1. Panorama

Washington: Körper „Made in China”: Dissident prangert Handel mit Exekutierten an

Washington : Körper „Made in China”: Dissident prangert Handel mit Exekutierten an

Als einer, der 19 Jahre chinesische Arbeitslager überlebt hat, hat Harry Wu schon vieles gesehen. Doch die Bilder, die der Dissident im Washingtoner Exil auf seinen Computerschirm lädt, lassen ihn erschauern.

„Exekutierte Häftlinge”, erklärt er mit belegter Stimme. „In Minuten zu Ausstellungsstücken verarbeitet und zu Geld gemacht.” Seit Jahren prangert Wu vor allem in den USA öffentlich an, dass China mit Organen von Hinrichtungsopfern Handel treibe. Nun alarmiert ihn ein neuer Trend: Präparierte Körper „Made in China”. Abnehmer sollen Veranstalter anatomischer Körper-Ausstellungen sein. US-Politiker haben inzwischen Initiativen eingeleitet.

Die jüngsten Fotos aus China, die der 71-Jährige zeigt, seien eindeutig, betont er. Sie zeigen vier exekutierte Menschen im Schnee, die Köpfe mit Plastiktüten umwickelt. Männer in Kitteln stünden offenbar parat, um den mit Kopfschuss Getöteten ihre Kleider vom Leib zu schneiden. Daneben steht ein Transporter mit geöffneten Türen. Ein anderes Bild zeigt einen der Hingerichteten auf einem OP-Tisch, mit abgebundener Halsschlagader. „Er wird für eine Plastinierung vorbereitet”, erläutert Wu. Bei diesem Präparations-Verfahren wird Zellwasser durch Kunststoff ersetzt.

„Mit solch einem präparierten Körper lassen sich Hunderte von Dollar verdienen”, weiß Wu. Er wisse von verschiedenen Quellen, dass Hunderte präparierter Körper von Hinrichtungsopfern aus China exportiert worden seien. „Die wenigsten Häftlinge werden sich damit einverstanden erklärt haben - und wenn, dann eher unter Folter, denn dieser Umgang mit Leichen entspricht nicht unserer Kultur.”

Wu erhält Unterstützung von der kalifornischen Abgeordneten Fiona Ma. „Als Frau mit chinesischen Wurzeln glaube ich einfach nicht, dass dort eine Familie zustimmt, dass ein Angehöriger derart präsentiert wird: mit abgezogener Haut, die Körperteile bloßgestellt, damit jemand daran verdient”, sagt Ma mit Blick auf Ausstellungen in San Francisco und Sacramento. Die hautlosen Gesichter der präparierten Leichen, die beispielsweise als Football-Spieler oder Dirigent positioniert sind, wiesen auf asiatische Abstammung hin. „Das ist nicht nur Handel mit Leichen, das ist Grabraub und Missbrauch”, meint Ma. Mit einem Vorstoß im Parlament von Kalifornien will sie solche Ausstellungen künftig verbieten, solange die Herkunft der Körper nicht geklärt ist.

Der deutsche „Körperwelten”-Initiator Gunther von Hagens hat immer wieder betont, dass er nur mit legal gespendeten Körpern arbeite. Kürzlich gestand er im US-Fernsehsender ABC jedoch unter Tränen, dass ihm aus China auch schon mal Körper mit deutlichen Spuren von Kopfschüssen gesandt worden waren. Diese Körper habe er eingeäschert. Von Hagens betont: Er verwende keine Exponate aus China.

Von Hagens Show mit präparierten und in Szene gesetzten Menschenkörpern haben auch in den USA einen flammenden Streit über den würdevollen Umgang mit Toten entfacht. Inzwischen gibt es aber auch zahlreiche Nachahmer der „Körperwelten”, das in den USA inzwischen dutzendfach kopiert und ein Millionen-Geschäft wurden. Entsprechend groß ist die Nachfrage nach Körpern. ABC berichtete, dass ganze Container mit plastinierten Leichen und Körperteilen aus China über den Hafen von Los Angeles in die USA gelangten.

„Wir haben zwar keine harten Beweise”, heißt es aus dem Büro des republikanischen Kongressabgeordneten Todd Akin in Washington. „Doch das, was wir wissen, und die Geschichte der chinesischen Menschenrechts-Verletzungen reicht aus, um misstrauisch zu sein.” Akin hat deshalb einen Gesetzentwurf verfasst, um den Import von plastinierten Körperteilen in die USA verbieten zu können.

„Ein guter Schritt”, sagt Wu. Aber der ändere nichts daran, dass in China weiter Häftlinge wegen des Profits ausgeschlachtet würden. „Angehörige von Häftlingen können sich nie sicher sein, ob sie wenigstens deren sterbliche Überreste wieder sehen. Ob ihre Organe nun bei gutzahlenden Kunden in Krankenhäusern landen oder ob ihre Körper irgendwo auf der Welt ausgestellt werden.”