Historiker Klaus Schwabe über das diplomatische Ringen im Jahr 1919

Dem Frieden auf der Spur : Historiker Klaus Schwabe über das diplomatische Ringen im Jahr 1919

Vor hundert Jahren endete in Versailles jene Konferenz, auf der US-Präsident Woodrow Wilson (1856-1924) einen, wie der Aachener Historiker Klaus Schwabe es nennt, „demokratischen Frieden“ durchsetzen wollte.

Zum Schluss mussten die deutschen Abgesandten einen Friedensvertrag unterzeichnen, den ihr Land ablehnte, weil er allein den Deutschen die Schuld am Ersten Weltkrieg gab.  14 Jahre lang wurde in der Weimarer Republik erbittert darüber gestritten. Schwabe, dessen Buch zum Thema gerade erschienen ist, beantwortet dazu Fragen unseres Redakteurs Peter Pappert.

Wenn Staaten Kriege gegeneinander führen, diktiert der Sieger hinterher dem Besiegten seine Bedingungen. Sind so über Jahrhunderte Kriege beendet worden?

Schwabe: Nicht immer. Das alte Völkerrecht sah für Friedensverträge die Vereinbarung vor, Übereinstimmung zwischen Sieger und Besiegtem herzustellen und angetanes Unrecht gegenseitig zu vergeben. Das schloss harte Bedingungen für die Besiegten nicht aus. Aber beim Westfälischen Frieden 1648 gab es zum Beispiel einen Ausgleich zwischen beiden Seiten.

Der Erste Weltkrieg kostete neun Millionen Soldaten und sechs Millionen Zivilisten das Leben. Ging es den alliierten Verhandlungsführern im Frühjahr 1919 in Versailles darum, diesen Opfern gerecht zu werden?

Schwabe: Ja – vor allem Frankreich. Premierminister Georges Clemenceau verlangte einen „Frieden der Gerechtigkeit“. Das hieß: Wer Verluste erlitten hatte, musste entschädigt werden. Großbritannien und die USA sahen es im Prinzip nicht anders.

US-Präsident Woodrow Wilson wollte, wie Sie in Ihrem Buch schreiben, den internationalen Beziehungen eine neue Ordnung geben, die auf der Stärke des Rechts und nicht mehr auf dem Recht des Stärkeren beruhte. Wie realistisch war diese Vision?

Schwabe: Sie war im Moment des Waffenstillstands im November 1918 durchaus realistisch gewesen. Denn die gesamte Welt litt unter dieser Katastrophe. Überall war die Stimmung: nie wieder Krieg! Insofern war Wilson das Sprachrohr des kleinen Mannes. Er warb überall für sein Konzept, und man jubelte ihm zu. Die Linke vor allem in Frankreich und Italien stand auf seiner Seite. Die Regierungen in London, Paris und Rom waren aber eher rechts.

Und da stieß Wilson auf Widerstand?

Schwabe: Wilson hat sich bei den Verhandlungen in Versailles nur teilweise durchsetzen können. Sein Konzept einer Weltorganisation, die bei Konflikten automatisch vermittelt und in die nationale Souveränität eingreift, ist von seinen europäischen Alliierten nur unter Vorbehalt unterstützt worden.

War Wilson ein Idealist?

Schwabe: Ja, aber er verstand sich vor allem als Christ. Als sein Traum gescheitert war, sagte er: „Wenn ich den christlichen Glauben nicht hätte, würde ich verzweifeln.“

War Wilson die entscheidende Figur in den Versailler Verhandlungen?

Schwabe: Zweifellos. Denn er besaß die Deutungshoheit über die politische und moralische Grundtendenz des Friedens. Niemand traute sich, seinem Konzept grundsätzlich zu widersprechen.

Sie haben sich als Historiker jahrzehntelang mit Wilson befasst. Warum?

Schwabe: Weil mich genau diese Mischung aus Idealismus und politischer Wendigkeit immer fasziniert hat. Sein Scheitern in der Versailler Konferenz und vor allem danach im US-Senat, der den Vertrag nicht ratifizierte, war ein großes historisches Drama. Er war der allererste, der versucht hat, eine Gesamtkonzeption rechtlich geordneter internationaler Beziehungen zu verwirklichen. Was nach 1918 scheiterte, gelang nach 1945. Und wenn heute US-Präsident Donald Trump gegen den Internationalismus wettert, schimpft er geschichtlich gesehen auf Woodrow Wilson und dessen Erbe.

