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Berlin/Hamburg: Es duftet und leuchtet: Wie Supermarkt-Kunden verführt werden

Berlin/Hamburg : Es duftet und leuchtet: Wie Supermarkt-Kunden verführt werden

Seit vielen Monaten schon steigen die Lebenshaltungskosten: Brot, Benzin und Milch sind zum Beispiel vielfach teurer geworden - und die Inflationsrate erreicht zurzeit jeden Monat einen hohen Stand.

Wer beim Einkauf nichts zu verschenken hat, muss deshalb noch genauer kalkulieren. Der Handel dagegen versucht mit ausgeklügelten Methoden, die Kauflust zu steigern - selbst im Supermarkt um die Ecke.

Viele dieser Tricks nimmt der Verbraucher gar nicht wahr. Dabei helfen einfache Gegenmaßnahmen, den Verführungsmethoden entgegen zu wirken.

Sehen, riechen, fühlen

„Das läuft unbewusst ab”, sagt Werner Warmbier aus Berlin, der über die Verführungskonzepte des Handels ein Buch geschrieben hat. Zwei Drittel aller Käufe werden unbewusst getätigt, schätzt Warmbier, früher Marketing-Professor an der Fachhochschule Osnabrück.

Sehen, riechen, fühlen - werden die Sinne angesprochen, greifen Konsumenten eher zu, und Bilder von Äpfeln, Pfirsichen oder Limetten auf Erfrischungsgetränken suggerieren Frucht, Frische und „bessere Qualität”.

„In Wirklichkeit enthalten die Getränke aber oft keinen Tropfen Fruchtsaft, sondern Aromen”, sagt Silke Schwartau von der Verbraucherzentrale Hamburg - dafür seien die Preise „saftig”. Wer es günstiger haben will, mischt besser selbst Wasser mit Fruchtsaft.

Genauer hinsehen sollten Verbraucher auch bei Produkten mit verkaufsfördernden Hinweisen wie „Gesundheit”. Und nicht immer sei „Diät” drin, wo das Wort draufsteht: Für Süßigkeiten oder Chips werden Schwartau zufolge oft Fett- und Zuckerwerte auf unrealistische Miniportionen heruntergerechnet. Oft machen solche Waren dann nur den Geldbeutel schlank.

Ausnahmsweise mal ganz genau nachrechnen

Das Nachrechnen lohnt sich nicht nur bei den Kalorien, sondern auch bei Sonderangeboten. So sei ein Dreierpack Joghurt im Angebot zu 1,49 Euro um 14 Cent teurer als drei einzelne Becher zu je 45 Cent.

Bei unterschiedlichen Packungsgrößen bringt der Vergleich des Grundpreises auf Basis von 100 Gramm oder einem Liter Klarheit. Diese Angabe ist am Warenregal angebracht. „Nicht von voluminösen Packungen täuschen lassen”, raten Verbraucherschützer.

Für die Auswahl nehmen sich aber nur wenige die nötige Zeit. Das Warenangebot nehmen Konsumenten in höchstens 1,6 Sekunden wahr, sagt Winfried Batzke, Geschäftsführer des Deutschen Verpackungsinstituts in Berlin.

Deshalb seien augenfällige Verpackungen im Supermarkt der Standard. „Packungen für alle Lebenslagen”, laute ein Trend, sagt Batzke: „Bei Softgetränken gibt es große Flaschen für Familien, kleine Gebinde für Singles und zierliche Flaschen für die Gastronomie.”

Beim Bier sind darüber hinaus zum Grillabend passende Kästen und Partyfässer üblich - auch das verleitet viele zum Kauf von zu großen Mengen oder zu teureren Preisen.

Angesprochen fühlen sollen sich auch Sportler: Den Erdbeer-Drink aus der Kühltheke gibt es dann zum Beispiel als „Sportvariante” mit Deckelverschluss - praktisch zum Beispiel für Radfahrer unterwegs.

Und statt großer Dosen mit 500 Milliliter Kefir stehen für unterwegs auch solche mit 50 Milliliter Inhalt bereit. „Mit diesen Angeboten kann man neue Zielgruppen erschließen”, sagt Batzke.

Für Verbraucher lohnt sich aber auch hier das Rechnen, denn praktisch und bequem bedeutet nicht unbedingt günstig. So kann ein Six-Pack unter dem Strich teurer sein als sechs einzelne Flaschen mit mehr Inhalt.

Bestandteil der Kundenbeeinflussung sind auch angenehme Düfte. Das sogenannte Duft-Marketing soll an die fünf Prozent mehr Umsatz bringen.

„Kaffee, Brötchen, Bratwurst, und es macht "Zack"”, so beschreibt Werner Warmbier den Kauf-Reflex. Brötchenduft in Tankstelle animiert Autofahrer, spontan noch etwas Essbares mitzunehmen.

Durchdringendes Kaffee-Aroma

Ähnliches bewirkt durchdringendes Kaffeearoma. Packungen sind dafür bisweilen mit Ventilen versehen, damit der intensive Geruch ausströmen kann.

Mikrokapseln im Lack der Verpackung setzen aromatische Düfte frei, sobald irgendein Kunde Flaschen oder Dosen in die Hand nimmt, erklären die Experten.

Die erhoffte Reaktion lässt sich laut dem Verpackungsinstitut dann so beschreiben: „In der Nähe vom O-Saft-Regal bekommen Sie plötzlich Lust auf Orangensaft” - und schon landet die Ware im Einkaufskorb. Und im Autohaus verhelfen spezielle Sprays dem Gebrauchtwagen zum Geruch eines neuen.

Für Verbraucher gibt es nur ein Rezept, ihr Unterbewusstsein und Kaufreflexe unter Kontrolle zu behalten: Sie sollten sich klarmachen, dass die meisten Kaufentscheidungen unbewusst ablaufen.

„Dann wird man hellhöriger”, sagt Warmbier. Außerdem empfiehlt er, Einkäufe zu planen und der spontanen Kauflust „Ratio, Wollen und Überlegen” entgegenzusetzen.

Omas Einkaufszettel leistet dabei gute Dienste. Und vor dem Gang zur Kasse hilft die Prüfung, ob alle im Einkaufskorb liegenden Waren wirklich benötigt werden.

Testfragen können dabei helfen: „Wozu brauche ich das? Im Zweifelsfall lieber verzichten.” Sich Zeit zu nehmen ist nach Worten von Warmbier also ein geldwerter Vorteil. Denn wer es eilig hat, kauft unüberlegter: „Ratzfatz ist schlecht. Da ist man verraten und verkauft.”