Solingen: Gedenken an Opfer des Brandanschlags von Solingen vor 25 Jahren

Solingen : Gedenken an Opfer des Brandanschlags von Solingen vor 25 Jahren

Ein Verbrechen, das für mörderischen Fremdenhass steht und weltweit schockierte: Vor 25 Jahren zündeten Rechtsradikale in Solingen das Haus der türkischstämmigen Familie Genc an.

Fünf Mädchen und Frauen starben. Wenn am Dienstag der Opfer gedacht wird, geht der Blick zurück zu dem barbarischen Brandanschlag in Nordrhein-Westfalen und einer Serie von fremdenfeindlichen Ausschreitungen in den 1990er Jahren. Aber auch nach vorn: auf den aktuell weit verbreiteten Rassismus, auf Islam-Feindlichkeit und das eisige deutsch-türkische Verhältnis.

Vor dem abgebrannten Haus bekunden türkische und deutsche Bürger ihr Entsetzen. Foto: Roland Scheidemann/dpa

Das weibliche Oberhaupt der Opferfamilie, Mevlüde Genc, sagt: „Ich möchte meiner getöteten Kinder gedenken. Politisches will ich nicht dabei haben.” Doch die Gedenkfeiern in Solingen und Düsseldorf gelten nicht nur wegen der geplanten Ansprachen des türkischen und des deutschen Außenministers sowie der Kanzlerin als Politikum.

Ein Gedenkstein mit den Namen der Opfer steht vor dem Grundstück in der Unteren Wernerstraße. Foto: Oliver Berg/dpa

„Der Brandanschlag von Solingen ist zum Symbol für die rassistische Gewaltwelle der frühen 1990er Jahre geworden”, sagt der Düsseldorfer Rechtsextremismusforscher Fabian Virchow. Auch die Ausschreitungen im sächsischen Hoyerswerda 1991, die rassistischen Krawalle in Rostock-Lichtenhagen sowie der Neonazi-Brandschlag 1992 in Mölln in Schleswig-Holstein mit drei getöteten Türkinnen entsetzten. Dann kam Solingen. „Insbesondere die Morde von Mölln und Solingen hatten auch breite, entschiedene Gegenproteste zur Folge”, weiß Virchow.

Und es sei zu einem Umdenken in der Politik gekommen: „Schließlich haben die Sicherheitsbehörden nach Hunderten von Gewaltangriffen dann entschieden, solche nächtlichen Brandangriffe tatsächlich als Mord oder Mordversuche anzuklagen.” Vorher habe es auch aus der Politik „Verharmlosungen dieser rechten Gewalt” gegeben. Allerdings ging dem Experten zufolge zugleich die Strategie der rechten Brandstifter auf, mit Gewalt eine Änderung in der Asylpolitik zu erreichen: Das Asylrecht sei 1993 stark eingeschränkt worden.

Wie ist der derzeitige Stand? „Wir haben mit Islam-Feindlichkeit und einer latenten Türken-Feindlichkeit zu tun. Es gibt Gruppierungen, und mit der AfD nun auch eine Partei im Bundestag, die Türken und Muslime diffamieren”, erklärt Gökay Sofuoglu, Vorsitzender der Türkischen Gemeinde in Deutschland. Man habe Mevlüde Genc (75) - sie verlor zwei Töchter, zwei Enkelinnen und eine Nichte - wohl nicht richtig zugehört. Schon kurz nach dem Anschlag hatte sie zu Versöhnung und Freundschaft aufgerufen, großen Respekt geerntet und das Bundesverdienstkreuz erhalten.

Sofuoglu schildert: „Auch nach Solingen ist die rassistische Gesinnung sehr stark. Diese Unsicherheit, diese Angst nach der NSU-Mordserie ist bei uns Türkeistämmigen immer noch da.” Zwischen 2000 und 2007 hatte die Terrorzelle NSU („Nationalsozialistischer Untergrund”) mutmaßlich zehn Morde begangen, acht Opfer waren türkischstämmig. Der Prozess neigt sich dem Ende. Kanzlerin Angela Merkel (CDU) habe lückenlose Aufklärung versprochen, sagt Sofuoglu. Aber: „Das Gegenteil ist der Fall.” Merkel wird am Dienstag bei einer Gedenkstunde in Düsseldorf reden.

„Die türkische Gemeinde wartet darauf, dass die Politik sich vor uns stellt und sagt: Ihr seid unsere Bürger, wir sind für euch verantwortlich und schützen euch”, betont Sofuoglu. Es bedeute den Türkischstämmigen sehr viel, wer nach Solingen komme. Gut und richtig fände Sofuoglu einen Besuch von Bundesinnenminister Horst Seehofer (CSU) nach seiner Äußerung, der Islam gehöre nicht zu Deutschland: „Er könnte klarstellen, dass er für alle Bürger da ist und sich auch für die Sicherheit von Muslimen und Türkeistämmigen zuständig fühlt.”

Fest steht, dass Außenminister Heiko Maas (SPD) und sein türkischer Kollege Mevlüt Cavusoglu in Solingen sprechen werden. Seit Wochen schlagen die Wellen hoch, weil manche befürchten, Cavusoglu werde seinen Besuch für Wahlkampf zugunsten des türkischen Präsidenten Recep Tayyip Erdogan missbrauchen. Erdogan, der seit dem Putschversuch im Sommer 2016 rigoros gegen Kritiker vorgeht, will am 24. Juni wiedergewählt werden. Auch 1,4 Millionen Türken in Deutschland können ihre Stimme abgeben.

Die Solinger Polizei und die Stadt rüsten sich für einen Einsatz wie bei einem Staatsbesuch, dort werden auch Proteste gegen Cavosoglus Besuch erwartet. Man hoffe, dass ein Trauern „in Stille und Würde” nicht gestört wird. Der Gedenktag soll erst nachts enden, mit einem Marsch zur Unteren Wernerstraße 81, Schauplatz des Infernos vor 25 Jahren. Fünf Kastanien erinnern dort an die Opfer. Die vier rechtsextremen Täter wurden wegen Mordes zu Höchststrafen verurteilt. Sie haben diese inzwischen verbüßt.

Ein Vierteljahrhundert nach Solingen gehört laut dem Experten Virchow auch zur Wahrheit: Die Zahl der gewaltorientierten Rassisten und Rechtsextremen wachse seit Jahren. Fremdenfeindliches Gedankengut sei keineswegs selten. Verschiedene Erhebungen zeigten: In der Bevölkerung stimmten 30 bis 40 Prozent rassistischen Aussagen und Positionen zu.

(dpa)
Mehr von Aachener Nachrichten