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Tokio: Junge Japaner suchen Zuflucht in Internet-Cafés

Tokio : Junge Japaner suchen Zuflucht in Internet-Cafés

Der junge Japaner betritt das Internet-Café am späten Abend mit einem Rucksack. Der 30-Jährige in der Großstadt Osaka ist jedoch nicht zum Surfen gekommen, sondern weil er keine Bleibe hat. Es ist „Night Pack” -Zeit: Ab 22.00 Uhr bekommt er für 1500 Yen (9 Euro) fünf Stunden lang eine Einzelkabine und kann die Dusche benutzen.

Er setzt sich in einen Sessel und deckt sich zu. Den Sitz verstellt er schräg nach hinten, sich Ausstrecken kann er nicht. „Was wird bloß aus mir”, erzählt der Japaner in der Zeitung „Asahi Shimbun”. Er ist einer von vielen jungen hilfsbedürftigen Menschen in japanischen Großstädten, die Zuflucht in Internet-Café suchen.

Viele von ihnen sind „Freeter”, eine Ableitung vom englischen „free” und dem deutschen „Arbeiter”. So werden in der zweitgrößten Wirtschaftsnation der Welt junge Leute genannt, die von einem Teilzeit-Job zum nächsten springen. Vor einigen Jahren sah mancher in ihnen noch Vorreiter der Befreiung der Jugend.

Statt sich ein Arbeitsleben lang an eine Firma zu binden, wollten sie sich mit verschiedenen Jobs weiterentwickeln und selbst verwirklichen. Heute jedoch ist unter vielen Job-Hoppern, die praktisch keine soziale Absicherung haben, Ernüchterung eingekehrt. Doch der Weg zurück in die Leistungsgesellschaft bleibt den meisten von ihnen verschlossen.

Inzwischen arbeitet jeder dritte Beschäftigte in Japan mit einem temporären Vertrag. Dies hat dazu geführt, dass immer mehr Japaner in einer relativen Armut leben. Bei Stundenlöhnen um 900 Yen (6 Euro) reicht das Geld für viele „Freeter” oft kaum zum Leben. Mancher leidet unter Depressionen oder an anderen Krankheiten. Wer nicht mehr arbeiten kann, verliert am Ende auch seine Wohnung. Zuflucht suchen viele Freeter dann in Internet-Cafés mit Übernachtungsmöglichkeit.

„Wir sind billiger als Saunen oder Kapsel-Hotels und bieten zudem extra Serviceleistungen wie kostenlose Getränke”, erklärt Hirohiko Kato in der „Asahi Shimbun”. Besonders in Großstädten registriert der Besitzer einer Internet-Café-Kette eine steigende Zahl an Übernachtungsgästen.

Stammkunden erkennt man an ihren großen Taschen. Von hier aus wenden sich manche per e-mail an Hilfsorganisationen mit Notrufen wie: „Ich gehe von einem Internet-Café zum anderen. Bitte helft mir!” oder „Ich kann so nicht mehr weiterleben”.

Viele der Hilfsbedürftigen hätten eine relativ geringe Bildung oder seien Schulabbrecher, so dass sie keine Chance auf eine feste Anstellung haben, erklärt Makoto Yuasa, Leiter der gemeinnützigen Organisation Moyai in der Zeitschrift „Spa”. Gemein sei diesen Menschen auch, dass sie keine Unterstützung von ihren Eltern bekommen und vom Sozialamt zurückgewiesen wurden. Es gibt gar Berichte, wonach Sozialämter vor dem Hintergrund überschuldeter öffentlicher Kassen Notbedürftige schon gedrängt haben, auf Sozialhilfe zu verzichten.

Nach einer Studie der OECD sind die Einkommensverhältnisse in Japan so ungleich verteilt wie in kaum einer anderen entwickelten Volkswirtschaft. Die Klassenunterschiede sind demnach heute ähnlich ausgeprägt wie in Großbritannien. Angesichts dieser Entwicklung wird in Japan derzeit eine Debatte über das zunehmende Einkommensgefälle geführt.

Der neue Ministerpräsident Shinzo Abe hat eine Politik der „zweiten Chance” für sozial Benachteiligte und junge Menschen angekündigt. Nach Ansicht von Makoto Yuasa von der Non Profit Organisation (NPO) Moyai sollte Japan statt einer Verteilungsdebatte jedoch besser eine Debatte über die wachsende Armut im Lande führen.