1. Panorama

Berlin: Diener einer Herrin: Zu Besuch in der Machtzentrale Kanzleramt

Berlin : Diener einer Herrin: Zu Besuch in der Machtzentrale Kanzleramt

Es ist still in der Machtzentrale des Landes, um die in den nächsten Wochen der Wahlkampf tobt. Oben in der eleganten hellen Sky-Lobby - nahe dem Himmel über dem Berliner Regierungs- und Parlamentsviertel - wird auch jetzt, da die lautstarke Auseinandersetzung der Parteien um die Wählerstimmen anläuft, nur geflüstert.

Keiner der vorbei eilenden Herren im korrekt sitzenden Anzug und der Damen im angepassten Bürodress redet hier im siebten Stock in Hörweite der Kanzlerin in normaler Stimmlage.

Es herrscht ein spezieller Kanzleramts-Kammerton. Auch dann, wenn Angela Merkel an ihrem langen schwarzen Tisch in ihrem Büro nicht mit grünem Filzschreiber in ihren Akten kritzelt, sondern außer Haus ist. Selbst das Wägelchen, mit dem gerade zwei nett lächelnde Frauen Akten aus dem Kanzlerinnen-Büro abgeholt haben, rollt beinahe geräuschlos über den eigenartig türkisfarbenen Teppichboden, der mit der Farbe der Brüstungen und Rahmen der Riesenfenster abgestimmt ist. Das Gefährt gleitet geradezu vorüber.

Merkwürdig erscheint diese konzentrierte Ruhe im Vergleich zur Bedeutung des Amts. Es ist das Scharnier der Regierung. Ohne das Kanzleramt fällt in dieser Republik keine wichtige Entscheidung. Der selbstbewusste Bau am Rande des Tiergartens unterstreicht das. Er symbolisiert die Macht, die das Grundgesetz dem Kanzler gegeben hat. Die sandsteinfarbene Regierungsburg ist nicht von ungefähr fast auf den Meter genau so hoch wie der schräg gegenüber liegende Reichstag, der den Bundestag beherbergt.

Bis zur Erschöpfung werden viele in Union und SPD kämpfen, Heerscharen von Helfern unterwegs sein, damit Merkel hier weiter sitzen oder aber Herausforderer Frank-Walter Steinmeier einziehen kann.

Drinnen ist davon nichts zu spüren. Das Amt wirkt wie das berühmte Raumschiff, das durch Zeit und Raum schwebt. Das Gedämpfte, das Zurückgenommene wundert selbst manchen langjährigen Mitarbeiter. „Unruhe kommt hier nie auf”, sagt eine Mitarbeiterin, die mittlerweile vier Jahre hier ist. Die Macht wird leise und konzentriert ausgeübt.

Gegenüber der Kanzlerin, es sind vielleicht 50 Meter, hat der „Chef des Bundeskanzleramtes”, der direkte Vorgesetzte der rund 500 Mitarbeiter des Hauses, sein Büro. Es sieht aus wie alle Arbeitszimmer in dem Gebäude, einschließlich dem der Kanzlerin.

Die Schränke und der Schreibtisch in rötlich gebeiztem Buchenfurnier, Stühle und Sessel schwarz. Von allen Ministern sind Thomas de Maizière die vergangenen vier Regierungsjahre mit am deutlichsten anzusehen, obwohl der 55-Jährige gerade aus dem Urlaub zurückgekehrt ist. Auf dem Gruppenfoto nach der Vereidigung des Kabinetts Merkel 2005 hatte der Cousin des letzten DDR-Ministerpräsidenten Lothar de Maizière noch durchgehend dunkles Haar. Jetzt ist es grau meliert.

De Maizière ist Minister, aber anders als seine Kabinettskollegen ist er vor allem der erste Helfer der Kanzlerin. Seine wichtigste Aufgabe ist, wie die des gesamten Kanzleramtes, die Regierungschefin zu unterstützen, ihr zuzuarbeiten, zu dienen. Der Protestant, der um 8 Uhr ins Büro kommt und meist erst um 22 oder später das Haus verlässt, spricht von seinen Aufgaben und davon, dass Merkel und er sich mittlerweile fast blind verstehen.

