1. Panorama

Den Haag: Fast ein Samba mit Beatrix

Den Haag : Fast ein Samba mit Beatrix

Beinahe hätte Königin Beatrix mit dem Bundespräsidenten Samba getanzt. Ihr rechter Fuß im blauen Stöckelschuh wippte schon verdächtig, auch die orange Krawatte von Horst Köhler geriet bedenklich ins Wackeln.

Aber selbst die Mächtigen müssen sich ja ans Protokoll halten. Und da war kein Samba-Tanz vorgesehen. Dabei hatte sich das Harald Nickoll insgeheim gewünscht. Als sich der 53-jährige Dirigent am Dienstagabend mit dem Aachener Kammerchor Carmina Mundi verbeugt, kann er dennoch sehr zufrieden sein. Ein Hauch von Karneval in Rio weht durch die Nieuwe Kerk in Den Haag, die rund 300 geladenen Gäste klatschen beschwingt. Und die Königin soll sogar ein Tränchen verdrückt haben.

Das deutsche Staatsoberhaupt hatte zum musikalischen Höhepunkt seiner dreitägigen Niederlande-Reise eingeladen - und auf die Bühne den Sieger des Bundeschorwettbewerbs 2006 gebeten. Der „Deutsche Meister” also als „Kulturmitbringsel in Köhlers Gepäck”, wie Nickoll sagt. Mit Humor nahmen er und die 39 Sänger auch den stressigen Tag, den das Protokoll im Zehn-Sekunden-Takt geplant hatte. Einige Eindrücke:

Schön klingen, gut aussehen: „Mit Birkenstocksandalen geht natürlich nicht”, das ist dem grauhaarigen Chorleiter klar. Schließlich singt Carmina Mundi seit 24 Jahren vor Publikum. Ganz in Schwarz, mit roten Schals für die Soprane und Altistinnen, mit roten Einstecktüchern für die Tenöre und Bässe. Trotzdem kommt der Hinweis vom Protokoll: Schuhe polieren nicht vergessen!

Nicht nur zwei Meter vor den Nasen der Staatshäupter zählt für Nicoll die Performance: gut aussehen, schön singen. Nicht nur Königin Beatrix in der ersten Reihe soll begeistert sein, auch Frau Düster in der letzten. Frau Düster war Fan der ersten Stunde, sie ist mit 93 gestorben, aber weiterhin bei jedem Konzert präsent: als Synonym für die Zuhörerin, die Musik nicht mit dem Kopf, sondern mit Herzen und Körper versteht.

Hohe Ansprüche also, noch im Bus wird geübt. Vor allem an der Aussprache der niederländischen Nationalhymne. Davon musste Nicoll dem Protokoll eine Probenaufnahme schicken. Nur ein Vokal wurde korrigiert - wohl auch dank Harrie van den Bergh. Der 55-Jährige ist „der Alibi-Holländer” im Chor. Nun geht er mit den Kollegen erneut „Wilhelmus van Nassouwe” durch.

Programm à la carte: Die junge Dame vom Protokoll des Auswärtigen Amts klammert sich bei der verspäteten Ankunft des Chors an ihr Handy und stöckelt im schwarzen Hosenanzug aufgeregt hin und her. Hunderte Mails hat sie mit dem Chorchef in den vergangenen Wochen ausgetauscht. Sonst bestimmt er, was gesungen wird.

Hier ist das etwas anders. Das Protokoll wünscht sich was: viel Renaissance und Romantik, auch Orlando di Lasso, der ist ja Flame, und Moderne - bitte sehr kurz! Trotzdem schafft es Nicoll, Gesänge der Welt - eben: Carmina Mundi - unterzubringen, die „verkrustete Klassik” lebendig und punkig zu präsentieren - besonders zusammen mit dem niederländischen Percussion-Ensemble Bloco Coringa.

Bei der Probe hebt der Chef des Protokolls den Finger: „Bin mal gespannt, wie Sie die Europahymne verhohnepiepeln!” Zur Samba-Version von „Freude, schöner Götterfunken” zeigen seine Mundwinkel zuerst nach unten, kurz danach singt er sogar mit.

Sicher ist sicher: Vier Silberringe in den Ohren, einer in der Augenbraue. „Wie kommst du damit an den Metalldetektoren vorbei?”, fragen die Musiker-Kollegen Sebastian, den 25-jährigen Sohn von Harald Nicoll. Sorgen vor der strengen Sicherheitskontrolle. Sie sind unbegründet. Ausweis vorzeigen reicht.

Auftritte und Abgänge: In der Kirche muss der Chor 15 Minuten auf dem Podest warten. Der Bundespräsident kommt sogar drei Mal. „Meine Damen und Herren, das ist nur provisorisch”, sagt er beim ersten Mal. Mit Eva Luise an der Seite schreitet er auf Nicoll zu, gibt ihm die Hand, bedankt sich bei den Sängern, „dass sie das mitmachen”. Lachen, Erleichterung. Dann kommt er für die Fotografen. Endlich auch mit der Königin im lavendelfarbenen Kleid. Eine Atmosphäre fast wie im Wohnzimmer. Nicoll weiß: Seine Sänger werden sich „herschenken”. „Das muss britzeln wie in der Pfanne!”

Plaudern mit den Mächtigen: Dass es gebritzelt hat, spüren die Sänger nach dem Konzert im Raum unter der Kirche. Für die Begegnung mit Köhler und Beatrix sind zehn Minuten vorgesehen, es werden zwischen Canapés und Crème brulée mehr als 30. Und die kompakten Anzug-Herren mit Knopf im Ohr halten sich dezent im Hintergrund.

„Es war unglaublich schön”, meint Ihre Majestät, Frau Köhler ist ebenfalls „begeistert”, „Prinz Pilsje” trinkt Weißwein, Maxima strahlt mit ihrem Glitzerkleid um die Wette, und der Herr Bundespräsident ist sehr neugierig. „Aha, einmal in der Woche Probe. Sie sind doch Profis, oder?” „Nein, alle Amateure - von der Sekretärin bis zum Physiker.” „Und CDs?” „Die durften wir leider nicht mitbringen, aus Sicherheitsgründen.”

Harrie van den Bergh hebt sein Bierglas und lächelt. Er durfte mit „seiner Queen” sprechen. So locker, so interessiert. „Das ist Holland, das sind wir.”

Nachspiel: Auf der Heimfahrt mischen sich niederländische und deutsche Hymnen mit Tivoli-Gesängen. Manche erzählen vom Gespräch mit der Königin. Sie höre Carminas Zugabe, das urdeutsche Volkslied „Guter Mond, du gehst so stille”, oft abends vor dem Einschlafen mit einem Glas Wein. Das habe ihr jetzt in der ersten Reihe gefehlt.

Die nächsten Auftritte in Aachen:

„Jetzt kann ich mich auf euch freuen!”, hat der Bundespräsident Carmina Mundi zugerufen. Denn am Sonntag, 28.Oktober, bei der Verleihung des Deutschen Umweltpreises im Aachener Eurogress, wird der Chor erneut vor Horst Köhler singen.

Davor ist er noch zweimal in Aachen zu hören: am Freitag, 12.Oktober, bei der „Nacht der offenen Kirchen”, 20 Uhr in St.Paul; am Mittwoch, 17. Oktober, 20 Uhr, im Alten Kurhaus.