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Rom: Die neuen Todsünden des Vatikans sind gar keine

Rom : Die neuen Todsünden des Vatikans sind gar keine

Geiz und Neid, aber auch Wollust, Völlerei, Stolz und Faulheit sind für den Katholiken verwerfliche Hauptsünden - darunter manches, was in heutiger Zeit schlicht als Lebensstil oder Form der Selbstverwirklichung fröhliche Urständ feiert.

Eine Todsünde ist es dagegen, jemanden zu ermorden oder Ehebruch zu begehen. Tagelang machte jetzt international Schlagzeilen, was nach einem Umkrempeln des alten Sündenarsenals durch den Vatikan aussah, nach Anpassung an das Zeitalter der Globalisierung - wer Giftiges in die Natur kippe, Genmanipulationen am Menschen vornehme oder Drogen nehme, der begehe eine von den „neuen Todsünden”.

Der Wirbel um diese angeblich neuen Top-Sünden wurde dem Vatikan dann schließlich zu bunt: „Die Medien treiben mal wieder Unfug”, so ein erzürnter Kommentar dazu aus Rom.

Losgetreten hat das alles ein Vatikanexperte für das Bekennen von Sünden: Auf einem einwöchigen Fortbildungsseminar für Beichtväter ließ Bischof Gianfranco Girotti moderne Verfehlungen diskutieren. Und er begründete dies so: „Neue Formen der Sünde zeigen sich am Horizont der Menschheit, als Begleiterscheinung der unaufhaltsamen Globalisierung.”

Gewicht bekam der bischöfliche Vorstoß, weil die Vatikanzeitung „Osservatore Romano” über Girottis „neue Formen der sozialen Sünde” berichtete. „Die Liste der von der katholischen Kirche verurteilten Todsünden verlängert sich”, warnte prompt die römische „La Repubblica” ihre Leser vor. Und die Madrider „El Mundo” titelte so: „Wer seinen Müll nicht recycelt, kommt in die Hölle.”

Beichtväter sollen fit gemacht werden für das, was ihnen heutzutage im Kirchendunkel bekennend zugetragen wird: Da handelt einer mit Drogen, der andere kommt nicht davon los. Oder er kann nicht davon lassen, Kinder zu missbrauchen.

„Vor allem auf dem Feld der Bioethik können wir nicht darauf verzichten, jede Verletzung der Grundrechte der menschlichen Natur zu brandmarken”, erläuterte der Bischof. Das zielt auf Genmanipulation und fragwürdige Experimente mit dem Menschen. Dazu kommen die Umweltsünden. Eine Sünde ist es so auch, den Graben zwischen den Armen und Reichen weiter zu vertiefen.

„Der Vatikan hat nur auf moderne Verstöße gegen Gott und den Menschen hingewiesen”, hält Pater Eberhard von Gemmingen, Chef der deutschsprachigen Abteilung von Radio Vatikan, dazu fest: „Ich warne davor, alles zu glauben, was in Sachen Kirche in der Zeitung steht - höchste Vorsicht ist geboten.”

Und wenn der Pater anmerkt, dass es bei diesem „Unfug” ums Geldverdienen geht, dann hätte er also diese Medien praktisch bei einer Sünde erwischt. Moderne Menschen könnten aber doch eigentlich nur jubeln, „dass die Kirche sich mit heutigen Fragen befasst”, wird die Medienschelte aus dem Vatikan untermauert.

Wieder mehr Bedeutung für die Beichte, aufgewertet durch eine zeitgemäßere, aufgefrischte Liste der Sünden? In den Beichtstühlen krisele es bereits seit geraumer Zeit, die Mehrheit der Katholiken gehe nicht mehr zur Beichte, so soll Girotti geklagt haben. Auch die Kinderschänder erwähnt er dann als Sünder, nach den Fällen sexuellen Missbrauchs durch Kirchenleute etwa in den USA ein heikles Thema - auch wenn nicht alles Schlimme gleich Todsünde und Hölle bedeutet.