„Wichtig ist, dass ich weiß, wie die Bundeskanzlerin entscheiden würde, wenn sie aktuell nicht entscheiden kann.” Was reizt ihn an einem solchen Stressjob? „Die total breite Aufgabenfülle”, grinst er. Und was nervt ihn an seiner Arbeit? „Genau dasselbe”, fügt er lachend hinzu. Verhandlungsnächte wie die um Opel genieße er beinahe schon. Da gehe es am Stück um ein Thema und nicht wie so oft um zehn Themen in einer halben Stunde.

Die Menschen in diesem Amt sind eine bemerkenswerte Mischung. Fest angestellt sind wenige, die Sekretärinnen, der vielbeschriebene Gärtner oder der ebenso oft porträtierte Koch, der Merkels Gästen vorzugsweise gute deutsche Hausmannskost wie Kohl-Rouladen oder Buletten serviert. Die Beamten im höheren Dienst - vom Referenten bis zum Abteilungsleiter - sind hier mehr oder weniger auf der Durchreise. Wie ihr oberster Chef oder ihre oberste Chefin sind sie nur Beschäftigte auf Zeit. Einige wurden von ihren Heimatbehörden abgeordnet, also ausgeliehen. Die meisten sind versetzt. Im Prinzip bedeutet dies, dass sie ständig in der Regierungszentrale bleiben können. Seit den 60er Jahren wird aber darauf geachtet, dass die Staatsdiener nach vier bis acht Jahren in ihren Heimathäuser zurückkehren.

„Es ist ein ständiges Kommen und Gehen”, beschreibt eine hochrangige Mitarbeiterin das Personal-Rotationsprinzip. „Man holt sich das Know-how aus den Häusern. Das Wissen wird ständig erneuert. Andererseits wissen die Ministerien durch die zurückgekehrten Mitarbeiter, wie das Kanzleramt tickt.” Ein doppelter Vorteil. Und wer einmal im Kanzleramt war, kann sich - wieder zu Hause - gute Hoffnungen auf eine Beförderung machen. Das mindert den Abschiedsschmerz, wenn man das Amt verlassen muss.

Das Kanzleramt ist die Champions League der Bundesverwaltung, aber - das wird immer wieder betont - keine Arena für Stars. De Maizière lebt das vor. Nach dem Regierungswechsel 2005 hätten Beamte, die vielleicht eher der SPD anhängen, für die neue Chefin loyal gearbeitet, sagen Merkels Leute. „Für alle ist es erst einmal egal, welcher Partei der Bundeskanzler angehört. Sie wollen, dass Deutschland gut repräsentiert wird”, ist zu hören. Wer Geschichten aus anderen Häusern kennt, wie ein neuer Minister manchmal mit dem alten Beamtenapparat kämpfen muss, kann dies kaum glauben.

Unten am Eingang - der Besucher betritt das lichtdurchflutete Gebäude ausgerechnet an der dunkelsten Stelle - trifft sich gerade eine Gruppe dieser speziellen Kanzleramts-Beamten-Kaste. Sie macht sich zu einer Beratung über die Lage an den Finanzmärkten auf, wie einer der Referenten fröhlich berichtet. An sich Sache des Finanzministeriums oder bestenfalls des Wirtschaftsministeriums, möchte man denken. Aber, wie immer, wenn es in der Bundesregierung spannend wird, ist auch das Bundeskanzleramt dabei. Das macht seine Macht aus. Und wenn jemand aus der Regierungszentrale kommt, dann ist sein Ansprechpartner im Ministerium eigentlich höher im Rang. So redet der Abteilungsleiter aus dem Kanzleramt in der Regel nicht mit seinesgleichen im Ministerium, sondern mit dem jeweiligen Staatssekretär.

„Wir sind keine Oberüberwachungsbehörde”, betont dennoch ein Beamter ganz oben in der Hierarchie. „Anders als Downing Street in London oder der Élysée in Paris.” Seinen Namen will er nicht genannt wissen. Auch das würde nicht zur Diskretion passen, die hier herrscht. Er holt das Grundgesetz vom großen Schreibtisch und zitiert: „Der Bundeskanzler bestimmt die Richtlinien der Politik und trägt dafür Verantwortung. Innerhalb dieser Richtlinien leitet jeder Bundesminister seinen Geschäftsbereich selbstständig und unter eigener Verantwortung.” Schon diese Sätze verböten, dass das Kanzleramt in alle Ministerien hineinregiert, sagt der Beamte und legt die Verfassung wieder weg.

