1. Panorama

Berlin: Dr. Motte: „Habe mit Love Parade abgeschlossen”

Berlin : Dr. Motte: „Habe mit Love Parade abgeschlossen”

Am 1. Juli vor 20 Jahren zog die erste Love Parade durch Berlin. Parade-Gründer DJ Dr. Motte alias Matthias Roeingh erinnert sich im Interview an die Zeit, als Techno von der Musik einer kleinen, eingeschworenen Fan-Gemeinschaft zur weltweiten Massenbewegung wurde.

Im Jubiläumsjahr fällt die riesige Openair- Party zum dritten Mal in ihrer Geschichte aus. Dr. Motte denkt allerdings über die Gründung einer neuen Techno-Parade nach. „Ich bin schon locker dabei, das Projekt anzugehen”, sagte er.

In diesem Jahr gibt es keine Love Parade - stimmt Sie das traurig?

Dr. Motte: „Emotional habe ich mit der Love Parade abgeschlossen.”

Aber Sie denken darüber nach, eine neue Parade mit elektronischer Musik ins Leben zu rufen?

Dr. Motte: „Ich bin schon locker dabei, das Projekt anzugehen. Es könnte durchaus sein, dass das auch wieder in Form einer Parade sein wird, vielleicht auch wieder in Berlin. Es laufen vereinzelt Vorgespräche. Man muss mit der Clubkultur reden, der Wirtschaft und der Politik.”

Der Name Love Parade ist allerdings verkauft?

Dr. Motte: „Ja, der Name ist verkauft und verbrannt. Ein neuer Name wird sich dann finden.”

Mit welchen Gefühlen denken Sie an die erste Love Parade im Jahr 1989 auf dem Berliner Kurfürstendamm zurück?

Dr. Motte: „Damals waren wir etwa 150 Leute und wir waren alle ziemlich blauäugig. Wir standen im Nieselregen am Wittenbergplatz, dann kam die Polizei und forderte uns auf, endlich mal loszulegen. Wenn ich zurückdenke, dann denke ich an fünf Stunden Gänsehaut - mit der Musik, mit der wir mit drei kleinen Wägelchen über den Kudamm gefahren sind.”

Sie haben die erste Love Parade damals als Demonstration unter dem Motto „Friede, Freude, Eierkuchen” angemeldet. Was steckte da dahinter?

Dr. Motte: „Meine Vision war es, meine Ziele positiv zu formulieren. Frieden stand für Abrüstung, Freude für die Musik als neues Medium der Verständigung und Eierkuchen für die gerechte Nahrungsmittelverteilung auf der Welt. Das ist alles auch heute noch aktuell. Und Musik spricht alle Sprachen und überwindet alle Grenzen.”

Wie erklären Sie sich, dass die Love Parade zu so einer Massenbewegung wurde und die Teilnehmerzahlen mit mehr als 1,5 Millionen Ravern am Ende fast explodierten?

Dr. Motte: „Das liegt unter anderem daran, dass Techno und die Love Parade zu einer Einheit verschmolzen sind. Die Love Parade war der weltweite Feiertag der elektronischen Tanzmusik. Die gesamte Szene hat sich in Berlin versammelt.”

Was hat die Love Parade in der Gesellschaft bewegt?

Dr. Motte: „In den 90er Jahren gab es ein großes Medieninteresse und die Verbreitung der Idee getreu dem Motto Friede, Freude, Eierkuchen. Die Love Parade hat Werbung gemacht für diese friedliche Jugendkultur, die nichts wollte als sich selbst zu feiern und anderen die Freiheit zu geben, das gleiche zu tun.”

Aus welchem Grund haben Sie sich schließlich aus der Love-Parade- Organisation zurückgezogen?

Dr. Motte: „Ich habe mich von der Love Parade deshalb distanziert, weil sie verkauft wurde an eine Fitnesskette. Wir haben es leider nicht geschafft, unsere Inhalte in die Gesellschaft zu transportieren.”

In welchen Spielarten lebt Techno in den Clubs weiter - zum Beispiel auch in der einstigen Techno-Hochburg Berlin?

Dr. Motte: „Berlin ist mit seinem kleinen Konsens-Techno auf Minimal- Techno hängen geblieben. Da sieht man - radikal gesprochen - mehr Nägelkauer als DJs, Techno bedeutet Freiheit, ohne Dogma. Aber es ist gut, dass das Thema Techno nicht mehr so in den Medien ist und auch nicht mehr in den Charts. Denn das hatte mit dem Techno-Gedanken alles gar nichts zu tun.”

Was machen die einstigen Protagonisten der Szene wie zum Beispiel Marusha oder Westbam?

Dr. Motte: „Die machen alle weiter Musik!”