Wilson hat den Vertrag unterschrieben, der US-Senat hat ihn nicht ratifiziert. Warum?

Schwabe: Das war die große Katastrophe. Wilson hatte eigenartigerweise überhaupt nicht die innenpolitische Situation in den USA berücksichtigt, als er nach Versailles reiste. Die Republikaner – Wilsons Gegner – hatten bei den Zwischenwahlen 1918 in beiden Häusern des Kongresses die Mehrheit gewonnen. Der Senat musste dem Vertrag mit Zwei-Drittel-Mehrheit zustimmen. Es war also unbedingt nötig, die Republikaner mit ins Boot zu holen. Wilson war davon ausgegangen, dass nach dem Sieg der USA im Krieg niemand gegen diesen Frieden stimmen könnte – egal ob Demokrat oder Republikaner. Er war sich wie ein Prophet seiner Sache zu sicher.

Warum lehnten die Republikaner den Versailler Vertrag ab?

Schwabe: Da brauchen Sie sich nur anzusehen, was Trump heute sagt: „America first“. Diesen Ausdruck gab es vor hundert Jahren zwar noch nicht, aber es ging darum, dass Amerika Abstand hielt zum Chaos und den Händeln der übrigen Welt. Es gab Isolationalisten, die pazifistisch gesonnen waren, und Nationalisten, denen es – „America first“ – nur um US-Interessen ging und die zum Beispiel auch für einen harten Frieden mit Deutschland eintraten.

Was Trump heute tut, ist also nicht so neu?

Schwabe: So neu ist das nicht; nur dass er einen dümmlich-brutalen Charakter besitzt. Die Parole „America first“ ist in den 30er Jahren geprägt worden.

Welche Rolle spielte in Versailles die Angst vor dem sowjetischen Kommunismus?

Schwabe: Das ist eine Schlüsselfrage. Es ging in Versailles in erster Linie um eine Eindämmung Deutschlands; das war das Hauptthema. In London, Paris und Washington gab es aber auch den Alptraum, dass sich die Deutschen mit den Russen verbündeten. Deutsches Knowhow und Russlands unerschöpfliche Ressourcen wären eine Macht gewesen, gegen die nicht anzukommen war. Die Alliierten wollten mit dem Sowjetregime nichts zu tun haben.

Welches Hauptziel hatte Frankreich bei den Friedensverhandlungen?

Schwabe: Die Eindämmung der riesigen Wirtschafts- und Militärmacht Deutschland. Der deutsche Nationalstaat blieb ja nach dem Krieg erhalten. Dessen Potenzial einhegen und kontrollieren zu können, war das sehr verständliche Ziel Frankreichs, das den verheerenden Krieg vier Jahre lang im eigenen Land erlitten hatte.

Welches Ziel verfolgte London in Versailles?

Schwabe: Premierminister David Lloyd George war Imperialist, der Wert legte auf ein Gleichgewicht in Europa und darauf, die imperiale Stellung seines Landes im Mittleren Osten auszubauen. Er hatte die Idee einer Brücke von Europa nach Indien unter britischem Einfluss.

Deutschland wollte sich 1919 nicht als der Kriegsschuldige bezeichnen lassen. War das berechtigt?

Schwabe: Das ist die große Frage nach der Kriegsschuld. Die Alliierten argumentierten, Deutschland habe den Krieg aus verbrecherischen Motiven heraus begonnen. So steht es in der berühmten Mantelnote am Ende der Versailler Verhandlungen, und es war die einhellige Meinung in Politik und Gesellschaft dieser Länder. Unter Historikern hat sich mittlerweile die Vorstellung einer abgestuften Verantwortung für den Krieg durchgesetzt. Es spricht manches dafür, dass der höchste Grad der Verantwortung bei Deutschland lag. Ich selbst bin überzeugt, dass Österreich-Ungarn die größte Verantwortung trug. Die Donaumonarchie hatte den Krieg gegen Serbien vom Zaun gebrochen.

