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Paris: Kontrolliert werden nur Geigenkästen: Mit dem Thalys nach Paris

Paris : Kontrolliert werden nur Geigenkästen: Mit dem Thalys nach Paris

Auf dem Bahnsteig 5 des Brüsseler Süd-Bahnhofs herrscht Unruhe. Reisende schauen auf ihre Uhren oder zücken Mobiltelefone. Grund für die Nervosität ist eine 15-minütige Verspätung des morgendlichen Thalys-Zuges nach Paris. Drei Polizisten patrouillieren lässig in der Menschenmenge.

Sie kontrollieren lediglich die Geigenkästen von zwei Musikern. Doch in den Instrumentenbehältern sind keine Kalaschnikow-Sturmgewehre verborgen.

Gerade zwei Wochen ist es her, als ein schwer bewaffneter Mann im Hochgeschwindigkeitszug von Amsterdam nach Paris das Feuer eröffnete und zwei Menschen schwer verletzte. Fahrgäste rangen den inzwischen 26 Jahre alten Angreifer nieder. Dem Marokkaner wird von der französischen Staatsanwaltschaft Terrorismus vorgeworfen.

Nach einer Lautsprecherdurchsage laufen die Brüsseler Thalys- Passagiere zum anderen Ende des Bahnsteigs. Acht Waggons des sehr langen Zuges fehlen. Die Nummerierung der Wagen stimmt nicht mehr mit den Angaben auf den Fahrscheinen überein. Im allgemeinen Durcheinander unterbleibt meist die übliche Kontrolle der Tickets vor Betreten des Zuges. Von stichprobenartigen Gepäckkontrollen - davon war nach dem vereitelten Anschlag die Rede gewesen - ist nichts zu sehen.

Im Zug wird es eng. In der Bordbar und in den schmalen Gängen sitzen die Menschen auf dem Boden. Manch einer von ihnen scheint in Gedanken doch bei der Terror-Attacke zu sein. „In dem Gedrängel kommt keiner mehr durch, egal, ob er etwas Gutes oder Schlechtes vorhat”, meint ein belgischer Student. Andere Passagiere sind eher mit gegenwärtigen Problemen beschäftigt. In der Toilette ist der Wasserhahn versiegt. „Wo kann man sich die Hände waschen?”, fragt einer.

Nach dem Angriff kündigten die Behörden Polizeipatrouillen mit Beamten aus Belgien und Frankreich an. Die gibt es zwar - aber nicht im jedem Zug, wie Vielfahrer berichten. „Wir müssten umfassende Kontrollen haben, auch für das Gepäck”, meint einer der Zugbegleiter, räumt aber gleichzeitig ein, dass dies praktisch schwer zu machen sei.

Europäische Innenminister hatten bei ihrem Krisentreffen unmittelbar nach dem Attentatsversuch in Paris signalisiert, dass sie umfassende Sicherheitschecks in Zügen ablehnen. „Wir wollen keine vollständige, flächendeckende Personen- oder Gepäckkontrolle in den Zügen in Deutschland oder Europa”, so das Credo des deutschen Ressortchefs Thomas de Maizière (CDU). Sein französischer Kollege Bernard Cazeneuve kündigte an, es solle Ausweiskontrollen oder Sichtung von Gepäck da geben, wo es notwendig sei.

Die Debatte um Zugsicherheit ist auch deshalb kompliziert, weil es bisher überhaupt keine gemeinsamen EU-Regeln dafür gibt. Ob die Gemeinschaft der 28 Staaten nun eine Wende einleitet und Gesetze auf den Weg bringt, wird sich bei einem Treffen der europäischen Verkehrsminister am 8. Oktober zeigen. Eisenbahngewerkschaften reichen die Ankündigungen des Pariser Ministertreffens nicht aus. Sie fordern unter anderem, bei Sicherheitsaufgaben nur Fachkräfte einzusetzen.

Auf dem Bahnsteig des Pariser Nordbahnhofs filzen einige Polizisten in Zivil ankommende Thalys-Fahrgäste. Das geht rasch und unaufgeregt über die Bühne. Diese Kontrollen sind an der Gare du Nord Routine - sie wurden aber lange vor dem Thalys-Angriff eingeführt.

(dpa)