Internet-Trends können gefährlich sein: Beispiel Bird-Box-Challenge

#birdboxchallenge : Online-Mutproben zwischen Sinn und Irrsinn

In einem kurzen Clip, der in diesen Tagen durch das Internet geistert, rennt ein Mann mit zwei Kindern an seinen Händen mit verbundenen Augen durch ein Zimmer, bis das kleine Kind mit voller Wucht gegen eine Wand prallt. In ähnlichen Videos irren Menschen blind durch ihre Wohnung oder fahren sogar mit verbundenen Augen Auto.

Warum tun sie etwas so Blödsinniges? Inspiriert zu der Mutprobe hat sie der Thriller „Bird Box“ des Streamingdienstes Netflix, in dem Sandra Bullock mit einer Augenbinde um den Kopf vor einer dunklen Macht flieht. Die Videos der Nachahmer sammeln sich auf Instagram, Twitter und Facebook unter dem Hashtag #birdboxchallenge.

Netflix warnt auf Twitter

Teilweise gingen die Menschen in ihren Clips sogar so weit, dass Netflix selbst sich genötigt sah, eine Warnung auszusprechen. „Ich kann nicht glauben, dass ich das sagen muss: Bitte verletzt euch nicht bei dieser Bird Box Challenge“, hieß es auf dem Twitter-Account des Streaminganbieters. Und dennoch hat dieser gefährliche Hype auch einen positiven Nebeneffekt für Netflix: Nach eigenen Angaben wurde der Film allein in den ersten sieben Tagen von über 45 Millionen Nutzerkonten aufgerufen.

In den Sozialen Medien wird gelobt, geliebt, gestritten und gehetzt. Und immer wieder sind inmitten dieses Trubels in den vergangenen Jahren Mutproben entstanden, die einen ungeahnten Bann entfaltet haben. Den Anfang machte im Jahr 2014 die „Ice Bucket Challenge“. Die Herausforderung bestand darin, sich einen Eimer kaltes Wasser über den Kopf zu gießen und anschließend drei Menschen zu nominieren, die es einem innerhalb von 24 Stunden gleichtun sollten.

Die Teilnehmer filmten ihre Mutprobe und luden die Kurzclips bei Youtube hoch oder verschickten sie per Whatsapp oder Facebook an Freunde. Zehntausende, darunter Mark Zuckerberg, Bill Gates und Helene Fischer, machten mit. Wer herausgefordert wurde, aber sich verweigerte, war dazu aufgerufen, Geld für die Erforschung der Nervenkrankheit ALS zu spenden.

Doch so harmlos wie der eiskalte Wasserkübel sind die Aktionen schon länger nicht mehr. Mutproben wie die „Tide Pod Challenge“, bei der die Teilnehmenden auf Waschmittelkapseln bissen, sind sogar richtig gefährlich. Dutzende Jugendliche landeten mit Vergiftungen im Krankenhaus.

Zeitvertreib und Selbstdarstellung

Den eigenen Mut zu beweisen und sich dabei vielleicht sogar gesundheitlich zu schaden, liegt bei manchen dieser Internettrends in der Natur der Sache. Bei der „Choking Challenge“, die Medienberichten zufolge sogar Todesopfer forderte, fielen Menschen absichtlich in Ohnmacht. All das ist auf Video festgehalten und für alle sichtbar ins Netz gestellt worden. Bei der „Salt and Ice Challenge“ sollte ein Eiswürfel zusammen mit einer Prise Salz auf die Haut gelegt werden. Die chemische Reaktion führte bei vielen Teilnehmern zu heftigen Kälteverbrennungen auf der Haut.

Manche Wettbewerbe sind auch einfach nur zum Zeitvertreib oder zur Selbstdarstellung gedacht. Dazu gehören Tanz-Challenges wie der aus New York importierte „Harlem Shake“ oder die „Mannequin Challenge“, bei der man in einer reglosen Pose verharrt. Bei der „Plank Challenge“ tut man sogar noch was für die eigene Fitness, wenn man nach und nach die Zeit steigert, die man es schafft, einen Unterarmstütz zu halten.

Der Medienpsychologe Frank Schwab von der Universität Würzburg zeigt sich von solchem teils riskanten Verhalten allerdings wenig überrascht. „Früher sind junge Männer von einer Mauer gesprungen, um andere zu beeindrucken. Heute beißen sie eben auf Waschmittel-Kapseln“, sagt er. „Im Kern hat es diese schwer nachvollziehbaren Heldentaten schon immer gegeben.“ Es erinnere an Ini­tiationsriten alter Völker, die der Mannwerdung dienten. Durch das Internet und die Schnelligkeit der Verbreitung bekämen diese Fälle einfach mehr Aufmerksamkeit. Das sei das Neue daran – und auch das Beunruhigende.

Unkontrollierbare Gruppendynamik

So entwickle sich eine unkontrollierbare Gruppendynamik. „Einer fängt an, und alle Nachfolgenden versuchen, ihre Vorgänger noch zu überbieten. So kommt es zur Eskalation.“ Die Likes und das soziale Feedback durch Kommentare stachele noch zusätzlich an. Auch könne er sich vorstellen, dass es einige junge Männer beeindruckt habe, dass die Hauptfigur in „Bird Box“ eine Frau ist. „Sie könnten es als eine besondere Herausforderung sehen. Ganz nach dem Motto: Was die kann, können wir schon lange.“

Der Kommunikationswissenschaftler Jan-Hinrik Schmidt, der am Hamburger Leibniz-Institut für Medienforschung neue Öffentlichkeiten der Online-Welt erforscht, sieht das ganz ähnlich. „Man macht dort mit, um zu zeigen, dass man dazugehört“, erklärt er. Neben dem Gewinn von Informationen seien Selbstdarstellung und Beziehungspflege die wichtigsten Funktionen, die Soziale Medien für ihre Nutzer erfüllen. Von den herkömmlichen Mutproben, wie man sie seit langem vom Schulhof kennt, unterscheiden sich die Challenges dem Forscher zufolge hauptsächlich durch ihre hohe Reichweite. Er glaubt aber nicht, dass dabei mehr Menschen zu Schaden kommen als bei anderen Mutproben.

Die von der Landeszentrale für Medien und Kommunikation in Rheinland-Pfalz koordinierte EU-Initiative „Klicksafe“ warnt jedoch explizit nicht nur davor, die gefährlichen Experimente nachzuahmen, sondern macht auch auf die Wirkung der im Internet kursierenden Bilder und Videos von den Mutproben aufmerksam. „Bilder von Verbrennungen, Narben oder blutenden Wunden können bei Jugendlichen Hemmschwellen herabsetzen und schädigendes Verhalten stimulieren“, heißt es auf der Homepage.

Es wird geraten, riskante Internet-Challenges zu melden und sie keinesfalls im Freundeskreis oder öffentlich zu teilen oder anders weiterzuverbreiten. Auch Warnungen vor problematischen Wettbewerben und riskanten Aufforderungsspielen sollen nicht gepostet oder geliked werden, da dies die Verbreitung des Phänomens fördere.

Ganz vermeiden lässt es sich aber wohl auch in Zukunft nicht, dass Menschen sich für 30 Sekunden Aufmerksamkeit blaue Flecken holen oder giftige Stoffe einverleiben. „Das ist eben ein popkulturelles Phänomen“, sagt Jan-Hinrik Schmidt. Im Zweifel hilft nur: abwarten. Denn viel länger als ein paar Wochen hat sich noch kein Trend dieser Art gehalten.

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