Andererseits muss das Kanzleramt über alles Wesentliche im Bilde sein. Es holt sich die Informationen aus den Ministerien, wenn es denn sein muss. Ein anderer beschreibt denn auch die Rolle des Amts etwas offensiver: „Wir müssen im Film sein, was in den Häusern läuft.” Im Zweifel sei schließlich auch die Kanzlerin aufgefordert zu schlichten, wenn Ministerien über Kreuz lägen. „Koordinierungsfunktion” nennt das de Maizière. So ist das Kanzleramt spiegelbildlich zu allen Ministerien aufgebaut. Für alle Bereiche, um die sich Ministerien in der Bundesregierung kümmern, gibt es ein entsprechendes Referat im Kanzleramt. Von sozialer Sicherung und Rente bis hin zu Terrorismus und Extremismus.

Diese Allzuständigkeit erklärt auch de Maizières graue Haare. Denn alles Relevante wandert wiederum über seinen Tisch, bevor es die Kanzlerin sieht. Das Amt muss filtern und dann noch einmal der „Chef BK”. Filtern, verknappen und, wo es wichtig wird, den richtigen Zeitpunkt zum Entscheiden finden, erklärt de Maizière. Die eigenartige Ruhe im Amt ist gewollt. „In der Hektik entstehen Fehler.”

Draußen wartet eine Besuchergruppe. Kameras klicken. Rund 60 000 Besucher werden pro Jahr durch das Gebäude geführt. Werbung muss das Kanzleramt nicht machen. Die Gruppen melden sich von selbst an. Nach sechs bis zwölf Monaten öffnet sich dann das versenkbare Tor an der Einfahrt. Schon draußen scheinen die Gäste von dem Bauwerk beeindruckt, in dem sich Monumentales mit Verspieltem mischt. Der Bau wirkt, als hätte ein Riesenkind mit Riesenbauklötzen gespielt: da ein großer Rundbogen, dort eine Säule, die so recht keine andere Funktion hat als nur die Größe der Fassade zu brechen.

Alt-Kanzler Gerhard Schröder hat bekanntlich vor dem Einzug über die Größe genörgelt: „Ein bisschen kleiner täts auch.” Aber nach acht Jahren Nutzung scheint der Bau doch ganz gut zur Mittelmacht Deutschland zu passen, die als größte Volkswirtschaft Europas sicher im 60. Jahr ihres Bestehens in der Weltliga mitspielt, aber darauf achtet, ihre Rolle nicht zu überreizen.

Drinnen schleichen die Besucher durch den Kabinettssaal, entlang der Galerie der Porträts früherer Kanzler. Ermattet setzt sich die Gruppe in die Stühle vor der blauen Wand, wo Merkel ihre Pressekonferenzen abhält. Fragen stellen sie, die auf Einladung der CDU-Abgeordneten Anita Schäfer nach Berlin gekommen sind, kaum. Eine Frau beschreibt den Bau als Ausdruck einer „neuen Sachlichkeit”. Eine andere meint: „Wir brauchen ja auch kein Schloss.” Die Bürger sind zufrieden mit dem, was sie gesehen haben. Sie finden sich mit dem Gebäude ganz gut und zeitgemäß repräsentiert.

Den vielleicht wichtigsten Raum im Kanzleramt haben sie freilich nicht zu Gesicht bekommen. Unspektakulär ist das Eckzimmerchen im siebten Stock, in das die Kanzlerin zur fast täglichen Morgenlage bittet. Ein runder Tisch, ein paar Stühle drum herum. In der Ecke eine kleine Plastik von Max Ernst. Nur rund zehn Leute umfasst der Kreis.

Neben Merkel nehmen Regierungssprecher Ulrich Wilhelm, ihre Büroleiterin Beate Baumann, ihre Medienberaterin Eva Christiansen, Staatsminister Hermann Gröhe - verantwortlich für die Bund-Länder- Koordination - und natürlich de Maizière und dessen Büroleiter teil. Manchmal schauen auch der CDU-Generalsekretär Ronald Pofalla und der Parlamentarische Geschäftsführer Norbert Röttgen vorbei. Was in der Morgenrunde besprochen wird, dringt nie nach draußen. In diesen Wochen wird der Wahlkampf auch hier im Mittelpunkt stehen.

In der „Lage” kann die Kanzlerin auch mal Emotionen zeigen. Das Amt um sie herum zeigt sie nicht - und wird sie nie zeigen. Hier wird gedient - in konzentrierter Stille, egal wer nach dem 27. September im Regierungshimmel sitzen wird.