1. Panorama

Hamburg: Erotischer Adventsmarkt „Santa Pauli” zum „Fest der Liebe”

Hamburg : Erotischer Adventsmarkt „Santa Pauli” zum „Fest der Liebe”

Kunstschneebedeckte Christbäume, Glühweinstände, von bunten Plakaten lächelt der Nikolaus: Auf den ersten Blick ein ganz normaler Weihnachtsmarkt. Wenn nur die Frau im schwarzen Lack-Outfit nicht von ihrem Partner an einem Hundehalsband durchs Budendorf geführt würde.

Und wenn der Nikolaus unter seinem weit aufgerissenen Mantel nicht nur Tanga und BH anhätte. Doch kein Wunder, schließlich befinden sich alle drei auf „Hamburgs geilstem Weihnachtsmarkt”. Und wo könnte der sonst sein als auf Sankt Pauli.

Zum dritten Mal seit 2006 scharen sich 25 Stände auf dem Spielbudenplatz zu „Santa Pauli”, dem etwas anderen adventlichen Treiben. Bunte Lichterketten machen das Rotlichtmilieu noch ein bisschen farbiger. Der Jagertee trägt hier den Beinamen „Bordsteinschwalbe”, und neckische Beschilderungen wie „Nymphomanin zum Mitreisen gesucht” lassen keine Zweifel an der Absicht aufkommen. Obwohl es das übliche Angebot an Kunsthandwerk gibt, sucht man Krippenfiguren und andere christliche Symbole vergebens. Am Olivenholz-Stand gibt es weder den Stall von Bethlehem noch einen einzigen Hirten, und auch die Glaskunst aus Fernost gibt sich ganz säkular. Ein rein kommerzieller Weihnachtsmarkt also?

„Andere Weihnachtsmärkte sind doch mindestens genauso kommerziell”, entgegnet Katharina Linke, Sprecherin des Spielbudenplatz-Beirats, dem vor allem Gewerbetreibende angehören. „Wir machen das eben Kiez-typisch als ,Fest der Liebe.” Entsprechend seien Öffnungszeiten und Art der Unterhaltung. So bleiben die Buden wochentags bis 23 Uhr, zum Wochenende sogar bis 1 Uhr nachts geöffnet. Und auch für Kinder wird etwas geboten: Sonntagnachmittags können sie Lebkuchenherzen verzieren oder am größten Weihnachtsbild der Welt mitmalen.

Später freilich, die Kleinen sollten längst im Bett liegen, schwebt ein nur dürftig bekleidetes Engelein über den mit Holzspänen bedeckten Platz. Dann drängen sich die Fans des Kult-Clubs FC Sankt Pauli am vereinseigenen Stand und trinken Glühwein aus schwarzen Totenkopfbechern. Nach den Heimspielen im Millerntor-Stadion um die Ecke ist hier die Hölle los, verrät die Verkäuferin fröhlich. Richtig zur Sache geht es allerdings im sogenannten „Ü-18-Bereich”. Im Zelt machen Erotikshows vom klassischen Strip bis zur Kür des schönsten Busens deutlich: Hier geht es wohl weniger ums Herz denn um die Hülle.

Pastor Sieghard Wilm will derlei aber nicht verteufeln. „Santa Pauli spielt eben mit den kiez-typischen Chiffren”, sagt der 43-jährige Seelsorger der evangelischen Kirche, die dem Viertel vor über 300 Jahren seinen Namen gab. Auch wenn „Santa Pauli” nicht dezidiert religiös sei, bringe es ein Stück Weihnachtskultur in die Amüsiermeile. Vor allem gefällt Wilm, dass hier Hamburger Musikern, Malern und Schriftstellern eine Plattform geboten werde. Die Kirche wolle die Menschen in „kritischer Solidarität” begleiten. „Wir leben nun mal in einem Stadtteil der Entgrenzung”, konstatiert der Theologe.

Auch sein katholischer Kollege Winfried Klöckner, Typ Seebär mit Hang zu hanseatischer Gelassenheit, sieht „Santa Pauli” eher unaufgeregt. „Die Leute versuchen auf Teufel komm raus, ihre Ware anzubieten”, meint der Pfarrer der katholischen Kirche Sankt Joseph, Große Freiheit 43. „Da muss ich als Kirche etwas Vernünftiges dagegen setzen.” Zum Beispiel den alljährlichen Adventsbasar, Andachten und Gottesdienste, zu denen auch viel „Laufkundschaft” in die schmucke Barockkirche kommt. Ein Weihnachtsmarkt mit erotischem Anstrich ist für den 65-Jährigen allerdings verkehrte Welt: „Da wird der Bock zum Gärtner gemacht.” Doch hält er es mit dem Patron seiner Kirche. „Den heiligen Joseph bringt so leicht nichts aus der Fassung.” Der lebte schon vor 2.000 Jahren mit einer ledigen Mutter zusammen.