (im Magazin „Stern” ). „Es ist Feierabend”, wie er schon zuvor bekannt hatte: „Ich bin Rentner.” Und überhaupt: „Nicht jeder hat das Langes Leben bei klarem Verstand - Gen wie Johannes Heesters.”

Bis es aber soweit war, erlebte der gelernte Stahlschmelzer und spätere Schauspieler künstlerische Höhenflüge und gesellschaftspolitische Tiefschläge, die in seiner Kaltstellung in der DDR nach der Biermann-Ausbürgerung 1976 gipfelten, die auch Krug schließlich in den Westen trieb. „Ich hatte Angst, die größte Angst in meinem Leben. Nochmal von vorn anfangen? Aber kriech ich zu Kreuze, bin ich kaputt. Kriech ich nicht, machen sie mich kaputt.” Darüber veröffentlichte er später ein Tagebuch, das von Frank Beyer auch verfilmt wurde ( „Abgehauen” ). Bis dahin hatte der ungemein populäre Schauspieler das Lebensgefühl einer ganzen Generation im „Arbeiter-und-Bauern-Staat” getroffen - loyal und doch rebellisch.

Diese Haltung verkörperte er als anarchistischer Baubrigadier in seinem vielleicht berühmtesten Film „Spur der Steine” von Frank Beyer (1965/66), der dann auch prompt von der SED verboten wurde. „Ich war beleidigt”, meinte Krug später über diese für ihn unfassbaren Vorgänge „Goebbelscher Art” in der DDR, wie er sie nannte.

Auch handfesten Auseinandersetzungen ging Krug nicht aus dem Weg, als ihm noch zu DDR-Zeiten in einer Erfurter Kneipe ein Stasi-Mann zurief: „Die Leute, die in der Schweiz ein Dollar-Konto haben, sollten mal schön die Klappe halten.” Das konnte nicht gut gehen. „Der kriegte natürlich eine Maulschelle und ich wurde festgenommen”, erinnerte sich Krug später. Natürlich wurde er auch von ehemaligen Kollegen bespitzelt, wie er nach der Wende feststellen musste. „Mir haben die Stasi-Akten sehr geholfen: Sie haben mir einen tiefen Einblick in die menschliche Seele gegeben.”

Der in Duisburg geborene Sohn eines Eisenhütten-Ingenieurs, der als Zwölfjähriger 1949 mit seinem Vater in die junge DDR übersiedelte, sympathisierte lange Zeit mit den sozialistischen Ideen und war sich auch für einige Defa-Tendenzfilme nicht zu schade. Bis ihm der Gedanke kam, er könnte „im falschen Team spielen” und dass „das Geiselnehmen von 16 Millionen Menschen” wohl nicht in Ordnung sei. Irgendwann war für ihn „der Riemen runter von der Orgel, wie der Berliner sagt”. Die ganze DDR sei „ein einziges armes Schwein” gewesen.

Bis dahin aber stieg Krug zu einem der populärsten Schauspieler der DDR auf (und zum Chanson- und Jazzsänger mit Titeln wie „Niemand liebt dich so wie ich” ), was der Staat auch mit einem Nationalpreis honorierte. Er war in seinem beruflichen Leben im Osten schnell „Auf der Sonnenseite”, wie eine DDR-Gegenwartskomödie hieß, die Krug zusammen mit dem Spanien-Kriegsfilm „Fünf Patronenhülsen” den künstlerischen Durchbruch brachte und ihn auch zum gefragten Charakterdarsteller machte. Dennoch wird er später über die alten Defa-Filme sagen: „Meine eigenen Werke eingeschlossen - das ist 95 Prozent unbrauchbare Sülze.”

Seine Karriere im Westen setzte er nach einigen Anlaufschwierigkeiten ( „Eine Zeit lang wollte ich den Beruf wechseln” ) erfolgreich im Fernsehen fort, was unter anderem mit dem Ernst-Lubitsch-Preis, dem Adolf-Grimme-Preis und einem Bambi belohnt wurde.