1. Panorama

München: „Diese Zirkusnummern sind der Untergang des Boxsports”

München : „Diese Zirkusnummern sind der Untergang des Boxsports”

Seniorensport, Rummelboxen, Mogelpackung - selten ist das Comeback eines Sportlers auf so viel Unverständnis und Skepsis gestoßen wie das von Henry Maske gegen Virgil Hill. Für Maske ist das neu.

Scharfen Gegenwind hat der einstige Box-Weltmeister mit dem Kampfnamen „Gentleman” in seinem früheren Sportlerleben nie verspürt. Im Gegenteil: Er war immer der umjubelte Champion, der Sympathieträger, der das in der Halbwelt angesiedelte Profi-Boxen aus der Schmuddelecke holte und in Deutschland salonfähig machte.

Maske war jedermanns Liebling, das Schwiegersohn-Modell par excellence. Er war Familien-Programm, er war gediegene Samstagabend- Unterhaltung wie „Wetten, dass”. Ganze Familien fanden sich vor dem Fernseher ein, wenn der frühere DDR-Spartakiadesieger in zwölf WM-Kämpfen demonstrierte, warum er als kühl berechnender Schachspieler im Ring galt. Nicht Haudrauf, nicht spektakulär, aber erfolgreich.

Doch die Vergangenheit lässt sich nicht zurückholen. Mittlerweile ist der „Gentleman” 43 Jahre alt, hat zehn Jahre nicht im Ring gestanden. Hill ist auch 43, boxte aber ohne Pause. Im Kampf um den vakanten WBA-Titel vor 14 Monaten hat der in 55 Profi-Kämpfen (50 Siege) gestählte Amerikaner den bis dato unbesiegten 13 Jahre jüngeren Russen Waleri Brudow in zwölf Runden klar bezwungen.

Gerüchte, dass Hill nun zu Gunsten einer opulenten Börse einen Kuhhandel über eine Niederlage eingegangen sein könnte, bezeichnet der Weltmeister als Schwachsinn. Jean-Marcel Nartz, Technischer Leiter im Hamburger Universum-Boxstall, schließt Manipulation ebenfalls aus: „Es ist zwar kein von der WBA sanktionierter WM-Kampf, verliert Hill jedoch, ist er seinen WM-Titel los. Das besagen die WBA-Regeln.” Den Gürtel würde dann Interims-Champion Brudow erhalten.

Maske indes hat nicht nur den Kampf, sondern seinen guten Ruf als Vorzeigeboxer zu verlieren. Welcher Teufel den Olympiasieger aus Treuenbrietzen geritten hat, nach zehn Jahren wieder ins Seilgeviert zu klettern, erschließt sich vielleicht nur seinen treuesten Fans. Triebfeder sei „das eitle Kind im eitlen Manne”, mutmaßt der ehemalige Box-Kommentator und Kabarettist Werner Schneyder. Und 1,5 Millionen Euro - Hill kassiert rund 1,2 Millionen - sind schließlich auch nicht zu verachten.

Dass ihn die Niederlage gegen Hill zum Abschluss seiner (ersten) Boxer-Laufbahn im November 1996 ein Jahrzehnt lang nicht habe schlafen lassen, klingt nach Grimms Märchen. Fakt ist: Der Olympiasieger liebte das Rampenlicht, genoss die Popularität. Im Leben nach dem Boxen steht er als Franchisenehmer von vier McDonalds-Filialen eher im Schatten. Die öffentliche Anerkennung fehlt weitgehend. „Henry war ein Superstar. Aber er ist in Vergessenheit geraten”, sagt Nartz und legt den Finger in die Wunde.

Beim übertragenden TV-Sender RTL reibt man sich die Hände. „Das wird ein Straßenfeger”, prophezeit Pressesprecher Matthias Bolhöfer. Zahlen mag er nicht nennen, aber 13 bis 15 Millionen TV-Zuschauer sollen es am Samstag (22.15 Uhr) schon werden. Maskes tränenreichen Abgang 1996 gegen Hill hatten 17,5 Millionen Menschen am Bildschirm verfolgt. „Das war die schlimmste WM, die ich je gesehen habe”, sagt Nartz. „Das war ein Nichtangriffspakt, beide sind keinerlei Risiko gegangen.”

Für die Neuauflage ahnt er nichts Gutes: „Die sind ja nicht schneller geworden. Aber vielleicht fighten sie ja mehr, weil sie nicht mehr flitzen können.” Weltmeistertrainer Fritz Sdunek graut es gar vor dem Kampf. „Auf Dauer sind diese Zirkusnummern der Untergang des Boxsports”, klagt Sdunek und meint, Maskes Problem sei seine Psyche. „Da war er nie stabil.”

Wenn 12.500 johlende Zuschauer in der Münchner Olympiahalle ein Spektakel fordern, muss Maske („Ich bin sehr ruhig, sehr optimistisch”) dem Druck standhalten und seinen Albtraum („Der erste Schlag von Hill trifft mich, und ich gehe k.o.”) besiegen. Axel Schulz schaffte das nicht. „Time To Say Goodbye” sangen Andrea Bocelli und Sarah Brightman zum Abschied vor zehn Jahren. Kein schlechter Rat, sollte man meinen. Das scheint auch Sarah Connor zu finden. Ihr neues Lied für Maske: „The Impossible Dream” (Der unmögliche Traum).