Historikerin Andrea Wulf im Interview über Alexander von Humboldt

Andrea Wulf auf Humboldts Spuren : „Er wäre geschockt, wenn er den Zustand der Welt heute sähe“

Zwiespältige Persönlichkeit, prophetisches Wissen: Ein Interview über Alexander von Humboldt mit der Historikerin Andrea Wulf. Sie hat eine Biografie und eine Graphic Novel über den Naturforscher geschrieben.

Ein genialer Forscher, der andere Preuße, der Aufklärer, der Entdecker – die Rede ist von Alexander von Humboldt, der heute vor 250 Jahren geboren wurde. Mit der Historikerin und Humboldt-Biografin Andrea Wulf sprach Andrea Zuleger über Humboldts Persönlichkeit, sein Naturverständnis und seine Angst vor Umweltzerstörung, die ihn damals schon umtrieb.

Können Sie sich vorstellen, was Alexander von Humboldt heute zu Greta Thunberg sagen würde, wenn er sie träfe?

Andrea Wulf: Ich habe immer ein bisschen Probleme, historischen Personene die Sicht des 21. Jahrhunderts aufzustülpen. Was ich aber weiß, ist, dass Humboldt schon vor über 200 Jahren vor dem vom Menschen verursachten Klimawandel gewarnt hat. Ich kann mir vorstellen, dass er ziemlich geschockt wäre, wenn er den Zustand der Welt heute sehen würde. Was er direkt zu Greta Thunberg sagen würde, weiß ich nicht. Humboldt war kein Aktivist. Er hat Missstände – den Kolonialismus, wie die Spanier mit der Umwelt und mit indigenen Völkern umgegangen sind oder die Umweltzerstörung – zwar öffentlich angeprangert, aber er hat das meistens nicht in politisches Engagement umgesetzt. Vielleicht war er dafür zu sehr mit seiner Forschung beschäftigt. Aber er gab die Inspiration für andere.

Sehen Sie dennoch eine Verbindung zur heutigen Umweltschutzbewegung?

Wulf: Ja, denn Humboldt hat etwas Neues gemacht. Er hat die Wissenschaft mit dem Emotionalen zusammengebracht. An diesem Punkt hat die Fridays-for-Future-Bewegung für mich eine ganz große Nähe zu Humboldts Art, die Welt zu betrachten. Bis zu dieser Bewegung wurde die Diskussion des Klimawandels nur auf der Basis nüchterner Zahlen und trockener Statistiken geführt. Die Jugendlichen haben diese Diskussion um eine emotionale Dimension bereichert. Sie sprechen nicht nur von Zahlen, sondern von der Schönheit der Natur und von ihrer Angst, dass alles bald zu spät ist. Das finde ich ganz, ganz wichtig.

Humboldt hat also die Natur nicht nur als zu erforschendes Objekt betrachtet? Hat er als Wissenschaftler Intellekt und Intuition zusammengebracht?

Wulf: Genau. Auf der einen Seite hat er seine 42 Messinstrumente kreuz und quer durch Lateinamerika geschleppt. Er war wie besessen davon, die Welt zu vermessen. Gleichzeitig hat er gesagt: ‚Wir müssen die Natur fühlen, um sie zu verstehen.’ In meinen Augen fehlt das Fühlen in der Wissenschaft und in der Debatte um den Klimawandel. Die Proteste der Jugend sind ein Schritt in diese Richtung.

Das Buch „Die Abenteuer des Alexander von Humboldt“ (Bertelsmann) erzählt Humboldts Amerikareise von 1799 bis 1804 nach. Foto: C. Bertelsmann Verlag/dpa/dpa

War es das, was Sie an Alexander von Humboldt gereizt hat?

Wulf: Als ich angefangen habe zu recherchieren, war mir nicht klar, wie wichtig Humboldt als der vergessene Vater des Umweltschutzes ist. Auch die Verbindung von Kunst und Wissenschaft hatte ich zu Beginn nicht gesehen. Humboldt wurde doch als einer präsentiert, der sich nur seinen Messinstrumenten verpflichtet fühlte. Wie wichtig etwa die Freundschaft zwischen Goethe und Humboldt für beide Männer war, wusste ich bis dahin nicht. Da gab es viele Momente der Überraschung.

Welche Art Umweltzerstörung meinte Humboldt damals genau?