Deutschlands Forderungen nach Vertragsänderungen beantworteten die Alliierten mit der Aussage, Deutschland habe mit dem Krieg 1914-18 ein „Verbrechen gegen die Menschlichkeit begangen“. War das berechtigt?

Schwabe: Beim Ausbruch des Ersten Weltkriegs waren alle Seiten – Mittelmächte, Westmächte und das Zarenreich – davon überzeugt, dass der jeweils andere die Schuld trage. Alle waren überzeugt, einen „heiligen Verteidigungskrieg“ zu führen. Bis zum Ende des Krieges hat sich kein Beteiligter von dieser Vorstellung gelöst. Aus volkspsychologischer Sicht konnte es über die Kriegsschuldfrage keine Einigung geben. Aus heutiger Sicht ist die Vorstellung einer „verbrecherischen Schuld“ falsch; sie trifft für keinen der beteiligten Staaten zu. Krieg galt damals als legitimes Mittel der Außenpolitik; das vergisst man heute oft. Er war noch nicht geächtet; das kam erst später.

Die Verantwortlichen aller politischen Seiten in Berlin haben lange gezögert, den Versailler Vertrag zu unterschreiben. Letztlich blieb der deutschen Regierung aber nichts anderes übrig. Welche Konsequenzen hätte die Alternative, nicht zu unterschreiben, für Deutschland gehabt?

Schwabe: Die damalige Hoffnung der vielen Gegner des Vertrages war, dass die Alliierten mit einer Besetzung Deutschlands und einem passiven Widerstand der Deutschen überfordert wären und dass sie sich deshalb im Falle einer Verweigerung der deutschen Unterschrift doch noch auf bessere Bedingungen einlassen würden. Diese Hoffnung war aber eine Illusion.

Warum?

Schwabe: Die Alliierten waren zwar in vielen Fragen zerstritten, aber darin einig, dass die deutsche Unterschrift notfalls militärisch erzwungen werden müsste. Nicht zuletzt deshalb waren erhebliche US-Einheiten in Europa geblieben. Die Alliierten waren bereit, in Deutschland einzumarschieren. Und es gab konkrete Pläne, mit einzelnen deutschen Bundesstaaten Friedensverträge abzuschließen. Der deutsche Minister Matthias Erzberger (1875-1921) warnte davor, dass das Deutsche Reich zerbreche, wenn nicht unterschrieben werde. Seine Einschätzung halte ich nach intensiven Recherchen für richtig. Trotz einiger Abtretungen blieb der deutsche Nationalstaat zudem erhalten.

Der Versailler Friedensvertrag hat sich letztlich nicht als realitätstauglich erwiesen. Sie vertreten in Ihrem Buch die These, er sei nicht von vornherein zum Scheitern verurteilt gewesen. Warum?

Schwabe: Man konnte hoffen, dass sich die Deutschen im Laufe der Zeit mit den Gebietsabtretungen abfinden würden. Der Frieden an sich war ein hohes Gut. Bleibt die Frage der Reparationen; deren Bestimmungen waren aber flexibel.

Der US-Diplomat und Historiker George F. Kennan schrieb noch 1984, die „Rachsucht der britischen und französischen Friedensbedingungen“ habe dem Nationalsozialismus und einem weiteren Krieg den Boden bereitet. Der Zweite Weltkrieg sei das Ergebnis „des dummen und demütigenden Straffriedens“.

Schwabe: Der Meinung bin ich nicht. Es gab keinen Automatismus von Versailles zu Hitler. Es gab eine gewisse Rachsucht der Alliierten, weil sie eben vom „verbrecherischen Charakter der deutschen Kriegsschuld“ überzeugt waren. Die wirkliche Buße hätte aber darin bestanden, Deutschland als Nationalstaat auszuradieren. Das hat man nicht getan. Neben den machtpolitischen Interessengegensätzen gewann die moralische Kriegsführung beider Seiten immer mehr Bedeutung. Der Historiker Gerd Krumeich hat das den „Krieg in den Köpfen“ genannt; der ging immer weiter. Und er wurde von der Rechten und der extremen Rechten in Deutschland instrumentalisiert.

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