Eurovison Song Contest 2019: Darum sollte man einschalten

Lordi, Peter Urban und Balladen aus Albanien : Warum man den ESC schauen sollte

Am Samstag heißt es wieder „Douze Points go to…“. Zum großen Finale des Eurovision Song Contest kündigt sich zudem ein Weltstar an. An diesem Abend geht es aber auch wieder um Geschichten, die nur der ESC schreibt. Darum sollte man spätestens um 21 Uhr einschalten.

Es beginnt mit Hühnergegacker und endet mit einem Aufruf an jeden, der nicht er selbst sein kann: „Ich bin nicht dein Spielzeug“, sang Netta Barzilai am 12. Mai 2018 auf der großen ESC-Bühne in Lissabon. Netta, die mit ihrem Lied „Toy“ für Israel an den Start ging, wollte mit ihrem Song all jenen Kraft geben, die nicht für sich selbst einstehen können und unterdrückt werden. Zwar trifft der Text auch auf die #MeToo-Bewegung zu, Netta will mit „Toy“ aber auch jenen eine Stimme geben, die „Probleme haben, sie selbst zu sein.“ Mit dieser emotionalen und auch politischen Note traf Netta den Zeitgeist und gewann auch durch ihren energiereichen Auftritt.

Viele der diesjährigen Teilnehmer treten auch mit Liedern an, die etwas bewirken sollen und eine Geschichte erzählen. Der 18-jährige Belgier Eliot ruft beispielsweise zum kollektiven Aufwachen und zum Kampf für „etwas Großes“ auf. Wenn es nach Zala & Gašper aus Slowenien geht, soll man Ängste und Schwächen akzeptieren und seinen eigenen Weg finden. Joci Pápai aus Ungarn singt, wie schon Michael Schulte 2018, von seinem Vater und Oto Nemsadze aus Georgien will Grenzen überwinden. Der eigentlich unpolitische Eurovision Song Contest bezieht immer mehr Stellung, nicht nur durch Botschaften in Liedern. Von den oben genannten konnte sich im Übrigen nur das Gespann aus Slowenien für das große Finale am Samstag qualifizieren.

Doch keine Sorge, auch ESC-typische Lieder sind dabei. Wie etwa der Song aus San Marino, der, Überraschung, mal nicht von Ralf Siegel komponiert wurde. Vielmehr singt oder eher spricht der 54-jährige Türke Serhat für den Kleinstaat. Sein Lied „Say Na Na Na“ soll uns dazu bringen, vieles lockerer zu sehen. Auch die tschechische Band Lake Malawi begeisterte das Publikum mit ihrem Feel-Good-Song „Friend of a Friend.“ Und da sind wir auch schon bei einem Grund angelangt, warum man den ESC gucken sollte.

Lieder zwischen Lachflash und Gänsehaut

An einem typischen ESC-Abend durchläuft man eine Achterbahn der Gefühle. Man möchte weinen, tanzen, lachen, mitsingen, staunen. Was die Zuschauer beim Song Contest geboten bekommen, ist eine Reise durch die Musikkultur Europas – und durch Teile Asiens und Australiens. Lockere Party-Songs aus Spanien, anstrengende Balladen in Muttersprache aus Albanien, komische Lieder aus San Marino oder Island, Welthits aus Skandinavien und irgendetwas großartiges aus Moldawien. Jedes Jahr gibt es dabei mindestens ein Lied, das den ESC-Charme verkörpert. Ein traditionelles Outfit mit einem Lied in der Muttersprache, vorgetragen von einem Männerchor aus Kroatien, beispielsweise.

Doch eins ist sicher: Egal mit welchem Lied jemand auftritt, das Publikum wird ihn oder sie dafür feiern. Es gibt wenige Veranstaltungen, bei denen das Publikum so einfühlsam ist und gleichzeitig so viel Stimmung macht. Ein nächster Grund, den Eurovision Song Contest zu schauen. Es macht einfach Spaß, den positiv verrückten Leuten vor der Bühne zuzuschauen. Doch nicht nur die Fans vor Ort sorgen für gute Stimmung. Auch die, die uns jedes Jahr, egal bei welchem Wetter, um 20.15 Uhr an der Reeperbahn in Hamburg und zusammen mit Barbara Schöneberger auf das Finale einstimmen. Während bei jedem Public-Viewing der deutschen Fußball-Nationalmannschaft im Anschluss an eine 0:5 Niederlage nichts mehr los wäre, feiert das ESC-Publikum auch bei einem letzten Platz für Deutschland bis in die Morgenstunden. Es ist egal wie wir abschneiden, hauptsache man hat Spaß. Deshalb fühlte sich der vierte Platz von Michael Schulte 2018 auch wie ein Sieg an. Eine Genugtuung für jeden ESC-Fan.

