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Köln/Berlin: Kibbuz-Kindergarten oder Anden-Bauernhof: Ersatzdienst im Ausland

Köln/Berlin : Kibbuz-Kindergarten oder Anden-Bauernhof: Ersatzdienst im Ausland

(dpa/gms) - Für junge Männer steht mit der ersehnten Volljährigkeit auch ein gefürchteter Termin ins Haus: die Musterung. Auch wenn längst nicht mehr alle 18-Jährigen eingezogen werden, heißt die Alternative für viele immer noch: Zum Bund gehen oder Zivildienst leisten. Eine andere Möglichkeit dagegen ist weniger bekannt: der so genannte Andere Dienst im Ausland (ADiA).

Der oft fälschlich als „Zivildienst im Ausland” bezeichnete ADiA umfasst solche Projekte im Ausland, die „das friedliche Zusammenleben der Völker fördern wollen”, so die offizielle Erklärung des Bundesamtes für den Zivildienst (BAZ) in Köln. Die sozialpraktische Komponente müsse dabei im Vordergrund stehen. Derzeit nehmen nach Angaben des BAZ von den rund 70.000 Ersatzdienstleistenden etwa 700 an ADiA-Projekten teil.

Ging es nach dem Zweiten Weltkrieg vor allem um Versöhnung, so verschiebt sich laut Heinz-Günter Dickel vom BAZ der Schwerpunkt des ADiA zunehmend in Richtung der „Schwellen- oder Drittweltländer”. So sorgt zum Beispiel ein ADiA-Projekt in Kenia für sauberes Trinkwasser. Ob als Kindergärtner im israelischen Kibbuz, als Streetworker in Mosambik oder bei der Arbeit auf einem peruanischen Schulbauernhof: Im Idealfall bietet der freiwillige Auslandsdienst den Teilnehmern die Chance, fremde Sprachen und Kulturen kennen zu lernen.

„Für mich hat dieser Dienst mein Leben verändert”, sagt Oliver Gräf, einer der Autoren des Buches „Zivi weltweit”. Als Sozialarbeiter in einer amerikanischen Waldorf-Schule habe er nicht nur ein besseres Englisch, sondern auch eine neue Perspektive gewonnen.

„In Zeiten der Globalisierung sind Erfahrungen, die der ADiA bieten kann, ein großer Schatz”, meint Johannes Zerger von der Aktion Sühnezeichen Friedensdienste (ASF) in Berlin. Die von evangelischen Christen gegründete Organisation entsendet schon seit 1958 Freiwillige in 13 Länder, um mit sozialen Projekten die Folgen des Nationalsozialismus durch Versöhnung zu mildern.

Die Begegnung mit fremden Kulturen oder mit Opfern von Weltkrieg und Holocaust verlangt den Teilnehmern jedoch auch viel ab - ebenso wie die Arbeit in sozialen Brennpunkten oder Einrichtungen für Behinderte. Wer sich für den ADiA entscheidet, müsse sich darüber im Klaren sein, dass es „hart” werden könne, sagt Heinz-Günter Dickel vom BAZ. „Urlaub ist das mitnichten.” So arbeiteten die Teilnehmer in Gebieten mit bisweilen erheblichen sozialen oder politischen Spannungen. Die Freiwilligen sollten aber auch lernen, nicht bei der ersten Schwierigkeit aufzugeben, sagt ASF-Sprecher Zerger.

Dickel betont, dass der ADiA kein Zivildienst sei, sondern eine freiwillige Leistung. Diese befreie zwar von der Pflicht, einen Dienst im Inland zu absolvieren - aber nur, wenn bestimmte Bedingungen erfüllt sind. Dazu gehöre, dass der anerkannte Kriegsdienstverweigerer noch vor seiner Einberufung zum Zivildienst beim BAZ nachweisen kann, dass er in ein ADiA-Projekt aufgenommen wurde. Dazu hat er allerdings nicht lange Zeit: Nicht nur, dass er bei Dienstantritt höchstens 22 Jahre alt sein darf, manche Projekte haben auch auf Grund der hohen Nachfrage zum Teil jahrelange Bewerbungsfristen.

Eine weitere Voraussetzung für den Auslandsdienst ist laut Dickel, dass sowohl das jeweilige Projekt als auch die Trägerorganisation vom BAZ anerkannt sind. Derzeit gelte das für 263 Organisationen, eine entsprechende Liste sei beim BAZ erhältlich. Wer sich für einen ADiA interessiert, muss zwei Monate länger dienen als ein Zivi - also mindestens elf Monate. Außerdem ist der ADiA in der Regel unentgeltlich. Manche Organisationen erwarten laut Dickel sogar, dass die Teilnehmer Spender anwerben, die sie unterstützten.

Orte, Tätigkeiten und Rahmenbedingen der einzelnen Projekte sind sehr verschieden. Manche anspruchsvollen Projekte erfordern auch Vorwissen, etwa Kenntnisse der jeweiligen Landessprache. Dickel rät daher, sich im Vorfeld genau zu informieren. Interessierte sollten sich in jedem Fall bemühen, rechtzeitig eine gute Bewerbung zu schreiben, empfiehlt Rabea Karthoff vom Verein „AFS Interkulturelle Begegnungen”, der ADiA-Projekte in sechs Ländern anbietet.

Auch Gräf rät Interessierten, sich ein Jahr im Vorfeld intensiv mit dem Thema auseinander zu setzen. Zwar kämen auf jede Stelle etwa zehn Bewerber, aber bei rechtzeitigem Engagement sei „alles möglich”.

Informationen und Liste mit den zugelassenen Organisationen beim Bundesamt für den Zivildienst, Telefon 0221/36734060; Literatur: Oliver Gräf, Jörn Fischer: Zivi weltweit, ISBN 3-86040-079-7, 15,90 Euro.