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Landleben-Debatte: Gerechtigkeit für einen gemeuchelten Hahn

Landleben-Debatte : Gerechtigkeit für einen gemeuchelten Hahn

Ein Franzose beklagt die Ermordung seiner Hahnes. Dem Nachbarn war das Krähen zu laut. Der Fall befeuert bei unseren Nachbarn die Debatte über Zukunft des Landlebens.

„Erst hat er auf das arme Federvieh geschossen und es dann mit einer Eisenstange totgeschlagen“, klagt Sébastien Verney. Die Empörung Verneys über die „barbarischen Ermordung“ seines Hahns Marcel ist so groß, dass er nicht nur Anzeige gegen den mutmaßlichen Täter erstattete, sondern auch eine von bereits mehr als 80.000 Menschen unterzeichnete Online-Petition lancierte, in der er Gerechtigkeit für seinen Gockel einfordert.

Verney lebt mit Frau und Kindern in dem kleinen Dorf Vinzieux im südostfranzösischen Département Ardèche. Marcel seinerseits, der im Hinterhof über sechs Hennen wachte, war der Liebling der Familie. Aber einem Nachbarn, der die Ende Mai verübte Tat inzwischen gestanden hat und sich im Dezember vor Gericht verantworten muss, krähte Marcel zu oft und zu laut. Jedenfalls begründete er so den Gockelmord im Polizeiverhör.

„Ich kann das einfach nicht begreifen“, schimpft Verney. Zum einen, „weil wir hier auf dem Land wohnen, wo nun einmal Hähne krähen“. Zum andern hätte sich der Nachbar, den Verney auch der versuchten Vergiftung seines Gemüsegartens verdächtigt, nie über Marcel beschwert. „Wir hätten bestimmt eine einvernehmliche Lösung finden können.“

Verney geht es in seiner an den Landwirtschaftsminister Didier Guillaume gerichteten Petition nicht allein darum, dass der Mord an Marcel gesühnt wird. Er fordert die Regierung auf, das „Leben auf dem Land“ zu verteidigen. Immer öfter werde das „ländliche Glück“ von Verhaltensweisen beeinträchtigt, die niemand bestrafe. Verney und die Zehntausenden Unterzeichner fordern daher, dass Ruhestörungsklagen gegen krähende Hähne, bellende Hunde oder bimmelnde Kuhglocken grundsätzlich untersagt werden.

Erst im vergangenen Jahr sorgte ein Rechtsstreit um einen anderen französischen Hahn für Schlagzeilen. Ein Rentnerpaar hatte die in seiner Nachbarschaft wohnende Besitzerin eines Gockels namens Maurice vor Gericht gezerrt, weil dieser angeblich zu laut krähte. Den Prozess haben die Kläger am Ende verloren. Ganz unabhängig davon, wie das Strafverfahren gegen den Mörder von Marcel ausgehen wird, eigentlich sollte jedermann klar sein, dass man in Frankreich besser keine Hand an einen Gockel legt. Schließlich ist der Hahn das Wappentier. Und der gallische Hahn steht in dem Ruf, genauso stolz zu sein wie die Gallier.