Lordi, Epic Sax Guy und Stefan Raab

Neben den unfassbaren Fans und der musikalischen Reise durch Europa, Asien und Australien gibt es da noch die Geschichten, die nur der ESC schreiben kann. Da wäre einerseits Stefan Raab zu nennen. Der erreichte mit dem Lied „Wadde hadde dude da?“ beim ESC 2000 den fünften Platz und ist seitdem Kult – in Deutschland und beim Eurovision-Publikum. Sein unbändiger Siegeswille ermöglichte auch den Sieg von Lena Meyer-Landrut.

Der Saxophonist der moldawischen Gruppe Sunstroke Project erlangte mit seinem Solo fast schon weltweite Bekanntheit. Ein Loop dieser Szene, gestreckt auf zehn Stunden, hat unter dem Namen „Epic Sax Guy“ über 30 Millionen Aufrufe bei Youtube und wird immer noch als Meme benutzt.

Die russischen Babuschkas, die auf der Bühne Brot backen und jeden dazu auffordern, doch endlich zu feiern, würden so in der Form auch nirgendwo anders auftreten können: Vor einem 100-Millionen-Publikum und beim größten Musik-Wettbewerb der Welt.

Die ukrainische Teilnehmerin Verka Serduchka, gespielt vom ukrainischen Popsänger Andrij Danylko, gelangte seit ihrem Auftritt 2007 in Helsinki große Bekanntheit, auch außerhalb des ESC-Kosmos.

Die Rockgruppe Lordi aus Finnland wird wohl auf ewig mit dem ESC in Verbindung gebracht werden und auch am Häufigsten. Als zum Leben erwachte Gruselkreaturen begeisterten sie 2006 mit ihrem Song „Hard Rock Hallelujah“ sowohl Publikum als auch Jury. Die Mischung aus Rammstein und Geisterbahn gibt es eben nur beim Eurovision Song Contest.

Auch in den vergangenen Jahren wurde wieder Geschichte geschrieben: Ein Mann mit Bart, der sich als Frau fühlt, tritt im Abendkleid und unvergleichbarer Stimme mit einem James-Bond-Song auf. Mit diesem Sieg verdeutlichte Conchita Wurst 2014 die Offenheit des ESC-Publikums gegenüber LGBTQ-Themen.

Peter Urban – Dieter Bohlen mit Niveau

Was natürlich nicht fehlen darf, ist die personifizierte Stimme des Eurovision Song Contest, Peter Urban. Wenn er den Musikantenstadl kommentieren würde, würde ich auch den schauen. Seit 1997 schafft er es einerseits, mit fachlicher Kompetenz die Lieder und Sänger einzuordnen und auch mit seiner trockenen Art den ein oder anderen Lacher zu erzielen. Wenn er zum Beispiel den Auftritt der Isländer mit einer „SM-Modenschau“ vergleicht oder das slowenische Paar als „schüchterne Krankenpfleger beim ersten Mittagstee“ beschriebt, geht jedem ESC-Fan das Herz auf.

Seit über 20 Jahren kommentiert Peter Urban den ESC. Und das, obwohl er eigentlich schon im Ruhestand ist (Archivbild). Foto: Andreas Arnold

Man kann in vielleicht ein wenig mit Dieter Bohlen vergleichen. Immer einen lockeren Spruch oder Seitenhieb auf den Lippen. Doch anders als der DSDS-Juror bleibt Urban sich treu und greift nicht unter der Gürtellinie an. Ein Dieter Bohlen mit Niveau.

Die Gute-Laune-Veranstaltung

Wenn man den Eurovision Song Contest mit einem Wort beschreiben müsste, es wäre „Spaß“. Alle dort erleben eine Zeit voller Freude, Emotionen und guter Laune: Sänger, Moderatoren, Kommentatoren und Zuschauer. Wer gerade traurig ist oder eine schwere Zeit durchmacht, sollte den ESC schauen. Man wird knapp vier Stunden gut unterhalten und kann die Außenwelt für eine Weile vergessen.

Der ESC wird auf der ganzen Welt gefeiert. Die Amerikaner sind vermutlich neidisch, dass sie nicht dabei sind, und die Australier sind so treue Fans, dass man ihnen vor ein paar Jahren einen Platz zugesichert hat. Dort muss man gegen 5 Uhr aufstehen, um das Finale zu schauen. Weltstars wie Justin Timberlake oder aktuell Madonna promoten beim ESC neue Songs oder ein neues Album. Es gibt eben keine größere Musikshow als den Eurovision Song Contest. Wer jetzt nicht einschaltet, ist selbst schuld.

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