Wulf: Andres als andere Wissenschaftler, die die Natur in das enge System der Klassifizierung gepfercht haben, hat Humboldt die Natur als eine globale Kraft und ein zusammenhängendes Ganzes gesehen. Humboldt mit seiner Idee der globalen Klima- und Vegetationszonen schuf Zusammenhänge. Und er sah auf seiner Reise, wie der Mensch die Natur zerstört. Er war ja nicht nur in unberührter Natur unterwegs. Er ist auch durch bebaute und besiedelte Landschaften gekommen, hat riesige Plantagen, Dörfer und Städte gesehen und wie sie riesengroße Teile der Wälder zerstören. Dabei hat er die grundlegende Bedeutung der Wälder für das Ökosystem erkannt: dass die Bäume Wasser speichern, dass sie die Atmosphäre mit Feuchtigkeit anreichern, dass sie vor Bodenerosion schützen. Er sah an den Küsten Venezuelas, wie Perlenfischerei die Austernbänke zerstört; er hat beschrieben, welche Ödnis der Bergbau hinterlässt.

Wie hat er den Einfluss des Menschen auf die Umwelt zusammengefasst?

Wulf: Gesehen hat er das alles auf seiner Lateinamerika-Reise und dann nach seiner Rückkehr in Europa zusammengefasst. Er schrieb, dass der Mensch das Klima auf drei verschiedene Arten beeinflusst, durch Abholzung, durch künstliche Bewässerung und durch die großen Gas- und Dampfausstöße an den industriellen Zentren. Er ist da schon sehr, sehr prophetisch gewesen.

Zeichnungen von Tieren, Pflanzen und Menschen: farbig und in Sepia-Tönung. Das sind zum Teil Originalzeichnungen aus Humboldts Tagebüchern, angereichert mit vielen Illustrationen von Lillian Melcher, die von Humboldts Bildsprache inspiriert sind. Foto: zva/Andrea Wulf_ Illus aus dem Buch Alender von Humboldt C.Bertelsmann Verlag

Sie sind ja auch auf seinen Spuren gereist. Bei welchem Teil der Reise wären Sie gerne dabei gewesen?

Wulf: Wenn ich mir nur einen Moment nur aussuchen dürfte, wäre das der Aufstieg zum Chimborazo gewesen.

Wieso?

Wulf: Das war ein Schlüsselmoment seiner Reisen. Dieser Weg von Quito hinauf auf den Chimborazo war für ihn wie eine botanische Reise vom Äquator bis zu den Polen. Da hat er wirklich verstanden, dass es globale Vegetationszonen gibt, die sozusagen im Berg vertikal angeordnet sind. Das hat er auch nachher so gezeichnet. In gewisser Weise beruht unser Naturverständnis auf diesem Moment.

Und war ihm die Größe des Momentes damals klar?

Wulf: Ja, da bin ich mir sicher. Zunächst, weil man damals glaubte, dass der Chimborazo mit seinen fast 6300 Metern der höchste Berg der Erde sei. Humboldt war sich bewusst, dass er alle Höhenrekorde überwunden hatte. Danach hat er sich hingesetzt und sein berühmtes Naturgemälde mit dem Querschnitt des Chimborazo gezeichnet. Die ganze Reise läuft in diesem Punkt zusammen, weil sich hier alles zusammenfügt, was er in den vorherigen Jahren gesehen hat.

Sie haben ja nicht nur eine mit vielen Auszeichnungen bedachte Biografie geschrieben, sondern in diesem Jahr gemeinsam mit der Illustratorin Lillian Melcher noch eine Graphic Novel zu Humboldt veröffentlicht. Das Ereignis am Chimborazo ist hier als Aufklapptafel angelegt.

Wulf: Wir wollten, dass diese Schlüsselszene auch visuell als großer Moment deutlich wird.

Graphic Novels sind gerade beliebt zur Vermittlung von Wissen. Eignete sich Humboldt besonders für diese Erzählform?

Wulf: Auf jeden Fall! In seinen Werken und Manuskripten hat Humboldt die Kunst und die Wissenschaft zusammengebracht. Und als ich seine Tagebücher das erste Mal sah, war mir klar, dass ich noch ein weiteres Buch machen wollte.Bis Ende waren die Tagebücher in Privatbesitz, dann kaufte sie die Stiftung Preußischer Kulturbesitz. Ein Jahr später waren die ersten Seiten online verfügbar. Inhaltlich standen uns die Tagebücher zwar vorher zur Verfügung, aber als ich sie gesehen habe, mit all den vielen Zeichnungen, , wollte ich ein Buch machen, das seine künstlerische Seite zeigt. Humboldt benutzte das Visuelle, um seine Erkenntnisse zu verdeutlichen. Er ist eigentlich der Vater der heutigen Infografiken. Diese Idee, dass man Zusammenhänge grafisch darstellen könne, hat etwas damit zu tun, dass er Wissen demokratisieren wollte. Er wollte, dass alle Menschen Zugang zu Wissen haben.

Führen Sie diese Demokratisierung des Wissens weiter? Mit einer Graphic Novel erschließt man ja eine neue Leserschaft.

Wulf: Wir müssen Wissenschaft nicht nur auf eine Art und Weise vermitteln. Mit unserem heutigen Schulsystem werden wir der Sache nicht gerecht. Wir werden bereits mit sechs Jahren in die Kategorie künstlerisch-kreativ oder logisch-mathematisch sortiert. Ich habe neulich die Lichtenberg-Medaille von der Akademie der Wissenschaften in Göttingen bekommen. In dem Moment hätte ich am liebsten meine alten Physik-Lehrer angerufen und gesagt: ‚Ich kann nicht so dumm gewesen sein‘. Ich hatte immer schlechte Noten in den naturwissenschaftlichen Fächern, hing von Anfang an in der Kategorie künstlerisch. Ich war wirklich schlecht, aber ich glaube heute, dass es an der Art der Vermittlung lag. Das Buch habe ich auch gemacht, um zu zeigen, dass Wissenschaft anders aussehen kann: visuell, bunt, unterhaltsam und spannend. Und wenn man Humboldts Manuskripte sieht, weiß man, warum sich dieses Genre anbot. Er arbeitete collagenartig und klebte Zettel über Zettel. Seine Zeichnungen haben visuell einen so großen Reiz, dass es echt schade wäre, wenn sie nur Historiker sähen. Wobei mir eine ganz Sache wichtig ist: Die Graphic Novel ist keine Fiktion! Jedes kleinste Detail beruht auf Primärquellen und ist historisch belegt.

Sie sind bei Ihren Recherchen nicht nur Humboldts Arbeitsweise nahe gekommen, sondern auch seiner Persönlichkeit. Gibt es etwas, das Sie an ihm unausstehlich finden?

Wulf: Humboldt war eine sehr zwiespältige Persönlichkeit. Er hatte so eine Tendenz, ohne Punkt und Komma zu reden. Und je älter er wurde, desto mehr war er daran gewöhnt, dass er das Zentrum der Aufmerksamkeit war. Er war einfach der berühmteste Wissenschaftler seiner Zeit. Und er war manchmal so wie die älteren Herren, die ich heute öfter im Publikum habe: Sie stellen Fragen, die keine Fragen sind, sondern eher Referate. Humboldt gehörte wahrscheinlich auch in diese Kategorie. Aber natürlich hatte er wirklich viel zu sagen, war ein brillanter, intelligenter Redner. Aber wenn er jemanden nicht mochte, konnte er sehr, sehr unausstehlich sein.

Wulfs Biografie „Alexander von Humboldt und die Erfindung der Natur“ erschien 2016 im Bertelsmann-Verlag. Foto: dpa/Random House Bertelsmann

Was würden Sie Humboldt gerne fragen, wenn Sie ihn treffen könnten?

Wulf: Als Mensch, der in so vielen Disziplinen von Kunstgeschichte bis zur Biologie zu Hause war, würde ich ihn fragen, ob er ein paar Ideen hat, was man gegen die Zerstörung der Natur tun kann. Oder anders gesagt, ob er ein paar Ideen hta, was man gegen die Zerstörung der Natur tun kann. Und dann würde ihn fragen, ob er wirklich homosexuell war – weil ich das fast immer von meinem Publikum gefragt werde.

Wie hat er Frauen gesehen? Schaute er intellektuell auf sie hinab?

Wulf: Das würde ich nicht sagen. Dass er sich mehr mit Männern umgeben hat, hat auf der einen Seite mit seiner Homosexualität zu tun, andererseits waren Frauen in der Wissenschaft selten. Mit den wenigen, die es gab, hatte er Kontakt. Mit der britischen Wissenschaftlerin Mary Somerville hat er sich in London getroffen. Er hat mit der Astronomin Caroline Herschel korrespondiert. Er hat intensiv mit seiner Schwägerin Caroline von Humboldt geschrieben. Er war auf keinen Fall ein Frauenhasser.

Er war ja ein Mensch, der er keine Scheuklappen hatte. Machte ihn das liberaler, auch was Frauen anging?

Wulf: Ein wunderbares Beispiel dafür waren seine Kosmos-Vorlesungen in Berlin. Sie waren offen für alle, vom Dienstboten bis zum König. Damals hatten Frauen noch keinen Zugang zu Universitäten. Die Hälfte seines Publikums war weiblich.

Sie haben sich in den letzten zehn Jahren intensiv mit dem Mann beschäftigt. Heute wird er 250 Jahre alt. Ist es langsam an der Zeit, sich von ihm zu trennen?

Wulf: Ja (lacht). Es ist dann auch mal Zeit. Ich bin auch rastlos und beschäftige mich gerne mit neuen Themen, aber dieser Mann wird schon immer etwas Besonderes in meiner beruflichen Karriere bleiben, Humboldt hat mich mit all seinen Facetten, Abenteuern und seinem Wissen schon sehr fasziniert. Aber jetzt ist es bald an der Zeit, ein paar neue Freunde zu
suchen.

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